weather-image

Kampf gegen Barrieren

4.2
4.2
Bildtext einblenden
Setzen sich seit vielen Jahren für die Belange der Menschen mit Behinderungen im Talkessel ein: Sven Hosse und Elke Röhrig-Kropp, die Vorsitzenden des Vereins Behinderten-Integration Berchtesgaden. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Sollen Rollstuhlfahrer, wenn sie künftig die neue Jennerbahn nutzen, auch einen Königsseeblick erhalten? Oder endet für sie das Bergerlebnis auf der Terrasse der Bergstation? Trotz aller Bemühungen des Bootspersonals ist auch die Königssee-Schifffahrt keineswegs behindertengerecht. Im Gegensatz dazu konnten die Gemeinden viele Barrieren abbauen. Das freute die Mitglieder des Vereins Behinderten-Integration Berchtesgaden in der Jahreshauptversammlung.


»Seit einigen Jahren sind die Gemeinden im Talkessel sehr bemüht, unsere Ideen umzusetzen«, resümiert Vorsitzender Sven Hosse. Das neue Rathaus in Unterstein, das im Oktober offiziell eröffnet wird, sei für Menschen mit Gehbehinderungen zugänglich, in Bischofswiesen und Marktschellenberg liefen entsprechende Planungen. Zunehmend werden Bürgersteige an kritischen Stellen abgesenkt und auch das Berchtesgadener Pfarrheim wird behindertengerecht umgebaut.

Anzeige

Die Behinderten-Integration mit ihren 180 Mitgliedern blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Dank vieler Spenden konnte der Verein zahlreiche Therapien, Reha-Aufenthalte, Kurse und Umbauten ermöglichen, für die sonst kein Kostenträger aufkommt. Zudem konnte die Behinderten-Integration Projekte und Ferienfreizeiten, die in enger Kooperation mit der Lebenshilfe Berchtesgadener Land durchgeführt werden, finanziell unterstützen.

Berührungsängste abzubauen – auch dies ist ein wichtiges Anliegen der Behinderten-Integration: Bei diversen Festen und Aktionen beteiligt sich der Verein daher mit Rollstuhl-Parcours und Spielangeboten, die Kindern und auch einigen mutigen Erwachsenen nahebringen, wie Betroffene ihre Einschränkungen im Alltag erleben. So zeigten die ehrenamtlichen Streiter für die Behinderten-Integration Präsenz beim Marktfest, beim »Haus der Berge«-Fest und bei »Action im Aschi«. Beim großen Kindertag, der alle zwei Jahre als Veranstaltung des Landratsamts in Bad Reichenhall stattfindet, ist der Verein ebenfalls vertreten.

Als die offiziellen Vereinsthemen abgehandelt waren, entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die zukünftigen Optionen für Gehbehinderte unterhalb des Jennergipfels. Vorsitzender Sven Hosse betonte erneut, dass die Barrierefreiheit der Jennerbahn nicht auf der Terrasse der Gipfelstation enden solle. »Wir wünschen uns, dass Menschen, die auf Rollstühle, Rollatoren oder Gehhilfen angewiesen sind, aber auch Mütter mit Kinderwagen oder ältere Menschen wenigstens den gleichen Blick zum Königssee erhalten wie alle anderen«, betont er. Dafür hatten sich die engagierten Streiter der Behinderten-Integration, zu denen auch Christian Grassl, der die Behinderten-Belange beim Nationalpark vertritt, und die Behindertenbeauftragte der Gemeinde Schönau am Königssee, Gisela Kranawetvogl, gehören, bereits bei der Jennerbahn-Planung eingesetzt.

Der Anstieg zum Gipfel scheint zu steil, um ihn rollstuhlgerecht auszubauen. Daher war angedacht, das nahezu ebene Wegstück, mit dem der Weg zur Königsbergalm oben beginnt, zu verlängern und eventuell mit einer Aussichtsplattform enden zu lassen. Zuständig ist der Nationalpark. Doch nach den zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen der Jennerbahn AG und dem Bund Naturschutz scheint das Anliegen der Menschen mit Behinderungen ins Abseits geraten zu sein: »Deswegen haben wir dieses Projekt zurückgestellt«, lautet die offizielle Aussage von Ulf Dworschak vom Nationalpark.

Die Streiter für die Belange der Menschen mit Behinderungen wollen jedoch nicht klein beigeben: »Wir setzen uns dafür ein, diesen Weg noch während der Bauphase anzulegen. Denn wenn die Baumaschinen mal abgerückt sind, sehen wir keine Chancen mehr«, unterstreicht Hosse. Durch eine Stellungnahme des Bürgermeisters der Gemeinde Schönau am Königssee fühlen sie sich in ihrem Anliegen bestärkt. Auf Nachfrage erklärt Hannes Rasp: »Wir werden darauf drängen, dass der Weg mit der Eröffnung fertig ist.«

Wenn Menschen mit Einschränkungen nicht weiter als bis auf die Terrasse gelangen könnten, verliere die Jennerbahn an Attraktivität für sie, so Sven Hosse. »Dann können wir unten ein Schild ›Für Behinderte lohnt sich die Fahrt nicht‹ aufstellen«, schimpft der Vorsitzende, der kein Hehl daraus macht, dass er stinksauer ist. fb