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In 5 000 Arbeitsstunden zu einem schwimmenden Kunstwerk

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Der Rumpf wird noch verspachtelt und gestrichen.
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In der Königssee-Werft gibt es in nächster Zeit viel zu tun.
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Motor und Welle sind bereits eingebaut.
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22 Meter lang und 3,90 Meter breit ist der Stahlrumpf, der in der Königssee-Werft auf seinen Aus- und Aufbau wartet. Bootsbaumeister Sebastian Maltan hat die Planungsarbeiten ziemlich abgeschlossen. (Fotos: Kastner)
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Bootsbaumeister Sebastian Maltan hat jeden Millimeter des neuen Bootes genau berechnet.
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Ruder und Schraube wären schon einsatzbereit.

Schönau am Königssee – Gerade groß genug ist die Werfthalle der Schifffahrt Königssee. Der Stahlrumpf für das neue Schiff – in der Fachsprache Kasko genannt – lässt vorne und hinten kaum mehr einen halben Meter Platz. 22 Meter Länge, 3,90 Meter Breite und zehn Tonnen Gewicht – das sind die nackten Zahlen, an denen sich die Schifffahrtler, durch die Bank gelernte Fachhandwerker, nun über ein Jahr lang orientieren müssen. Ihr Job ist es, dem von der Lux-Werft in Niederkassel-Mondorf hergestellten Rumpf einen hölzernen Aufbau und die technischen Anlagen zu verpassen. Eine Herausforderung ist der Bau des bislang größten Königssee-Schiffs, das im Mai nächsten Jahres in Betrieb genommen werden soll, aber vor allem für Bootsbaumeister Sebastian Maltan. Denn verrechnen sollte sich der Bischofswieser möglichst nicht.


Der 53-Jährige geht die Aufgabe allerdings sehr selbstbewusst an. Das darf er auch, denn seit seiner Meisterprüfung im Jahr 1991 hat er bereits zehn Boote konstruiert und deren Bau geleitet. Und alle sind geschwommen. »Allerdings war noch keines so groß«, räumt Maltan ein. Wenn es fertig ist, dann wird es – je nach den TÜV-Vorgaben – rund 100 Personen oder mehr befördern können.

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Bis es so weit ist, wird es allerdings noch lange dauern, denn aktuell ist außer dem rund 60 Jahre alten Elektromotor, den die Schifffahrt noch in Reserve hatte, der Welle und der Schraube, fast nichts eingebaut. Zu sehr beschäftigt sind die Handwerker noch mit der Sanierung der anderen Boote. »Die Saison hat lange gedauert, es war nur wenig Zeit für große Überholungsarbeiten«, weiß Bootsbauer Maltan, der in den letzten Tagen noch die letzten Berechnungen durchführte.

Arbeit für zwölf Handwerker

»Jetzt geht es aber langsam los«, freut sich der 53-Jährige. Nach und nach werden bis zu zwölf Handwerker – Schlosser, Elektriker, Schreiner, Maler und Sattler – aus dem zehn Tonnen schweren Metallteil mit seinen 16 Schotten ein gemütliches Ausflugsboot machen. Zwischen 4 500 und 5 000 Arbeitsstunden werden dafür notwendig sein.

Einiges an Vorarbeit ist bereits erledigt. Bootsbaumeister Maltan hat schon umfangreiche und komplizierte Planungsarbeit geleistet, die Schreiner haben – wenn Zeit war – schon einmal hölzerne Aufbauteile vorgefertigt. Vieles kann aber erst am Boot selbst eingepasst werden. Das beginnt mit dem Aufbringen des Gangbords, das wegen eindringender Feuchtigkeit sehr anfällig ist. Nur Mahagoniholz hält den Anforderungen stand, heimisches Lärchenholz würde bei Sonneneinstrahlung reißen. Das Mahagoniholz wird außerdem in Zwei-Jahres-Abständen abgekratzt. »Es sieht dann aus wie neu«, weiß Sebastian Maltan. Früher hat man versucht, die Fugen möglichst dicht zu bekommen. Ohne Erfolg – die Feuchtigkeit drang ein, das Holz faulte. Heute weiß man, dass eine Hinterlüftung das beste Mittel gegen Fäulnis ist.

