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Kampf dem Doping

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Stefan Trinks und sein Team führen Dopingkontrollen bei der Bob- und Skeleton-WM am Königssee durch. (Foto: Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Wo Sport gemacht wird, sind auch Dopingkontrollen nicht fern: Diese lässt die Nationale Anti Doping Agentur auch bei der Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaft am Königssee durchführen. Im Gespräch erklärt Stefan Trinks von der NADA, auf was es ankommt, wer die Risikosportgruppen sind und dass selbst Geschlechtsteilattrappen für Fremdurin durchaus schon mal zum Einsatz gekommen sind.


Herr Trinks, Sie arbeiten für die Nationale Anti Doping Agentur (NADA). Die Aufgabe Ihres Teams sind Dopingkontrollen.

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Stefan Trinks: Genau. Das Doping-Kontroll-System ist ein Ressort innerhalb der NADA. Wir sind verantwortlich für die Planung und Organisation von Dopingkontrollen. Man kann diese unterteilen in Wettkampfkontrollen, wie etwa jetzt bei der Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaft am Königssee, und, die zweite Kategorie, die Trainingskontrollen. Wobei dieser Name etwas fehlgeleitet ist: Denn Trainingskontrollen können an jedem Ort und zu jeder Zeit stattfinden. Man könnte auch sagen, dass es hier um Kontrollen geht, die außerhalb von Wettkämpfen durchgeführt werden. Bei Wettkampfkontrollen wird entweder nach Platzierung kontrolliert, also etwa Platz eins bis drei, oder per Auslosung, sodass auch andere Platzierungen berücksichtigt werden, um eine Kontrolle zu durchlaufen. Wir haben auch die Möglichkeit, sogenannte Zielkontrollen während eines Wettkampfes durchzuführen. Wir planen dann sehr genau im Vorfeld, welcher Athlet während des Wettkampfes kontrolliert werden soll. Jede Trainingskontrolle ist eine Zielkontrolle. Bei Trainingskontrollen wird somit nicht gelost.

Welche Sportarten fallen in Ihren Aufgabenbereich?

Trinks: Grundsätzlich muss man da ein wenig differenzieren: Wir machen Kontrollen in allen Sportarten, die beim DOSB organisiert sind. Das sind olympische wie nicht-olympische Sportarten. Im Grunde genommen liegt unser Hauptfokus bei den Athleten, die im deutschen Sport aktiv sind. Es ist nicht unüblich, dass bei großen internationalen Events, wie etwa hier am Königssee, die nationalen Anti-Doping-Agenturen die Dopingkontrollen übernehmen. Nachdem die Weltmeisterschaft vom russischen Sotschi an den Königssee verlegt worden war, haben wir eine Kooperation mit der IBSF (International Bobsleigh and Skeleton Federation; Anm. d. Red.) geschlossen. Dadurch sind wir befähigt, hier die Kontrollen im Wettkampf durchzuführen. Theoretisch hätten wir auch die Möglichkeit, Kontrollen ohne eine Vereinbarung anzuweisen. Auf deutschem Boden dürfen wir bei allen Wettkämpfen kontrollieren. Für die NADA als auch die IBSF ist das eine gute Möglichkeit zu zeigen, dass wir unabhängig arbeiten.

Wie läuft eine Kontrolle bei einem Wettkampf ab?

Trinks: Am Königssee ist alles wirklich gut organisiert, die Dopingkontrollstation befindet sich unmittelbar in der Zielzone. Wichtig ist, dass die Athleten aufgefordert werden zu einer Kontrolle. Ab diesem Zeitpunkt müssen sich die Athleten im Blickfeld des Kontrolleurs aufhalten. Athlet und Kontrolleur gehen dann gemeinsam zur Dopingkontrollstation. Dort werden die persönlichen Daten des Athleten aufgenommen. Je nach Probenart, also Blut-, Urinprobe oder eine Kombination aus beiden, müssen die Sportler einen anderen Prozess durchlaufen. Als Beispiel erläutere ich einmal den Ablauf einer Urinkontrolle. Der jeweilige Athlet muss sich einen von drei versiegelten Bechern auswählen. Er geht dann mit dem Kontrolleur, der im Übrigen immer gleichgeschlechtlich ist, zur Urinabgabe. Diese muss unter Sichtkontrolle erfolgen. Mindestens 90 Milliliter. Der Athlet macht sich von den Knien bis zur Brust frei, sodass der Kontrolleur bezeugen kann, dass der Urin aus dem Körper des Sportlers stammt. Es gab in der Vergangenheit schon Vorfälle, bei denen Athleten Fremdurin in Schläuchen oder angeklebten Urinbeuteln dabei hatten. Daher ist die strikte Sichtkontrolle wichtig. Eine mechanische Manipulation muss ausgeschlossen werden können. Vor einiger Zeit gab es beispielsweise einen italienischen Geher, der mit einer Attrappe des männlichen Geschlechtsteils Fremdurin abgeben wollte. Wenn der Urin abgegeben ist, wird dieser vom Athleten abgefüllt in die berühmten A- und B-Flaschen und dann vom Sportler auch versiegelt. Vom Zeitpunkt der Probenabgabe bis zur Versiegelung hat der Athlet die Urinflaschen in seiner Beobachtung. Sobald er versiegelt ist, kann der Kontrollierte noch Kommentare abgeben, ob irgendetwas vorgefallen ist oder dokumentiert werden muss. Außerdem kann er sich noch dazu äußern, ob er Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel zu sich nimmt. Dann wird von beiden Seiten unterschrieben.

