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»Journalisten wollen gemocht und nicht verurteilt werden«

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Haben ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo (M.) interviewt: der Berchtesgadener Florian Stocker und seine Studienkollegin Julia Klebitz. Foto: privat
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»Die gehetzte Politik«: Interviewbeiträge mit ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und Piratin Marina Weisband hat der Berchtesgadener Florian Stocker beigesteuert. Foto: Edition Medienpraxis

Berchtesgaden/Tübingen - Ein großer Traum ging für den Studenten Florian Stocker in Erfüllung: Endlich mal Giovanni di Lorenzo, den »Profijournalisten«, treffen. Für eine Interviewsammlung, die nun in Buchform veröffentlicht wurde, hat der Berchtesgadener gemeinsam mit Studienkolleginnen bekannte Persönlichkeiten interviewt. Die Heimatzeitung hat beim 21-Jährigen nachgefragt.


Politikerin Marina Weisband, ZDF-Nachrichtenfrau Marietta Slomka, Philosoph Richard David Precht oder Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble - im Buchband »Die gehetzte Politik - Die neue Macht der Medien und Märkte« kommen sie alle zu Wort. Was ist der Anlass für die Interviewsammlung, an der Du mitgewirkt hast?

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Florian Stocker: Der Ausgangspunkt für unsere knapp einjährige Arbeit am Buch war folgende Beobachtung: In den letzten Jahren hat sich etwas in unserem Land, in Europa, verändert. Das Buch stellt die zentrale Frage: Wer sitzt heute eigentlich am längeren Hebel? Unsere Politiker oder die für den »Normalbürger« längst undurchsichtige, ominöse Wirtschaft? Welche Macht haben Lobbys und Seilschaften, Märkte und Krisendiagnosen aus der Finanzwelt? Welche Rolle spielen Medien, die nach Aufmerksamkeit und Skandalen verlangen, wie wirken sich die mediale Dauerbeobachtung und der Turbojournalismus des Internets auf die Politik aus?

Ein Beispiel, bitte.

Stocker: Wenn EU-Politiker im vergangenen Jahr in dramatischen nächtlichen Sitzungen versucht haben, die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen, dann ging es oft um Stunden, nach denen möglichst gute Signale für Rating-Agenturen, Märkte und Regierungen gesendet werden mussten. Wir haben uns gefragt: Ist Politik tatsächlich noch gestaltende Kraft oder nicht schon längst nur noch reaktiv tätig? Es gibt viele Menschen, die überzeugt sind: Der Parlamentarismus, wie wir ihn seit knapp 70 Jahren in Deutschland kennen, ist überholt - bestes Beispiel dafür sind die Piraten.

Mit Sahra Wagenknecht oder Carsten Maschmeyer vereint Ihr einige bekannte Namen im Buch. Warum habt Ihr Euch für diese Gesprächspartner entschieden? Wer traf die Auswahl?

Stocker: Wir wollten das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten. Deshalb haben wir sowohl Politiker wie Heiner Geißler, Wolfgang Kubicki oder Winfried Kretschmann befragt, als auch Journalisten wie Ulrich Deppendorf von der ARD und Nikolaus Blome von der BILD-Zeitung. Daneben stehen dann Interviews mit Lobbyisten und Unternehmern, mit dem Philosophen Richard David Precht, mit dem Diplomaten Stéphane Hessel oder auch Bestsellerautor Thilo Sarrazin. Erst diese Mischung an unterschiedlichen Blickwinkeln auf gehetzte Politik macht das Buch so interessant. Dass uns das mit so prominenten Gesprächspartnern gelungen ist, ist natürlich großartig - und hat auch den besonderen Reiz an diesem Projekt ausgemacht. Die Auswahl haben wir gemeinsam im Seminar getroffen, wobei immer bis zuletzt spannend blieb, ob die gewünschten Gesprächspartner tatsächlich zur Verfügung stehen und sich für ein paar Studenten die Zeit nehmen würden.

Du selbst hast gemeinsam mit Studienkolleginnen zwei Interviews geführt - mit der Piratin Marina Weisband und dem ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Ganz blank möchte man dem Gegenüber ja nicht begegnen. Wie bereitet man sich auf ein solches Interview vor?

Stocker: Zunächst vor allem mit gründlicher Recherche: Für das Gespräch mit Marina Weisband habe ich unzählige Zeitungsartikel zu den Piraten und zu ihrer Person gelesen, dazu bereits veröffentlichte Interviews und ihren Blog. Bei Giovanni di Lorenzo waren es vor allem seine Bücher und Artikel, die er selbst veröffentlicht hat, und schließlich auch hier bereits geführte Interviews. Nach der Recherche hatten wir das beruhigende Gefühl, praktisch alles über die beiden Personen zu wissen. Das war natürlich sehr aufwendig, gerade neben dem Studium, aber eine sorgfältige Vorbereitung ist ganz essenziell für derart umfangreiche Interviews, wie wir sie geführt haben.

