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»Insula«-Tagespflege schließt zum 30. Juni

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Vor allem demenzkranke Senioren erfuhren in der »Insula«-Tagespflege seit zehn Jahren eine gute Betreuung. Die Schließung der Einrichtung zum 30. Juni ist deshalb für betroffene Familien und für die Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft, Roswitha Moderegger, eine Katastrophe. Foto: Anzeiger-Archiv/Pfeiffer

Bischofswiesen – Groß war der Unmut, als kürzlich Pläne zur Übernahme der Trägerschaft über die Kindertagesstätte Winkl durch das Diakoniewerk Hohenbrunn (Insula) bekannt geworden waren (wir berichteten). Das Projekt ist mittlerweile auf Eis gelegt, doch jetzt sorgen andere »Insula«-Pläne erneut für Aufregung. Die Einrichtung will die vor allem für Alzheimer-Patienten und ihre Angehörigen so wichtige Tagespflege schließen – und das bereits zum 30. Juni. Die Einrichtung hatte zuletzt wegen zu geringer Auslastung rote Zahlen geschrieben.


»Insula«-Leiter Rolf Hopmann bestätigte die »betriebsbedingte« Schließung der Tagespflege zum 30. Juni gestern Freitag auf Anfrage des »Berchtesgadener Anzeigers«. In einer Pressemitteilung verweist Hopmann auf die seit dem Sommer 2013 rückläufigen Zahlen der Tagesgäste – und eine Veränderung sei nicht erkennbar. »Der Bedarf an Tagespflegeplätzen scheint im südlichen Landkreis zurzeit nicht zu bestehen«, heißt es in der Pressemitteilung. Und das, obwohl die allgemeine demografische Entwicklung eigentlich auf die Notwendigkeit solcher Einrichtungen schließen lässt.

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Einrichtungsleiter Rolf Hopmann hatte den Tagesgästen und ihren Angehörigen kürzlich die Situation erklärt. Man hatte erfahren, dass von den angebotenen 19 Plätzen derzeit im Durchschnitt lediglich sieben Plätze belegt seien – für eine Kostendeckung viel zu wenig. Nach den Berechnungen der »Lebenswelt Insula« müssten durchschnittlich 15 Personen das Angebot der Tagesbetreuung annehmen, um eine Kostendeckung zu erreichen. »Die bisher aufgelaufenen Verluste können nicht kompensiert werden und machen die Schließung nötig«, erklärt Rolf Hopmann.

Für Roswitha Moderegger, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Berchtesgadener Land, die die Tagespflege vor rund zehn Jahren maßgeblich mit aufgebaut hatte, ist diese Schließungsnachricht eine Hiobsbotschaft. »Patienten und Angehörige stehen künftig im luftleeren Raum, das ist eine Katastrophe«, sagt Moderegger, die auch 15 Jahre lang Sprecherin der Tagespflege in Bayern war. Sie sieht nun den Landkreis und die Gemeinden gefordert. »Wir brauchen ein System, das Familien mit Demenzkranken unterstützt«, fordert Roswitha Moderegger. Sie befürchtet, dass die Angehörigen nun alleine gelassen werden. Denn bislang konnten sie ihre zumeist demenzkranken Angehörigen zur eigenen Erholung für einige Stunden in der Tagespflege abgeben.

Roswitha Moderegger bestätigt die Aussage Rolf Hopmanns, dass mit der »Insula«-Tagespflege große Zufriedenheit herrschte. So hatte der MDK Bayern erst kürzlich bei einer Prüfung die hervorragende Arbeit in der Bischofswieser Tagespflege bestätigt. Trotzdem lässt die Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft die Begründung, dass die Auslastung zu schlecht sei, nicht so einfach gelten. »Es stimmt zwar, dass die Auslastung schlecht ist und die Kosten hoch sind, aber dann muss ich halt etwas unternehmen«, so ihr Vorwurf. Die Schönauerin ist der Ansicht, dass man durch bessere Werbung, durch Vorträge und Gespräche mit Pflegediensten und Ärzten den Bekanntheitsgrad der Einrichtung hätte erhöhen können. »Hier ist einfach zu wenig gemacht worden.«

Ganz aufgegeben hat Roswitha Moderegger die Hoffnung auf einen Fortbestand der »Insula«-Tagespflege noch nicht. Eine Chance sieht sie unter anderem darin, die Kosten zu senken. Derzeit bemüht sie sich bei der Regierung von Oberbayern und bei der Pflegekasse Coburg um größere Spielräume für die Träger. »Die Auflagen sind schon sehr hoch. Die vorgeschriebene Größe der Einrichtung könnte doch genauso reduziert werden wie die Öffnungszeit. Warum müssen es immer fünf Tage sein, eine Drei-Tage-Öffnung wäre doch ein Kompromiss«, fordert die Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft.

Auch Rolf Hopmann signalisiert, dass bei einer Kostendeckung der Fortbestand der Einrichtung möglich wäre. »Wenn bis 30. Juni mindestens die Durchschnittszahl von 15 Tagesgästen erreicht sein sollte, dann würden wir die Entscheidung sicherlich überdenken«, ließ er kürzlich die Angehörigen von Tagesgästen wissen. Auch wenn im Zuge der demografischen Entwicklung der Bedarf steigen sollte, will man nach den Worten des Einrichtungsleiters wieder eine Tagespflege in der »Insula« anbieten.

Roswitha Moderegger will den Kampf um die Tagespflege aber noch nicht aufgeben. Über die Alzheimer Gesellschaft hat sie in den letzten Jahren einen Helferkreis aufgebaut, der Familien mit Alzheimerpatienten unterstützt. Doch die Schönauerin weiß, dass das nicht reicht. Ulli Kastner