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»Ich würde es immer wieder so machen«

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Maria Stanggassinger mit ihrer Katze Emma, Schwester Elisabeth und dem Betreuer der Lebenshilfe Berchtesgadener Land, Simon Haberkorn. (Foto: Pfeiffer)

Bischofswiesen – Maria Stanggassinger liebt Emma über alles. Es ist ihre erste Katze, um die sich die Bischofswieserin alleine kümmert – in ihrer Wohnung, im Haus der verstorbenen Eltern. Elisabeth, Marias große Schwester, betreut die Jüngere – seit 38 Jahren. Betreutes Wohnen in Familien soll in der Region nun Schule machen.


Maria Stanggassinger lacht, als ihr Emma entgegenflitzt. »Hier oben wohne ich«, sagt die 38-Jährige. Sie ist geistig behindert. »Im Alltag benötigt sie hin und wieder Hilfe«, sagt Elisabeth Stanggassinger, die große Schwester, die im Elternhaus die untere Wohnung bewohnt.

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Maria ist wie Elisabeths Tochter: Die beiden unternehmen viel gemeinsam, sie kochen, gehen zum Einkaufen. Dinge, die Maria alleine nicht schaffen würde.

Postbote, Feriengäste und jede Menge Durcheinander

Am Vormittag gab es etwa so einen Fall, der Maria an ihre Grenzen stoßen ließ. Der Postbote kam, er hatte ein Paket dabei, Zahlung per Nachnahme, 33,75 Euro. Gleichzeitig klingelte das Telefon, die Feriengäste wollten auch noch etwas. »Maria weiß in so einer Situation dann nicht mehr, was sie zuerst machen soll«, sagt ihre Schwester.

Für ihre kleine Wohnung im ersten Stock ist die 38-Jährige eigenverantwortlich. Gerne zeigt sie dem Besuch ihr kleines Reich: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad. Maria putzt, sorgt dafür, dass es sauber ist. Emma, die Katze, möchte ihr Futter haben. Hin und wieder kommt Schwester Elisabeth auf Stippvisite vorbei, schaut, dass das Bett gemacht ist, weist daraufhin, wenn es Zeit ist aufzuräumen.

Das Zusammenleben im ehemaligen Haus der Eltern klappt gut. »Ich kann mir nichts anderes vorstellen«, sagt Elisabeth Stanggassinger. Tagsüber geht Maria Stanggassinger einem Beruf nach. Sie arbeitet in den Pidinger Werkstätten in der Küche, schnippelt Karotten, schält Kartoffeln, putzt die Küche. Für ihre Tätigkeit bekommt sie ein bisschen Geld. Nicht viel, 150 Euro im Monat, mit dem sie dann machen kann, was sie möchte.

»Arbeitsähnliche Tätigkeit« heißt das im Fachjargon, sagt Simon Haberkorn von der Lebenshilfe Berchtesgadener Land. Er betreut Familie Stanggassinger, steht für Fragen zur Verfügung, kommt vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Denn die Stanggassingers haben im Landkreis eine Vorreiterrolle eingenommen: Das betreute Wohnen für geistig Behinderte in einer Familie wird seit diesem Jahr seitens des Bezirks mit einem monatlichen Betreuungsgeld belohnt. 550 Euro bekommt Elisabeth Stanggassinger überwiesen. Bislang gab es dafür nie etwas, weiß Simon Haberkorn.

Sein Ziel ist es, fünf Familien im Landkreis zu finden, die geistig behinderte Mitbürger aufnehmen. Die bei ihnen wohnen, sich dort eigenständig einbringen können. »Das ist eine hervorragende Alternative zur Unterbringung in einem Heim«, sagt Haberkorn. Es ist in der Tat die beste Variante. Denn in einem Heim werde man zwar »rundum versorgt«, doch die individuelle Förderung kann im kleinen Rahmen einer Gastfamilie im besten Fall besser gewährleistet werden.

Emma: Marias Ein und Alles

Elisabeth Stanggassinger wirft ihrer Schwester ein Lächeln entgegen, als Maria wieder von Katze Emma zu sprechen beginnt. Die getigerte Katze bereitet der jungen Frau viel Freude, »sie ist ihr Ein und Alles.« Erst kürzlich hat Maria Stanggassinger an einem Mobilitätstraining teilgenommen. Wie fährt man alleine Bus, wie Taxi? Grundsätzlich ist das für sie kein Problem, wenn da die Sache mit dem Geld nicht wäre. »Maria hat zu Geld kaum Bezug«, sagt ihre Schwester. Beim Einkaufen kann das mitunter Probleme mit sich bringen. Elisabeth Stanggassinger ist eine starke Frau, die ihre Schwester all die Jahre mit großer Kraft unterstützt hat. »Ich hatte meinem Vater vor dessen Tod versprochen, mich um Maria zu kümmern. Das Versprechen halte ich«, sagt die große Schwester.

Dafür hat sie auch zurückstecken müssen. »Ich würde es immer wieder so tun und mich für meine Maria entscheiden. Sie macht mich jeden Tag aufs Neue glücklich.« Gemeinsam gehen die Schwestern häufig zum Schwimmen, vor allem in die »Rupertus Therme« oder in das Marzoller Freibad.

Maria Stanggassinger besucht häufig Volksfeste, erst kürzlich ging es in den »Bayern Park«. Der Tagesausflug war eine große Freude für sie.

Simon Haberkorn sagt, dass das Zusammenleben bei den Stanggassingers besonders gut funktioniere. Natürlich wünscht er sich, dass die Lebenshilfe Berchtesgadener Land weitere Familien finden wird, die bereit sind, einen geistig behinderten Mitbürger aufzunehmen und ein Zimmer zur Verfügung zu stellen.

Mit dem Ziel der Förderung der Inklusion, der Verbesserung der Lebenssituation – und natürlich der Verselbstständigung des Betroffenen. Aktuell hat Maria Stanggassinger keinen Freund, sie ist zufrieden wie es ist. Dennoch ist sie zuversichtlich, bald wieder einen zu finden. Solange ist sie mit Emma gut beschäftigt: der dreijährigen Katze, die sie immer auf Trab hält. Kilian Pfeiffer