Und wie schaut es mit der praktischen Seite aus?

Stocker: Wir haben von unseren Projektleitern Professor Bernhard Pörksen und Textchef Wolfgang Krischke vorab ein intensives und professionelles Interviewtraining bekommen. Dabei ging es um ganz konkrete Fragen: Wie sieht der optimale Einstieg, etwa die erste Frage, aus? Wie baut man ein Interview dramaturgisch auf, wann kommt welches Thema zur Sprache? Wie schaffe ich es, das Gespräch für den Leser möglichst spannend zu gestalten?

Marina Weisband ist bekannt dafür, vieles aus ihrem Leben der Öffentlichkeit preiszugeben. Habt Ihr Wissenswertes aus ihr herauslocken können?

Stocker: Nach Marina Weisband soll ein Politiker nicht mehr zwischen »Privat« und »Politik« trennen müssen, sondern ganz offen mit Gefühlen, Ängsten und allgemein Privatem umgehen. Deswegen weiß man von ihr so unglaublich viel: Bei der Recherche konnten wir nachlesen, wann sie ihren ersten Kuss hatte, dass sie Vampire mag und nach ihrer Wahl in den Parteivorstand Panikattacken hatte, wie ihr Freund heißt, wo sie wohnt. Von ihr haben wir uns die Utopie der Piraten erklären lassen: Demnach sollen alle Menschen glücklich werden. Wenn es nach Marina Weisband geht, muss sich dafür die ganze Gesellschaft ändern - im Grunde genommen hat sie einen wahren Feldzug vor sich: Sie will gegen alteingesessene Konventionen und Standards im Politik- und Medienbetrieb ankämpfen.

Wie meint sie das?

Stocker: Das fängt bei Fragen der Kleiderordnung an und geht so weit, dass Politiker sich vor Journalisten nicht mehr verbiegen sollen, weil sie gerade auf eine Frage keine Antwort haben und das nicht zeigen wollen. Auf meine Frage, was sie eigentlich antreibt, den in mancher Hinsicht undankbaren Beruf des Politikers auszuüben, hat sie einen Satz gesagt, der bei mir hängengeblieben ist: »Vielleicht ist es eine Art politisches Gen: Ich möchte mich einmischen und sehen, was man besser machen kann.« Ganz gleich, wie man zu Frau Weisband steht - das halte ich für bemerkenswert.

Welche Erkenntnis hat ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zur zunehmenden Medienmacht auf Lager?

Stocker: Das Gespräch mit Giovanni di Lorenzo war für mich ein Highlight: Es war mein großer Wunsch, diesen absoluten Profi-Journalisten einmal treffen zu dürfen. Dass das dann tatsächlich möglich wurde, habe ich zuerst kaum glauben können, denn di Lorenzo ist sehr zurückhaltend mit Interviews - entsprechend habe ich mich sehr gefreut. Er zeichnet sich durch einen sehr differenzierten Blick auf Politik und Politiker aus und hat in unserem Gespräch die herrschende Politikerverachtung analysiert. Er sagt: Journalisten wollen gemocht und von Lesern und Kollegen nicht verurteilt werden. Sich außerhalb des »medialen Chores« zu positionieren, sei zur Mutprobe geworden. Wenn man sich zum Beispiel einzelne Beiträge der Berichterstattung über Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff in Erinnerung ruft, kann man dieser These eigentlich nur zustimmen. Gleichzeitig stellt er fest, dass es heute eine so große Pluralität der Medien gibt - gerade weil das Internet und neue Medien an Bedeutung gewinnen -, dass einen Politiker ein einzelner Verriss in einer Zeitung nicht mehr so stark kümmern muss wie früher.

Du hast Abitur in Berchtesgaden gemacht, studierst aktuell Germanistik und Politikwissenschaft in Tübingen. Die richtige Wahl? In welche Richtung soll es für Dich gehen?

Stocker: Die Entscheidung, zum Studium nach Tübingen zu gehen, war bestimmt richtig. Das Städtchen ist ja sehr idyllisch und gerade die Germanistik macht mir sehr viel Spaß - ich habe schon immer viel gelesen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Literatur finde ich spannend. Nach meinem Bachelor-Abschluss in diesem Sommer werde ich zum Master für ein Jahr in den USA studieren. Mein Traum ist es, danach in Hamburg oder München eine Journalistenschule zu besuchen. Das Schreiben und Arbeiten als Journalist begeistert mich und ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Deswegen wird es für mich in jedem Fall irgendwie in diese Richtung weitergehen. Kilian Pfeiffer

Das Buch »Die gehetzte Politik - Die neue Macht der Medien und Märkte« ist ab sofort im Buchhandel erhältlich. ISBN: 978-3-86962-079-4