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Heidi Beilstein zeigt im Museum Schloss Adelsheim prächtige Scherenschnitte

»Ich wollt', ich wär ein Huhn«

Heidi Beilstein hatte allen Grund zur Freude, aber wenig Zeit dafür. Hier signiert sie einem Ausstellungsbesucher ihr Buch. (Fotos: Meister)
»Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.«

Berchtesgaden – Das Museum Schloss Adelsheim ist seit Samstag um eine Attraktion reicher. Bis zum 30. August gackern, balzen und flanieren hier »Lichtenbergs Hühner« im großen Ausstellungsraum des Nebengebäudes. Die Oldenburger Künstlerin Heidi Beilstein präsentiert mehr als 40 ihrer Scherenschnitt-Blätter, die auf Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg fußen beziehungsweise aus ihnen gewachsen sind. Das mit scheinbar leichter Hand zum Leben erweckte und mit viel Witz und Ironie ausgestattete stolzierende Federvieh agiert bei Heidi Beilstein sehr menschlich, hält dem betrachtenden, wie die Protagonisten ebenfalls auf zwei Beinen stehenden Menschen den Spiegel vor, in dem er sich wiederfinden kann.


Aufgeplustertes Federvieh tanzt über die scharfzüngigen Aphorismen Lichtenbergs und hält der Menschheit auf teilweise gnadenlose Art den Spiegel vor. Immer auch mit einer gehörigen Portion Humor und viel Ironie serviert. Was Georg Christoph Lichtenberg vor rund 200 Jahren in seinen »Sudelbüchern« notierte, hat seine Gültigkeit nie verloren.

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Ein wenig verloren hatte sich nur die Erinnerung an den großen Denker. Dank Heidi Beilstein scheint nun wieder ein wenig Licht auf ihn. Denn Heidi Beilsteins und Lichtenbergs Hühner brachten auch einen interessanten Nebeneffekt: In Oldenburg, sagt Ausstellungsmacher Peter Reimers, sei mit der Präsentation von »Lichtenbergs Hühnern« in den Buchhandlungen die Nachfrage nach Lichtenbergs Aphorismen eminent gestiegen.

Es ist wirklich eine besondere Ausstellung, die derzeit im Schloss Adelsheim gezeigt wird. Als Heidi Beilstein im Norden ein Ausstellungsangebot erhielt, kam sie bald auf das Huhn, in dem sich menschliches Tun vorzüglich transportieren ließ. Und als weiteres Transportmittel hatten sich auch ebenso rasch die Lichtenbergschen Texte gefunden, nachdem beispielsweise Morgenstern und Ringelnatz zwar in Betracht gezogen, aber nur auf den Plätzen gelandet waren.

Heidi Beilsteins Hühner sind schön. Keine Karikaturen des Huhns sind es, die sie aus dem von ihr selbst gezerrten, gefalteten, zerknüllten, mit verschieden Farben und Wasser bespritzen Papier schneidet. Heidi Beilstein liebt die klaren Linien. Wenn sie mit kleiner scharfer Schere ihre Hühner aus dem wie beschrieben malträtierten Papier wachsen lässt, scheint sie ihnen geradezu Leben einzuhauchen.

Lichtenbergs Aphorismen regten sie immer wieder neu zu bildnerischen Deutungen an, die dem Betrachter einfach Laune machen. Und für den Rezensenten könnten Heidi Beilsteins Arbeiten ein reichlich sprudelnder Quell von Wortschöpfungen sein. Bizarr sind ihre Hühner, filigran mitunter, skurril gelegentlich, philosophisch, politisch und manchmal in grotesken Stellungen.

Das alles und noch eine lange Reihung solcher Begriffe dazu darf oder muss man sagen zu den Werken der Oldenburger Künstlerin. Dabei ist sie, was nahe liegen könnte, wenn eine Frau die Gelegenheit bekommt, dem stolzen Hahn die Schwanzfedern zu rupfen, in ihren Arbeiten weitab von feministischen Rachefeldzügen. Bei ihr bekommen die selbstgefälligen und eitlen Gockel wie die einfältigen, selbstverliebten Hennen gleichermaßen ihr Fett ab.

Bei der Vernissage am Samstagabend gab es natürlich die obligatorischen Reden. Museumschefin Friedl Reinbold hatte die Gelegenheit, eine lange Liste von Extragästen abzuarbeiten, hatten doch viele Gäste nicht den strapaziösen Weg von Oldenburg nach Berchtesgaden gescheut. Darunter waren auch der ehemalige Bundestagsabgeordnete Thomas Kossendey und die Kunsthistorikerin Dr. Irmtraud Rippel-Manß, die umfassend und kompetent die Besonderheiten von Heidi Beilsteins Hühnerhof und die Auferstehung des Scherenschnitts schilderte. Kossendey verfolgte lobend die Kulturaustauschlinie zwischen Oldenburg und Berchtesgaden und erinnerte an den bayerischen König Otto, der mit Gattin Amalie von Oldenburg in Griechenland regierte. Fällige Zahlungen der Griechen seien auch damals ausgeblieben.

Landratstellvertreter Rudolf Schaupp wünschte der Ausstellung ebenso Erfolg wie Berchtesgadens Marktbürgermeister Franz Rasp. Schaupp, der den verhinderten Landrat Georg Grabner vertrat, stellte in Aussicht, dass dieser mit Engagement und finanziellem Beistand Peter Reimers nächstes Projekt in Berchtesgaden unterstützen wolle. Was Ausstellungsmacher Reimers, der mit »Lichtenbergs Hühnern« bereits seine sechste Ausstellungsidee in Süd und Nord realisierte, Blicke auf neue Initiativen seinerseits werfen ließ.

Es gäbe noch viel Schönes über die Ausstellung zu berichten. Auch über das begleitende Buch, das nur noch in minimalem Rest vorrätig blieb, und über die Künstlerin Heidi Beilstein, die während der Eröffnung ihrer Ausstellung kaum Zeit hatte, sich über die große Resonanz zu freuen, weil sie Dutzende Bücher mit kunstvoller Schrift signierte. Aber, wie sagte schon der kluge Lichtenberg: »Die Gesundheit sieht es lieber, wenn der Körper tanzt, als wenn er schreibt«. Dieter Meister