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Karin Schröer sagt: »BGD adé«

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BGD Juchhee: Karin Schröer in ihrem Element – mit Faschingsorden und einem Glas Sekt. (Foto: Archiv/Fischer)

Berchtesgaden – Über 20 Jahre lang prägte der Fasching ihr Leben, 15 Jahre lang war sie Präsidentin der Berchtesgadener Faschingsgilde. Wenngleich Karin Schröer erst in der fünften Jahreszeit so richtig aufblühte, so war sie alles andere als eine Träumerin. Im Gegenteil: Die Berchtesgadenerin, die am Donnerstag im Alter von 72 Jahren in der Bischofswieser "Insula" verstarb, nahm die Dinge stets selbst in die Hand. Als sie dem Tod bereits ins Auge blickte, sprach sie auf eigenen Wunsch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« über ihr Leben, das zumindest im letzten Jahr keineswegs nach ihren Vorstellungen verlaufen war.


Im schlesischen Breslau geboren, flüchtete die damals zweijährige Karin nach Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen mit ihrer Familie nach Füssen, wo sie aufwuchs. 14 Jahre war sie alt, als ihr Vater, ein Bundeswehrsoldat, von Mittenwald nach Berchtesgaden versetzt wurde und die Familie mitnahm. Im Versehrtenkrankenhaus Stanggaß bei Prof. Zabel, der sich auf Krebsforschung spezialisiert hatte, lernte die junge Frau den Beruf einer Kontoristin/Buchhalterin.

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Einsatz als Gardemädchen

Im Alter von 18 Jahren trat Karin Schröer eine Au-pair-Stelle in der Nähe von London an. »Das war damals noch ein echtes Abenteuer«, erinnerte sich die Berchtesgadenerin. Sie erfuhr erst relativ spät, dass sie inmitten eines Judenviertels wohnte. »Dort hörte ich das erste Mal von den schrecklichen Ereignissen des Holocaust«, erzählte die 72-Jährige. Nach eineinhalb Jahren kehrte sie nach Berchtesgaden zurück, um eine Stelle in einem amerikanischen Baubüro anzutreten. Zu dieser Zeit hatte sie auch erstmals Kontakt mit der Berchtesgadener Faschingsgilde. Hermann Reichlmeier und Helmut Vogler waren 1963 nämlich auf der Suche nach Gardemädchen – und da kam die fesche Karin gerade recht. Die sagte zu und zog eine närrische Saison lang mit der Gilde von Ball zu Ball. Hier lernte sie auch ihren späteren Mann Ludwig Schröer, Gründungsmitglied der Faschingsgilde, kennen. Der war quasi als Betreuer mehrerer Gardemädchen auch für Karin zuständig und chauffierte sie mit dem Auto. Wie der Zufall es wollte, war Karin immer als Letzte im Auto.

Der weitere Lebensweg brachte Karin Schröer für einige Zeit ins Büro der Hotelfachschule nach Bad Reichenhall, zu einem Energieunternehmen in der Schweiz und schließlich zu einem Münchner Unternehmen. »Ich war ja immer fürs Reisen«, erinnerte sich die Berchtesgadenerin. Zu dieser Zeit traf sie ihre »große Liebe« wieder. Doch der Amerikaner musste nach langjährigem Aufenthalt in Berchtesgaden wieder zurück in die Staaten. Das Ergebnis war Tochter Bianca, die 1964 zur Welt kam.

Während das Kind untertags bei Oma und Opa unterkam, ging Karin Schröer ab sofort einer Beschäftigung an der Standortverwaltung Bad Reichenhall nach. »Es war eine finanziell schwierige Zeit, aber Geld war für mich eigentlich nie wichtig«, erzählte Karin Schröer. Dafür hatte sie Glück in der Liebe, denn sie lernte damals ihren ersten Mann aus Marzoll kennen. Die Hochzeit wurde 1966 gefeiert, es folgten 1966 und 1968 die Geburten ihrer beiden Söhne. Gewohnt hat die Familie damals in Piding.

Ab 1985 arbeitete Karin Schröer bei der Firma Buck in der Fronau. Wenig später begegnete sie im Reichenhaller Hotel »Axelmannstein« erneut der Berchtesgadener Faschingsgilde, tauschte sich mit Hermann Reichlmeier und Ludwig Schröer aus. Intensiver war dann 1989 der Kontakt aus Anlass des 30. Hofballs der Gilde im Kongresshaus. Von da an zog Karin Schröer an der Seite ihres späteren zweiten Ehemanns Ludwig Schröer durch den Berchtesgadener Fasching. »Seit damals war ich fester Bestandteil der Berchtesgadener Faschingsgilde. Es war eine schöne Zeit«, so die Berchtesgadenerin, die sich bei den Berchtesgadenern für den Respekt, den sie der Gilde entgegengebracht hätten, bedankte.

15 Jahre Gildenpräsidentin

20 Jahre lang gehörte Karin Schröer dem Vorstand der Berchtesgadener Faschingsgilde an, zunächst als Schriftführerin, dann 15 Jahre als Präsidentin. Als unermüdliche Kämpferin hielt sie den Hofball trotz größter Mühen am Leben, fand immer wieder ein Prinzenpaar und zapfte die Geldgeber an, um Jahr für Jahr Faschingsorden verteilen zu können.

Nach dem Rückzug Karin Schröers herrschte zunächst ein Vakuum an der Spitze der Faschingsgilde. Zwar war wenig später ein neues Präsidium gefunden, doch für die Ex-Präsidentin verlief die weitere Entwicklung alles andere als erfreulich. Nach einem vereinsinternen Streit erfolgte ihr Ausschluss aus der Gilde, der Titel »Ehrenpräsidentin« wurde der Berchtesgadenerin aberkannt. Es war die wohl schwierigste Zeit in ihrem Leben, zumal bei Karin Schröer auch noch eine sehr schwere Krankheit diagnostiziert wurde. Die war auch der Grund für einen Zusammenbruch am 28. Dezember zu Hause.

Die letzten Wochen auf der Palliativstation

Eine Untersuchung in der Kreisklinik Bad Reichenhall machte das ganze Ausmaß der Krankheit deutlich. Karin Schröer wusste, dass sie bald sterben würde. Ihr Entschluss, die letzten Wochen in der Palliativstation Bad Reichenhall zu verbringen, stand fest. Und weil Karin Schröer in ihrem Leben immer alles geregelt haben wollte, bat sie auch den »Berchtesgadener Anzeiger« um ein letztes Interview. Darin bekräftigte die 72-Jährige noch einmal ihre Unversöhnlichkeit mit den neuen Verantwortlichen der Faschingsgilde, die sich jetzt Faschingsfreunde Rot-Blau Berchtesgaden nennt. »Es gibt keine Entschuldigung dafür, was diese Menschen mir angetan haben«, so Karin Schröer auf dem Sterbebett. Ihr eindeutiger Wunsch war es, dass keine der Personen, die ihr so übel mitgespielt hätten, an ihrer Beerdigung teilnehmen soll.

Am Donnerstag, sechs Wochen nach dem Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«, ist Karin Schröer in der "Insula", in die sie von der Palliativstation verlegt wurde, verstorben. Sie hätte gerne noch den Tag der Silberhochzeit mit Ludwig Schröer im April erlebt. Das hat sie nicht geschafft. Ulli Kastner