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Kelle für den Kastenwagen

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Sie warten auf das nächste Auto, das ins Raster passt: Bundespolizisten kontrollieren im Talkessel derzeit 24 Stunden am Tag. Auch bei Zill und in der Oberau sind die Beamten stark vertreten. (Foto: Pfeiffer)

Marktschellenberg – Ein VW Passat rauscht am Marktplatz von Marktschellenberg vorbei, es folgt ein Seat Leon, dann kommt ein weißer Kastenwagen, Salzburger Kennzeichen, alle in Richtung Berchtesgaden unterwegs. Fensterscheiben hat das Fahrzeug hinten keine. Deshalb hält der Bundespolizist die Kelle raus. »Der wird jetzt kontrolliert«, schnaubt er, schaut zu seinem Kollegen hinter auf den Parkplatz, nickt ihm zu, der wartet bereits: auf den nächsten großen Fang.


Die Bundespolizei kontrolliert aktuell im Talkessel. Vor allem in und um Marktschellenberg. In den vergangenen Wochen waren täglich Dutzende Flüchtlinge auf diesem Weg nach Deutschland gekommen. Von Schleusern ausgesetzt auf österreichischem Boden, rüber geschickt in die Bundesrepublik, wo dann oft schon Beamte der Polizeiinspektion Berchtesgaden sowie der Bundespolizei warteten.

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Die Grenzen werden wieder kontrolliert, im Talkessel in Marktschellenberg, in Oberau und am Grenzübergang Zill. Eine große Einsatztruppe der Bundespolizei ist für mehrere Tage im Talkessel stationiert worden. »Viele von uns kommen aus Hamburg«, berichtet einer, stoppelige Haare, dunkle Sonnenbrille, klassischer Hamburger Dialekt. Ein bulliger Typ, Kampfsportler-Statur. Er ist es, der den Kastenwagen schließlich anhält. Der Fahrer kramt schon beim Ausrollen seines Fahrzeugs im Geldbeutel herum. Den Ausweis sucht er offensichtlich, Fahrzeugpapiere. Er kurbelt das Fenster nach unten.

»Hallo«, sagt er. »Wir kontrollieren die Grenzen«, entgegnet ihm der Beamte. »Das habe ich bereits gehört«, sagt der bärtige Mann im Auto, ein Lächeln huscht ihm über das Gesicht. »Ich würde gerne mal hinten reinschauen«, sagt der Polizist, er deutet zum rückwärtigen Teil des Kastenwagens, »bitte einmal öffnen.«

Der Mann steigt aus, geht um sein Fahrzeug herum, öffnet die Schiebetür, schaut den Beamten fragend an. Dieser wirft einen Blick rein, viel Werkzeug, eine Leiter, ein paar Säcke. Flüchtlinge? Nicht in diesem Fahrzeug.

Währenddessen muss ein Bus, der täglich mehrfach die Strecke Berchtesgaden-Salzburg fährt, stehen bleiben. Der besonders lange Gelenkbus ist gut gefüllt mit Fahrgästen, viele Asiaten, Engländer, ein paar Deutsche. Ein Bundespolizist betritt den Bus, »Ausweiskontrolle«, sagt er. Die Fahrgäste verstehen sofort, was gemeint ist, auch wenn sie nicht alle Deutsch sprechen. Jeder zückt seinen Ausweis, der Beamte bahnt sich seinen Weg durch den Bus, nickt immer wieder, hin und wieder greift er nach dem Papier, wirft einen genaueren Blick drauf.

»Politikum Polizeikontrolle«

So viel Polizeiaufkommen wie dieser Tage hat Marktschellenberg selten gesehen. Mehrere Transporter der Bundespolizei parken auf dem Platz vor der örtlichen Sparkassen-Filiale. Wenn man fragt, mit wieviel Mann die Polizisten angereist sind, erhält man fragende Gesichter als Antwort. »Ein paar sind es schon«, sagt einer, Smartphone in der Hand, dienstliches Gespräch. Sein Kollege sagt, dass die ganze Sache rund um Flüchtlinge, Schleuser und Polizeikontrollen mittlerweile zum Politikum geworden sei. Die nun eingeführten Grenzkontrollen: »Nur dafür da, Präsenz zu zeigen.« Denn die Schleuser hätten inzwischen zahlreiche andere Straßen und Wege ausgemacht, die überhaupt noch nicht kontrolliert würden. »Wir können ja nicht überall sein«, sagt der Bundespolizist. Recht hat er.

Von der anderen Straßenseite kommt langsamen Schrittes ein Marktschellenberger. Er hält eine Landkarte in der Hand. Marktschellenberg ist dort besonders gut zu sehen. Und eben auch jener Weg, der noch einen Tag zuvor von Flüchtlingen genutzt worden war. »Glockenweg«, sagt der Ansässige, und erklärt den Bundespolizisten sogleich, wo dieser entlang läuft. Hinten an der Ache, ein »Wanderweg«. Ob dieser kontrolliert werde? »Den kannten wir bis gerade gar nicht«, sagt ein Polizist, notiert etwas, dann entfernt er sich mit einem Kollegen. Auf Tipps sind die Beamten angewiesen, Schleichwege gibt es viel. Beziehungsweise Straßen, entlang derer man ohne Weiteres die 24-stündigen Polizeikontrollen in Marktschellenberg umfahren kann.

»Richtige Kontrollen schauen sowieso anders aus«, sagt einer der Beamten. Allerdings könne man solche den Bürgern nicht zumuten, da sich einige sowieso bereits »gegängelt« fühlten. Also kontrolliert man auf die softe Art und Weise. Da mal ein flotter Blick in den Kofferraum, dort mal eine flinke Vergewisserung über die Gültigkeit des Ausweises. Viel zu tun haben die Polizisten in Marktschellenberg angesichts der zahlreichen Autos aber in jedem Fall.

Nichts los in der Oberau

Anders schaut es in der Oberau aus. Beim dortigen Grenzübergang unweit des »Neuhäusl« ist ebenfalls Bundespolizei im Einsatz. Die beiden Beamten sitzen im Auto, draußen ist es heiß, auf der Straße wenig los. Zehn Minuten lang kein Fahrzeug, dennoch gilt die Devise, den Grenzübergang im Auge zu behalten. Immerhin hat es hier schon einige Schleuser-Aufgriffe gegeben.

Auch abends und in der Nacht werden die Bundespolizisten weiterkontrollieren. Wie lange noch, steht in den Sternen. »Geordert wurden wir für drei bis sieben Tage«, hieß es am Anfang. Allerdings denken alle, dass die Kontrollen noch deutlich länger dauern werden. Kilian Pfeiffer