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»Skandalöse Trophäenschau«: Auseinandersetzung um Datenerhebung für Forschungsprojekt im Vorfeld der Hegeschau

Kampf um die Gams

Ainring – Sie ist nicht nur eine engagierte Wildtierbiologin, sondern sie beherrscht als Journalistin auch die Waffe der Sprache. Entsprechend wehrhaft zeigte sich Dr. Christine Miller in einer Pressemitteilung im Vorfeld der Jagd- und Hegeschau der Kreisgruppe des Bayerischen Jagdverbandes am Samstag in Weng, in der sie Jägern, Förstern und Landratsamt vorwarf, sie bei ihrer Forschungsarbeit zum Schutz der Gams zu behindern. Dr. Miller konnte mit ihren rund 20 angereisten Mitstreitern letztlich die gewünschten Daten erheben und spricht aufgrund des Alters der geschossenen Gämsen von einer »skandalösen Trophäenschau«.

Der Salzburger Berufsjäger Christian Hochleitner geht mit der Wildtierbiologin Dr. Christine Miller eine Liste über die erfassten Daten von der Hegeschau der Kreisjäger durch. (Fotos: Weichold)

»Ich unterstütze das Vorhaben von Frau Dr. Miller, die Gams steht tatsächlich am Abgrund«, erklärte der vorsitzende Kreisjäger Hans Niederberger gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«, nachdem er sie im persönlichen Gespräch kurz vorher zwar höflich, aber deutlich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass sie Hausfriedensbruch begangen habe. Als er noch vor dem offiziellen Beginn der Hegeschau gekommen sei, hätten sich Dr. Miller und ihre Mitstreiter bereits im Raum befunden. »Das geht nicht, da muss jemand von uns vom Kreisverband dabei sein.« Weiter sagte Niederberger: »Ich kritisiere die Methode, so geht man nicht miteinander um.« Umgekehrt warf Dr. Miller Niederberger vor, nicht auf ihre Anrufe reagiert zu haben, was der wiederum bestritt.

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Um was geht es überhaupt? Dr. Christine Miller erklärt im Gespräch, dass sie Leiterin eines auf ihre Initiative hin ins Leben gerufenen Projekts zum Schutz des Gamsbestandes sei. Es sei ein Forschungsprojekt der Deutschen Wildtierstiftung und der Universität für Bodenkultur in Wien, wo ein Fachinstitut für Wildtierkunde angesiedelt sei. Ziel sei es, genaue Daten über den Zustand und die Struktur des Gamswildes zu erhalten. »Wir vermuten, dass in der jetzigen Praxis beim Gamsabschuss und im Zuge der Schutzwaldsanierung die Gams im Bestand gefährdet ist«, erklärte sie. »Wir haben Gebiete, wo kaum noch Gämsen vorkommen, zum Beispiel beim Forstbetrieb Schliersee oder in einigen Gebieten im Landkreis Traunstein und des Berchtesgadener Landes.«

Heuer schon sechs Hegeschauen besucht

Heuer habe sie mit ihren Mitstreitern bereits sechs Hegeschauen besucht, insgesamt sind es zehn vom Allgäu bis ins Berchtesgadener Land. Nach Weng sei sie mit 20 Helfern gekommen, das seien einerseits Kreisgruppenvorsitzende aus der Jägerschaft anderer Landkreise sowie Berufsjäger. Sie halfen beim Erfassen des Alters der geschossenen Gams-Trophäen, die größtenteils auf Schildern angegeben waren.

Bei anderen Hegeschauen sei die Zusammenarbeit problemlos gewesen. »So ein Wegducken, wie im Berchtesgadener Land habe ich noch nie erlebt«, sagte sie und sprach von der »vermutlich skandalösesten Trophäenschau«. »Wir reden hier von einer Wildart, die locker 16 bis 18 Jahre alt werden kann. Hier haben maximal zwei Prozent das achte Lebensjahr erreicht.« Die Gams sei ein Kulturgut der Alpen und würde schon geschossen, noch bevor sie richtig zu leben begonnen habe.