Mussten Sie schon mal warten?

Trinks: Oh, ja, das kann schon mal passieren. Früher war ich selbst bei Kontrollen dabei und habe sie durchgeführt. Einmal musste ich fünf Stunden auf einen Athleten warten, bis er den Drang verspürte, Urin abgeben zu können. Es war an diesem Tag sehr heiß, der Athlet hat auch getrunken, aber recht viel ausgeschwitzt. Normalerweise spielt sich das in einem zeitlichen Rahmen von etwa 30 Minuten ab. Heutzutage kontrolliere ich nicht mehr aktiv, sondern leite die Abteilung Doping-Kontroll-System bei der NADA.

Was machen Sie dann?

Trinks: Am Königssee geht es im Speziellen darum, zu schauen, wie die Kontrollstation eingerichtet ist, auch, wie die Wege von der Aufforderung des Sportlers bis zur Kontrollstation gestaltet sind. Am Königssee gibt es dahingehend aber keine Probleme. Die Organisation ist wirklich hervorragend und gut geregelt. Ich schaue, wie die Kontrolleure arbeiten und helfe dabei, bislang ungeklärte Fragen zu beantworten. Die NADA hat keine eigenen Kontrolleure, sondern arbeitet mit vier Dienstleistern zusammen, Privatunternehmen, die sich auf Dopingkontrollen spezialisiert haben. Meine Aufgabe ist es, hier vor Ort eine Observation durchzuführen und zu prüfen, ob alles nach Vorgabe abläuft.

Was passiert mit den Proben?

Trinks: Die gehen anonymisiert ins Labor. In Deutschland haben wir zwei von der WADA (World Anti Doping Agency; Anm. d. Red.) akkreditierte Laboratorien, eines davon an der Sporthochschule in Köln, das andere in Kreischa bei Dresden. Die Ergebnisse gehen an uns inklusive der anonymisierten Athletendaten. Wir haben darüber hinaus die Möglichkeit, Proben in die Langzeitlagerung zu geben. Diese sind dort zehn Jahre und werden eingefroren. Damit haben wir die Möglichkeit, jederzeit nachzuanalysieren, was vor allem dann Sinn ergibt, wenn es neue Analysemethoden gibt.

Was ist, wenn ein Sportler positiv getestet wird?

Trinks: Ein positives Analyseergebnis ist lange noch kein positiver Fall. Es kann durchaus sein, dass Athleten positiv getestet werden, da sie aufgrund einer Erkrankung möglicherweise Medikamente nehmen müssen, die verbotene Substanzen enthalten. So eine Probe wird zwar als positiv analysiert. Hat der Athlet aber eine Medizinische Ausnahmegenehmigung im Vorfeld beantragt, wird das natürlich berücksichtigt. Liegt keine Medizinische Ausnahmegenehmigung vor, wird unser Ressort Recht tätig und leitet das Ergebnismanagementverfahren ein.

Gibt es Sportarten, in denen besonders häufig gedopt wird?

Trinks: Wir haben in der NADA eine Risikogruppeneinteilung für Sportarten. In Risikogruppe A gehören zum Beispiel eher Sportarten aus dem Ausdauerbereich dazu, Kraftsportarten natürlich auch. Risikosportgruppe B betrifft wiederum die Mannschaftssportarten und Risikogruppe C sind andere Sportarten. Je nach Risikogruppe der Sportart und Kaderstatus des Athleten werden die Sportler unterschiedlich häufig kontrolliert. Athleten, die einer Sportart mit einer hohen Risikogruppe und einem hohen Kaderstatus angehören, werden häufiger kontrolliert, als Athleten einer Sportart mit niedrigem Dopingrisiko und einem niedrigen Kaderstatus.

Es gab immer wieder Skandale in Sachen Dopingmissbrauch. Erkennen Sie einen Wandel hin zum sauberen Sport?

Trinks: Ich beobachte eine Bewusstseinsänderung bei den Athleten. Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass das Thema an Wichtigkeit zunimmt. Die Sensibilität wird in diesem Bereich geschärft. Die NADA ist hier auch nicht untätig. Wir haben etwa das Ressort Prävention. Wir beginnen sehr früh mit der Aufklärung. Das geht schon im Alter von 13 Jahren los. Bevor die erste Dopingkontrolle stattfindet, klärt ein NADA-Mitarbeiter über das gesamte System und das zugrundeliegende Verfahren auf. Selbstverständlich gibt es auch Dopingfallen, über die man in der Vergangenheit ja häufig lesen konnte. Nahrungsergänzungsmittel sind da so ein Thema. Daher ist es aus unserer Sicht wichtig, dass Athleten rechtzeitig und frühzeitig aufgeklärt werden, um selbstbestimmt »Nein« gegen Doping sagen zu können. Kilian Pfeiffer