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Karl Kaps' Kampf gegen die Katastrophe

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Das Schicksal fletscht die Zähne: Der Marktschellenberger Schafbauer Karl Kaps muss den Roßboden verlassen. Foto: Anzeiger/Fischer

Marktschellenberg – Es ist aus. Er muss raus. Raus aus seinem alten Haus. Weg vom Roßboden, seiner geliebten Heimat. Der Schafbauer Karl Kaps hat sich mit einem Star-Architekten und den Behörden angelegt. Und verloren. Ende Mai ist Schluss. Sein Pachtvertrag ist gekündigt.


Dieser Geruch. Holz, Ruß. Riecht nach 19. Jahrhundert. Kein Fernseher, kein Computer, kein Strom. Nur das Licht, das durch die kleinen Fenster fällt. Karl Kaps sitzt am schlichten Küchentisch auf einem schlichten Stuhl. Sein Händedruck ist kräftig, der Blick stechend. Mit seinen 72 Jahren hat Karl Kaps eine Körperspannung wie ein zwanzigjähriger Zehnkämpfer. Es ist sofort klar: Hier sitzt ein rauer Naturbursche, ein einsamer Eremit, ein unbeugsamer Umweltschützer, ein überzeugter Anti-Kapitalist.

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Der Mann mit dem Schnauzbart und dem schütteren grau-weißen Haar redet nicht gern. Und wenn, dann sehr langsam. Bedächtig. Seine Wortwahl lässt auf einen gebildeten Menschen schließen, der nicht immer in der Abgeschiedenheit gelebt hat. Doch über die Vergangenheit will Karl Kaps nicht sprechen. Herkunft, Beruf, Familie sind tabu. »Ich will nicht, dass mein Leben in der Öffentlichkeit breit getreten wird«, stellt der Schafbauer klar. Höflich, aber sehr bestimmt.

Genug von Konsumwahn und Gigantismus

Fest steht nur: Vor gut 30 Jahren hatte Karl Kaps genug von Konsumwahn, Atomenergie und Gigantismus. Er pachtete das zerfallene Anwesen auf dem Roßboden und entsagte der Zivilisation so gut es ging. »Ich bin der Ansicht, dass wir unnatürlich leben«, ist sich Kaps sicher. »Und wer gegen die Natur lebt, kommt um.«

Eigentlich wollte der Naturbursche das Anwesen kaufen. Aber der damalige Eigentümer aus dem Großraum München zierte sich. Stattdessen wurde die Pacht jährlich verlängert. Was ungewöhnlich ist. Denn normalweise sind es 15 Jahre. Aber das war Karl Kaps vorerst egal. »Ich habe mit dem Eigentümer vereinbart, dass, wenn es so weit ist, ich das Anwesen kaufe«, erinnert er sich.

Der handwerklich begabte Mann richtete sich das Haus so gut her, wie er konnte. »Sogar den Ofen habe ich selber eingezogen«, sagt Karl Kaps und deutet auf den großen Grundofen in der Stubenecke. »Der ist für das Winterhalbjahr«, erklärt Kaps. Davor steht ein kleiner Schwedenofen für das Sommerhalbjahr. »Der wird schneller warm«, sagt der Fachmann. »Ich konnte hier immer gut leben«, stellt Kaps klar, »auch wenn die Bewirtschaftung nicht immer einfach war«.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

Die Jahre vergingen. Und 2010 war es dann soweit. Karl Kaps hätte den Hof kaufen können. Doch das Geld reichte nicht ansatzweise. Er habe zu dem Zeitpunkt gerade in etwas anderes investiert, sagt Kaps. Er habe den Eigentümer deshalb darum gebeten, noch etwas zu warten. »Dann gab es eineinhalb Jahre keinen Kontakt mehr«, erinnert sich der Schafbauer. »Und plötzlich stand er mit der Kündigung und dem neuen Eigentümer vor der Haustür.« Das war im November 2012. Zu diesem Zeitpunkt nahm die Katastrophe ihren Lauf. Unerbittlich, unabwendbar.

Karl Kaps hat der Kündigung widersprochen. Der neue Eigentümer, der weltbekannte Architekt Oliver Kühn, hat geklagt. Und gewonnen. »Das ist durch«, weiß Kaps. Die Frage ist nur, wann der Naturbursche endgültig raus muss. »Da reden, oder, besser gesagt, kämpfen die Anwälte noch miteinander«, scherzt Karl Kaps. Und lächelt zum ersten Mal. »Ich habe 30 Jahre für den Roßboden gelebt«, sagt er. Jetzt schachert er darum, ob er ein paar Wochen länger bleiben darf. Oder nicht.

Die Geschichte, die Tragödie des Karl Kaps hätte sich ein Dramatiker nicht spannender ausdenken können. Eine Mischung aus David gegen Goliath, Heimatfilm und Western. Ein reicher, einflussreicher Architekt aus der Großstadt jagt einen Kleinbauern vom Hof.

