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Inzest, Aggressionen und Fress-Attacken

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»Inzest ist unter Tieren durchaus möglich«, so der Diplom-Biologe Ulrich Brendel. (Foto: Vietze)

Berchtesgaden – Heute ist der internationale Tag des Geschlechtsverkehrs. Ein guter Anlass, sich mit der Fortpflanzung im Tierreich zu beschäftigen. Wie verhalten sich Tiere beim Sex? Gibt es grundlegende Unterschiede beim Paarungsakt? Diese und andere Fragen beantwortete Ulrich Brendel. Der Biologe leitet das »Haus der Berge«.


Herr Brendel, wodurch unterscheidet sich grundsätzlich das Sexualverhalten der Tiere von dem der Menschen?

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Ulrich Brendel: Der Geschlechtsverkehr dient bei fast allen Tieren nur zur Fortpflanzung. Menschen haben auch aus Lust Sex – wahrscheinlich sogar überwiegend. Das ist mit einer Ausnahme bei allen Tieren nicht gegeben. Sie wollen nur ihre Gene weitergeben und somit die Population erhalten.

Welches Tier ist die Ausnahme?

Brendel: Der Bonobo-Schimpanse.

Inwiefern?

Brendel: Der Zwergschimpanse aus Kongo hat auch aus Lust Geschlechtsverkehr. Aber nicht nur das. Er benutzt den Sex zur Konfliktlösung oder -vermeidung, damit in seinem sozialen Umfeld Frieden herrscht. Bonobos haben regelmäßigen Sex, um ihre Aggressionen abzubauen. Nicht nur wegen Fortpflanzung. Außerdem wechseln sie ihre Sexualpartner.

Welche Besonderheiten gibt es bei Tieren, die zur Fortpflanzung Sex haben?

Brendel: Man muss zunächst bedenken, dass die meisten Tiere unterschiedliche Verhaltensmuster haben. Am bekanntesten ist der Wettbewerb der Männchen innerhalb einer Tierart. Sie wollen das Weibchen beeindrucken. Wer sie nämlich am meisten beeindruckt, hat in ihren Augen die besten Gene. Ein Beispiel ist der Rothirsch. Wer in dem Rudel am lautesten röhrt, das größte Geweih hat oder das größte Kraft- und Durchsetzungsvermögen besitzt: Der darf sich mit dem Weibchen paaren.

Haben Sie auch ein Beispiel aus dem Nationalpark?

Brendel: Spontan fallen mir jetzt die Murmeltiere ein. Sie leben im Familienverbund. Der Chef ist der alte Bär. Dieser Bär lebt mit verschiedenen Weibchen und will sich mit möglichst allen paaren. Unter den Weibchen gibt es eine Hierarchie. Nur das dominante Weibchen soll Nachwuchs bekommen. Deshalb übt sie viel Stress auf die rangniedrigeren Weibchen aus, sodass deren Föten absterben.

Was passiert, wenn das dominante Weibchen stirbt?

Brendel: Das zweitstärkste Weibchen steigt zur Ranghöchsten auf und macht dasselbe wie ihre Vorgängerin. Somit ist die Reproduktion gesichert. Zudem helfen die Schwächeren bei der Nachwuchserziehung.

Gibt es merkwürdige Sex-Szenarien?

Brendel: Einige weibliche Spinnen fressen die männliche Spinne nach dem Paarungsakt auf. Das Männchen hat nur das Lebensziel, dem Weibchen bei der Fortpflanzung zu helfen. Danach ist es biologisch nutzlos und dient nur noch als Nahrung. Unter anderem deshalb ist das Weibchen auch größer als das Männchen.

Gibt es Probleme bezüglich der Populationsgröße der Nationalparktiere?

Brendel: Mir fällt jetzt kein konkretes Beispiel ein. Allerdings ist Mobilität sehr wichtig für die Populationserhaltung. Wenn eine Teilpopulation von anderen Populationen der gleichen Art isoliert lebt und somit kein Genaustausch nach außen stattfindet, entsteht leicht folgendes Problem: Wird die kritische Grenze der Genvariabilität unterschritten, so stirbt die Tierart in absehbarer Zeit aus.

Kommt dann Inzest auch vor?

Brendel: Inzest ist unter Tieren durchaus möglich. Beispielsweise kommt es vor, dass Steinadler nach ihrer Rückkehr ins Brutgebiet mit Verwandten ein Revier besetzen und sich in der Folge auch paaren.

Ist das ein Problem?

Brendel: Nein. Solange die Fortpflanzung nicht im »geschlossenen Raum« stattfindet. Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass schon in der nächsten Generation wieder genug fremdes Blut dazugemischt wird. Dass sich erneut ausschließlich verwandte Individuen paaren, ist äußerst unwahrscheinlich.

Wie lange dauert der Sex bei Tieren?

Brendel: Das variiert bei den Tierarten. Die Vogelarten benötigen drei bis zehn Sekunden, da die Penetration oft ein hoch komplizierter Balanceakt ist und nur zur Fortpflanzung dient. Bei Hunden kann das schon länger dauern. Solange die Schwellkörper im Penisknochen des Rüden mit Blut gefüllt sind, hängt er nämlich regelrecht in der Artgenossin fest.

Wie oft haben Tiere Geschlechtsverkehr?

Brendel: Da gibt es wiederum deutliche Unterschiede. Prinzipiell achten die Männchen auf die Empfängnisbereitschaft des Weibchens. Sie setzen zielgerichtet ihre Energie zur Fortpflanzung ein. Sie können schon mehrmals Sex im Jahr beziehungsweise in ihrem Leben haben. Aber keinesfalls so häufig und regelmäßig wie Menschen oder Bonobo-Schimpansen. Männliche Spinnen haben oft nur ein einziges Mal Sex.

Können Tiere verhüten?

Brendel: In der Form, wie wir Menschen das verstehen, nicht. Bewusste Verhütung gibt es nur beim Menschen. Allerdings ist es möglich, dass sich das Weibchen auf mehrere Männchen einlässt, aber nur der Stärkste wirklich zum Zug kommt. Somit kann sie auch feststellen, welches Männchen die perfekte Gene zur Fortpflanzung hat. Patrick Vietze