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Keine »Kohle«, kein »Nolympia«

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Viele Nachteile in einer Olympiabewerbung sehen Bernhard Zimmer von den Grünen und Rita Poser vom Bund Naturschutz. Fotos: Anzeiger/Hudelist
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83 000 Wahlberechtigte erhalten jetzt mit der Wahlbenachrichtigung Argumente geliefert, allerdings nur für die Bewerbung.

Berchtesgaden – Die Gegner der Olympiabewerbung 2022 kritisieren, dass bei den Abstimmungsbriefen an die Haushalte nur Argumente für die Winterspiele verschickt werden, die Gegner aber nicht zu Wort kommen. Der Kreistag hat dies mehrheitlich abgelehnt. »Das ist ein Putin'sches Demokratieverständnis«, wettert zum Beispiel Rita Poser, die Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz. Zusammen mit Dr. Bernhard Zimmer, dem Chef der Kreis-Grünen, erläutert sie die wichtigsten Kritikpunkte, die das Berchtesgadener Land betreffen.


Rund 80 000 Wahlberechtigte im Landkreis erhalten in diesen Tagen die »amtliche Abstimmungsbenachrichtigung«. Darin geht es um die Frage, ob sich das Berchtesgadener Land mit der Kunsteisbahn um die Olympischen Winterspiele 2022 bewerben soll. Gemeinsam mit München, Garmisch und Traunstein. Anders als bei Bürgerentscheiden, die von Bürgern ausgehen, müssen bei dieser Abstimmung, die vom Kreistag ausgeht, allerdings keine Gegenargumente angeführt werden. Auf der Rückseite eines Schreibens des Landrates sind lediglich acht Pro-Argumente abgedruckt.

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Im Kreistag forderten Grüne und ÖDP, dass auch die Gegenargumente verschickt werden, das lehnten die anderen Parteien ab. »Bei Olympia geht es doch angeblich um sportliche Fairness, aber beim Bürgerentscheid ist man unfair den Gegnern gegenüber«, findet Zimmer. Der Druck von rund 60 000 Prospekten und der Versand kosten rund 15 000 Euro. »Dieses Geld haben wir nicht, um unsere Gegenargumente extra verschicken zu können.« Zudem würden in öffentlichen Gebäuden, Schulen und Turnhallen schon jetzt die »Olmypi-JA«-Plakate kleben.

Tourismus profitiert nicht

An der Bewerbung an sich kritisieren Grüne und Bund Naturschutz, dass es den vorhergesagten Wirtschaftsaufschwung wegen Olympia nicht geben werde. So zeige eine Studie der Wirtschaftsprüfer »Pricewaterhouse Coopers«, dass am Beispiel Barcelona nach den Olympischen Spielen sowohl die öffentlichen als auch die privaten Ausgaben drastisch zurückgegangen seien. »Olympia ist also kein Schub für eine Region«, ist sich Zimmer sicher. Poser gibt zu bedenken, dass das Berchtesgadener Land keine Wintersportregion sei und daher von Olympischen Winterspielen nicht profitieren würde. »Was würde nach den Olympischen Spielen einen Wintersportler denn nach Schönau locken, wenn er nicht rodelt?«, fragt Zimmer. »Wir haben schon jetzt drei Weltcups pro Winter. Wenn Großveranstaltungen also so eine Zugkraft hätten, müssten die Hotels und Pensionen schon jetzt jeden Winter voll sein.«

Grüne und Bund Naturschutz befürchten, dass wegen der Olympischen Spiele wieder Verkehrsprojekte wie zum Beispiel der Kirchholztunnel aus der Schublade geholt werden. So soll die Autobahn München-Salzburg als »Olympic Lane« für die Sportler und Funktionäre bis 2022 ausgebaut werden. Das lehnen die Umweltschützer bekanntermaßen ab. In der Konzeptstudie »München 2022« seien zwar keine neuen Straßenbauprojekte aufgeführt, »weil die Bewerbung ja so grün ist, aber die in Planung befindlichen Projekte wie die A 8 werden beschleunigt behandelt«, zitiert Zimmer aus der Studie.

In der Konzeptstudie ist auch von 1 500 Parkplätzen die Rede, die aber nach Ansicht der Gegner nicht vorhanden wären. Der Großparkplatz am Königssee sei für Sportler, Funktionäre und Journalisten reserviert, sodass für Zuschauer Ersatzparkplätze geschaffen werden müssten. »Das bedeutet, man wird Wiesen pachten und sie zu Großparkplätzen umfunktionieren«, vermutet Zimmer. Da diese Parkplätze allerdings winterfest gemacht, also mit Kies und Steinen befestigt werden müssten, seien diese Wiesen für zwei Ernten nicht mehr nutzbar. Pächter von landwirtschaftlich genutzten Wiesen würden sich schon Sorgen machen, weil Eigentümer die höheren Mieten durch die Olympia-Vermietung bevorzugen würden.

Freistaat haftet mit Steuergeld

Die Bewerbungskosten sind auf 394 000 Euro begrenzt und »im Verhältnis zur weltweiten Werbewirkung gut angelegt«, schreibt Landrat Grabner in seinem Begleitschreiben an die Wahlberechtigten. Dass bei den Ausgaben für die Olympischen Spiele in Höhe von 750 Millionen Euro der Landkreis kein Kostenrisiko trägt, weil der Freistaat ein mögliches Defizit übernimmt, sieht Zimmer kritisch. »Diese unbegrenzte Haftung des Freistaates gegenüber dem Olympischen Komitee ist im Haushaltsrecht des Landtages gar nicht möglich.« Zudem sei es »schizophren zu behaupten, es würde uns im Landkreis nichts kosten, die Haftung des Freistaates ist schließlich auch unser Steuergeld«.

Die Grünen im Landkreis wollen der Info-Offensive der Befürworter zwei Veranstaltungen dagegensetzen. Am 29. Oktober wird ein Olympia-Nein-Kampagnenführer aus Graubünden berichten, wie sich der Kanton erfolgreich gegen eine Bewerbung für Olympia 2022 gewehrt hat. Der Veranstaltungsort steht noch nicht fest. Am 5. November wird der Salzburger Olympiakritiker Willi Rehberg in Freilassing über seine Erfahrungen mit den angeblichen Knebelverträgen des IOC mit den Bewerberorten berichten. Michael Hudelist