Das Jagdgesetz schreibe einen natürlichen Aufbau des Bestandes von Gams- und Rotwild vor. »In der jetzigen Praxis gibt es keine Bemühungen der Forstpolitik und der Jäger am lebenden Bestand«, so der Vorwurf der Tierschützerin. »Man schießt einfach drauflos. Was wir hier sehen, ist ein Indiz dafür, dass der Zustand der bayerischen Gamsbestände komplett zerrüttet ist.« Und erklärt weiter: »Wir versuchen die Daten aufzunehmen, um einen Politikwechsel zu erzwingen, damit man sich zumindest an bestehende Gesetze hält und den Wildtieren und hier speziell der Gams ein Lebensrecht zugesteht.«

Am 8. März hatte sie sich mit der Bitte an Hans Niederberger sowie an Matthias Kringer von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt gewandt, sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen, die Altersbestimmungen der im laufenden Jagdjahr erlegten oder gefundenen Gämsen bei der Anlieferung zur Hegeschau vornehmen zu dürfen. Sechs Tage später antwortete ihr Kringer, dass sie dies im Zuge der öffentlichen Hegeschau tun könne. Aus organisatorischen Gründen sei dies während der Anlieferung nicht möglich, weil das Zählen der Ringe den engen Zeitplan sprengen würde.

Das wiederum erboste offenbar Dr. Miller und sie sprach in ihrer Pressemitteilung davon, dass es ihr die Jägerschaft und die Behörde im Berchtesgadener Land so schwer wie möglich mache, die Daten zu erheben, indem sie in zwei Stunden 800 Trophäen anschauen müsse. »Von der Ferne«, wie sie sarkastisch anmerkt, was auf dem Hinweis Kringers beruht, das Berühren der Trophäen sei aus eigentums- und haftungsrechtlichen Gründen nicht gestattet.

Die Bayerischen Staatsforsten würden ihr inzwischen alle Daten verweigern, erklärte Dr. Miller weiter. »Das ging so weit, dass bei der Hegeschau in Bad Tölz das Alter der Gämsen auf deren Schildern geschwärzt war.«

»Nicht mit der Brechstange«

»Ich schätze ihre Arbeit, wir brauchen so was. Aber mit der Brechstange erreichen sie nichts«, sagte der Kreisvorsitzende der Jäger, Hans Niederberger, zu Dr. Miller. Gegenüber dem »Anzeiger« führte er weiter aus: »Argumente wie die Sicherheit der Straße und von Bebauungen muss man gelten lassen, deshalb gibt es ausgewiesene Sanierungsgebiete.« Das seien im Berchtesgadener Land rund 5 000 Hektar am Untersberg, im Lattengebirge und an der Reiteralm. Hier dürfen alle Gämsen das ganze Jahr gejagt werden. Nach jahrelangen Bemühungen der Kreisjägerschaft und dem Forstbetrieb sei es gelungen, in den vergangenen zwei Jahren 2 800 Hektar aus dieser Schonzeitaufhebung herauszubringen.

In den restlichen Gebieten regle ein Abschussplan, wie viele Gämsen welchen Alters geschossen werden sollen und dürfen. »Unser Ziel ist eine vernünftige Bejagung während der normalen Jagdzeiten«, sagt Niederberger. Auch er sieht nach eigener Aussage Handlungsbedarf, was den Abschuss der Gämsen betrifft.

Auf das Ansinnen von Dr. Miller mit ihrem Forschungsprojekt zurückkommend erklärt er: »Wir hätten mehr Vorlaufzeit gebraucht. Ich wünsche mir für die Zukunft eine konstruktive Zusammenarbeit.« Er unterstütze die Wissenschaft, deren Arbeit können mehr bewirken, als der Kreisverband der Jäger. Zum Vorwurf Dr. Millers, dass bei der Hegeschau gerade mal zwei Prozent der Trophäen auf ein Alter von acht Jahren kommen, sagt er: »Ich bezweifle, ob man das jetzt schon so sagen kann. Wichtig ist eine Datenerhebung über mehrere Jahre.« Und er fügt hinzu: »Auch wir Jäger sind interessiert an einer aussagekräftigen Studie.«

Ein ausführlicher Bericht über die Hegeschau selbst folgt in der nächsten Ausgabe. Tanja Weichold