Warten auf den Vorbescheid

Sommer 2012: Ortstermin mit neuem und altem Eigentümer sowie Vertretern des Landratsamtes und der Gemeindeverwaltung. Der Architekt hat seinen Wunsch auf Vorbescheid vorgetragen. »Ich bin dann weggegangen. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Unterredung für Herrn Kühn wunschgemäß verlaufen ist«, erinnert sich Kaps. In der Gemeinderatssitzung im Oktober ging der entsprechende Antrag einstimmig durch. Kurz darauf wanderte der Antrag auf Vorbescheid zur Genehmigungsbehörde, das Landratsamt. Dort liegt er noch immer. Unbeantwortet. Wie das Landratsamt auf Nachfrage mitteilt, muss erst noch eine Anhörung zur Ablehnung stattfinden. Erst dann kann der Vorbescheid verschickt werden.

Lediglich ein Schreiben ist an Oliver Kühn rausgegangen. Darin wird der Architekt gebeten, seinen Antrag zurückzuziehen. Ganz einfach aus dem Grund, weil er die Auflagen, um auf dem Roßboden zu bauen, nicht erfüllen können wird. Denn unter anderem müsste Kühn mindestens zwei Jahre in dem alten Haus mit Hauptwohnsitz leben. So weit, so üblich. Aber dann wird es interessant.

Am 9. Januar 2013 gab es ein Treffen mit Vertretern des Landratsamts und Oliver Kühn. In einem Aktenvermerk (alle zitierten Dokumente liegen dem »Anzeiger« vor) heißt es: »Nach dem Schreiben entstand beim Bauherrn Unsicherheit in zuvor mit Kreisbauamt und Gemeinde abgestimmten grundlegenden Fragen.« Welche Fragen? Was wurde da vereinbart? Weder Landratsamt noch die Gemeindeverwaltung in Marktschellenberg wollen sich daran erinnern.

Ebenfalls Anfang Januar bringt der Briefbote plötzlich Post an Oliver Kühn auf den Roßboden. Obwohl der der da nicht wohnt. Karl Kaps erkennt die Strategie, einen Wohnsitz vorzugaukeln, und wendet sich sofort an die Gemeinde. Aber die verweigert die Auskunft. Dann fragt Kaps im Landratsamt nach. Mehrmals. Und erfährt schließlich, dass Oliver Kühn seit 14. Dezember 2012 in Marktschellenberg gemeldet war. Diese Anmeldung wurde dann wenig später rückgängig gemacht. »Es wurde bekannt, dass eine Falschanmeldung vorlag«, bestätigt Marktschellenbergs Bürgermeister Franz Halmich. »Da hat der Bauwerber wohl etwas falsch verstanden.«

Derweil bombardierte Oliver Kühn Karl Kaps mit Einschreiben. »Er wollte über die weitere Vorgehensweise sprechen«, erinnert sich der Schafbauer. Außerdem hat der Architekt Techniker auf den Roßboden geschickt, um das Areal zu vermessen. »Die habe ich fortgeschickt. Die hatten kein Betretungsrecht«, so Kaps. Dann wollte sich Kühn mehrmals mit Karl Kaps in einem Marktschellenberger Café treffen. Auch das hat der Schafbauer nicht eingesehen. »Ich habe ihn gebeten, dass er zu mir kommt«, sagt Kaps. Eine Stunde lang war das Ehepaar Kühn schließlich auf dem Roßboden. »Umsonst«, erinnert sich Karl Kaps. Eine Einigung kam nicht zustande. Zwei Wochen später kam die Klage.

Wenn der Postmann zweimal hupt

Die Sonne hat endgültig gegen die zähen, erbarmungslosen Wolken verloren. In der Stube wird es immer dunkler. Aber die Gaslampen bleiben selbstverständlich aus. Da hupt jemand draußen auf der winzigen Straße, die sich direkt vor der Haustür entlangschlängelt. Karl Kaps stapft mit seinen derben, hochschaftigen Lederstiefeln zur Tür. Öffnet sie. Es ist der Postbote. Ein kleiner Plausch, drei Briefe.

Karl Kaps stapft zurück in die Stube. Den Blick auf die Post fixiert. Zwei Briefe legt er auf ein schlichtes Tischchen neben dem Ofen. Einen hält er in der Hand. Starrt ihn an. Öffnet ihn. Liest. Sein Gesicht ist ganz zur Wand gedreht. Keine Bewegung. Kein Atemzug ist zu hören. Eine gefühlte Stunde steht er da. Regungslos, wortlos. Da stimmt was nicht. Was ist los, Herr Kaps?

Langsam dreht sich der Schafbauer um. Mit dem starren Gesichtsausdruck einer Totenmaske. Er holt tief Luft. Und sagt: »Jetzt kommt der Hammer.« Der Brief in seiner Hand stammt vom Anwalt des Architekten. Keine Fristverlängerung. Am 31. Mai ist Schluss.