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Kampflose Übergabe durch Landrat Karl Theodor Jacob

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Kampflose Übergabe des Berchtesgadener Landes in Winkl am 4. Mai 1945. (Fotos: privat)
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Eine amerikanische Kolonne am Bahnhofsberg.
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Die Amerikaner vor dem Café Graßl.

Berchtesgaden – In Berchtesgaden war der Krieg am Abend des 4. Mai 1945 beendet – vier Tage früher als in Berlin. Der schnelle Anmarsch der amerikanischen und französischen Truppen ließ vor 70 Jahren auch den bis zuletzt fanatischen NSDAP-Kreisleiter Bernhard Stredele die Aussichtslosigkeit der Lage begreifen. Am 3. Mai 1945 übertrug der dem Landrat Karl Theodor Jacob alle Zuständigkeiten. Nach der kampflosen Übergabe Bad Reichenhalls am Morgen des 4. Mai ging Jacob mit dem Kreissyndikus (und späteren Landrat) Rudolf Müller als Dolmetscher den alliierten Truppen entgegen und sorgte für die kampflose Übergabe des Berchtesgadener Talkessels. Das schreibt Albert A. Feiber vom Institut für Zeitgeschichte in der NS-Dokumentation »Die tödliche Utopie«.


Bürgermeister Karl Sandrock übergab dem US-Kommandeur am Schlossplatz offiziell den Markt Berchtesgaden. Aufgrund einer Verabredung zwischen dem Landrat und dem SS-Kommandanten am Obersalzberg, Bernhard Frank, wurde der von Frank befehligte Volkssturm der Region aufgelöst und die SS vom Obersalzberg abgezogen. Frank selbst setzte sich Richtung Lofer ab. Landrat Jacob übernahm daraufhin auch die Verantwortung für das herrenlos gewordene »Führersperrgebiet« und übertrug Georg Grethlein, dem Betriebsleiter des größten Baukonsortiums am Berg, der ARGE Obersalzberg, die Befehlsgewalt. Wie mit Jacob verabredet, übergab dieser das »Führersperrgebiet« am 4. Mai an die alliierten Truppen.

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Als erste Einheit hatte vermutlich eine Vorhut der 3. US-Infanteriedivision den Berghof erreicht. Nachdem die 101. Airbone-Division, die sich mit der Infanteriedivision einen Wettlauf geleistet hatte, Berchtesgaden besetzt hatte, rückten am Abend des 4. Mai die ersten französischen Einheiten ein.

In einem an die Bevölkerung gerichteten Flugblatt äußerte Jacob die Hoffnung, mit der kampflosen Übergabe »schweres Unglück von unseren Frauen und Kindern und unserer geliebten Heimat fernzuhalten«. Die einheimische Bevölkerung erwartete die fremden Truppen dennoch mit gemischten Gefühlen, insbesondere die Frauen und Mädchen, von denen sich viele aus Furcht vor sexuellen Übergriffen mit Kuhdung eingerieben haben sollen. Zwar dürfte die Behauptung des letzten NS-Bürgermeisters von Berchtesgaden, Karl Sand-rock, die »mit den Amerikanern eingerückten schwarzen und weißen Franzosen« hätten in den »Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen« wettgeeifert, wohl eine Übertreibung sein. Es steht jedoch außer Frage, dass es zu einer Reihe von Vergewaltigungen gekommen ist und dass daran auch US-Soldaten beteiligt waren.

So zeigte die Frau eines Bischofswieser Schneiders der Polizei Ende Mai 1945 an, dass sie am Abend des 5. Mai von einem Soldaten im Gasthaus »Neuwirt« mit der Pistole bedroht und vergewaltigt worden sei. Auch der ehemalige Gendarmeriebeamte Alois Hamm und der katholische Pfarrer Otto Schüller berichteten von Vergewaltigungen, »insbesondere durch Franzosen«. Ehefrau und Tochter von Hans Heinrich Lammers, dem nach Berchtesgaden geflüchteten und hier von den Amerikanern festgenommenen ehemaligen Chefs der Reichskanzlei, begingen Selbstmord, nachdem sie durch französische Soldaten vergewaltigt worden waren. Erst nach Tagen gebot die amerikanische Militärverwaltung diesen Exzessen Einhalt. Am Obersalzberg wurde Georg Grethlein, kaum dass er die Aufgabe übernommen hatte, dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen, von einem betrunkenen marokkanischen Soldaten der 2. französischen Panzerdivision erschossen, als er einem von den Franzosen bedrohten Arbeiter zu Hilfe eilen wollte.

»Diese Übergriffe, so schlimm sie für die Betroffenen auch waren, hatten keine dauerhafte Belastung der Beziehungen zwischen Einheimischen und Besatzern zur Folge«, schreibt Albert Feiber. Die Mehrheit der Bevölkerung hoffte vielmehr nach dem »Offenbarwerden all der Grausamkeiten« des untergegangenen NS-Regimes vertrauensvoll »auf die Großmut des Siegers« und beugte sich »unter seine Schuld««, wie der neue evangelische Pfarrer Paul Krauß ein Jahr später schrieb. Nachdem die französische Einheit bereits am 8. Mai wieder abgerückt war, hatten es die Berchtesgadener nur noch mit den Amerikanern zu tun.

Die Dokumentation »Die tödliche Utopie«, aus der dieser Beitrag stammt, ist eine Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte zur Dokumentation Obersalzberg. Sie enthält Bilder, Texte, Dokumente und Daten zum Dritten Reich.