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»Ja, spinnst denn du?«

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Günter Grünwald zieht in seinem Leben immer die Deppen an und ist ratlos. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Kein Depp, aber ein Magnet. In seinem zweistündigen Kabarettprogramm »Deppenmagnet« benötigte Günter Grünwald am Donnerstagabend im Großen Saal des Kongresshauses weder Bühnenrequisiten noch Abendgarderobe. Gewohnt leger gekleidet, dafür umso schlagkräftiger, begeisterte Bayerns erfolgreichster Kabarettist mit gewohntem Witz und treffender Boshaftigkeit. Das Publikum im ausverkauften Haus amüsierte sich prächtig über seine Alltagsleiden und nervigen Zeitgenossen.


»Da haut's dir doch glatt den Stopsel raus«, grantelt Günter Grünwald sofort Richtung Publikum. Denn die skurrilsten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Das denken alle, und jeder erkennt sich darin wieder. Das weiß auch Grünwald nur zu gut und begründet sein satirisches Programm als persönliches Schicksal. Überall in seinem Leben ist er von Deppen umgeben. Er zieht sie förmlich an. »Ich bin ein ›Deppenmagnet‹«, resümiert er.

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Es folgt eine ununterbrochene Anekdotensammlung über lästige Alltagssituationen und verblödete Mitmenschen. Grünwalds Kunst ist es, kleinste Kuriositäten beziehungsweise Störfaktoren in transparente Komik umzuwandeln, und so schickt er das Berchtesgadener Publikum in eine »Dauerlachschleife«. Genau darin liegt auch der Erfolgsschlüssel des routinierten Kabarettisten. Seine Auftritte garantieren seit Jahren ausverkaufte Hallen, die »Freitags Comedy« im Bayerischen Fernsehen ist längst ein Quotenrenner.

Gewohnt spielt er am Donnerstagabend ironisch mit Klischees und weiß Lustiges aus Absurdistan bissig durch den Dreck zu ziehen. Dabei sind es lediglich Szenen aus dem ganz normalen Alltag in Deutschland. So schildert er seine widerlichen Erlebnisse im Swingerclub »Kreisverkehr«. Sie mit Beinen dick wie Poller, aber Stringtanga und Cellulitis Marke »Jaffa Orange«, er mit einem »Ranzen« bis zu den Knien, Minipli, Oberlippenbart und gefälschter Rolex.

Auch TV-Kochsendungen hat Grünwald im Visier und die bekommen ihr Fett weg. »Warum müssen die immer so fürchterlich lustig und hyperaktiv sein? »Ha! ha! Und he! he! Ja, was hau'n ma da noch nei? Und muss der Moderator so einen Bart wie Salvador Dali haben?«, ätzt Grünwald. Denn Dali ist ja bekanntlich mit seinem tätowierten Ruderboot im Apfelstrudel abgesoffen. Es gibt so herrlich blöde Missverständnisse bei ihm. Eine Fehltätowierung wird von »Born to lose« zu »Born in Toulouse« und das Weihnachtsgeschenk auf dem Wunschzettel des Sohnemanns war kein »Südtiroler«, sondern ein »City Roller«. Günter Grünwald weiß aber auch durch exzellente Schauspielerei zu überzeugen. Zwar blendet er Figuren wie Flachbildschirmverkäufer »Bonzo« und Fernsehkoch »Joe Waschl« am Abend aus, glänzt dafür umso länger mit authentischer Mimik und Gestik in der Rolle eines Alkoholikers Marke »Hausmeister Bamberger«.

Grünwald wäre nicht Grünwald, würde er den 800 Saalbesuchern nicht vorschreiben, wie diese zum Schlussapplaus anzusetzen haben, um eine Zugabe zu erzwingen. Manchmal kratzen seine Provokationen bewusst an der Grenze der Toleranz Betroffener und der einen oder anderen Klientel soll das Lachen im Halse stecken bleiben. Geschickt bremst sich Grünwald dann aber selbst mit einem »ja, spinnst denn du« aus. Meint es aber doch genau so. Jörg Tessnow