Mit dem Einbau der Fenstersäulen wächst das Boot dann in die Höhe. Hier wird eine Mischung aus Mahagoni, Kiefer, Fichte und Rüster verwendet. Aus Rüsterholz besteht die ganze Innenverkleidung des Bootes. »Das Hartholz ist stabil und sieht gut aus«, erklärt der Meister. Die Säulen tragen die Dachlängsholme und letztendlich die Dachspriegel, die den Sparren beim Hausbau entsprechen. Die Konstruktion wird dann mit wasserfest verleimtem Sperrholz abgedeckt. Damit die Sonne dem Holz nicht zusetzt, bringt man eine mit Öllack betränkte Leinwand auf. »Ansonsten würde das Holz reißen«, erklärt Maltan.

Technik und Verkabelung

Den Fußboden des Boots bildet die sogenannte Schottdecke, die direkt auf die Schotte gelegt wird. Zuvor aber müssen Schlosser und Techniker noch tätig werden. Sie bauen unter anderem die Lenzanlage ein, mit der von Zeit zu Zeit angesammeltes Kondens- und Regenwasser aus dem Rumpf abgepumpt werden kann. Elektriker verlegen zahlreiche Kabel für den Anschluss der Batterien, für die Beschallungsanlage, für Licht und anderes.

Abschließend erfolgt der Innenausbau des Bootes. Die Fensterscheiben sind Maßanfertigungen, die Sitzbänke und den Führerstand bauen die Handwerker der Schifffahrt selbst. Sebastian Maltan weiß, dass das alles noch sehr viel Arbeit sein wird, zumal es nicht mehr lange bis zum Saisonstart ist. »Dann werden wir wohl nur noch zu dritt mit dem Boot beschäftigt sein, weil die anderen im Schiffsverkehr eingesetzt sein werden«, sagt der Bischofswieser. Erst im nächsten Winter wird wieder richtig was weitergehen in der Königsseer Werft, damit pünktlich im Mai die Schiffstaufe gefeiert werden kann.

Name und Taufpatin gesucht

Das ist aber noch Zukunftsmusik, so weit will man noch nicht vorausdenken. So sind derzeit weder der künftige Bootsname noch die Taufpatin bekannt«. »Beim Namen wählt man normalerweise einen Ort oder einen Berg. Die Taufpatin wird wohl eine prominente Person sein«, sagt Sebastian Maltan nur.

Respekt hat der Bootsbaumeister vor der noch bevorstehenden Arbeit zwar schon. »Aber eine weitaus größere Herausforderung war da mein erstes Boot«, sagt der 53-Jährige. Bei seinem Meisterstück im Jahr 1991 musste er nämlich auch den Holzrumpf selbst planen und bauen. Da hat er es jetzt mit dem Stahlrumpf schon viel einfacher. Das Metall hat den Vorteil, dass das Boot im Winter nicht aus dem Wasser gehoben werden muss. Deshalb ist es nun schon die vierte Stahlkonstruktion bei einem Boot der Königssee-Schifffahrt. Die anderen zwölf Boote haben noch den klassischen Holzrumpf.

Die »Falkenstein« ist fast 100 Jahre alt

So beispielsweise auch das älteste Königssee-Schiff, die »Falkenstein« aus dem Jahr 1922. »An dem Boot ist aber nichts mehr original«, weiß Sebastian Maltan. Denn fast jedes Jahr werden bei den alten Booten irgendwelche Teile ausgetauscht, sogar Teile des Holzrumpfes können erneuert werden. Hier spart man sich mit den neuen Stahlkonstruktionen doch eine Menge Arbeit. Und mit dem Eigenbau natürlich auch Geld. Vergleichsweise günstige 360 000 Euro kostet die Schifffahrt das in Eigenarbeit erstellte Boot, das Besuchern aus aller Welt viele Jahrzehnte lang ein einzigartiges Natur- und Kulturerlebnis bescheren wird. Ulli Kastner