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Kellner, Touristiker und Psychologe

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Sie sind mehr als nur Kollegen: Thomas Lenz (l.) bezeichnet sich und seinen Kollegen Gerald Reinbacher als »Weggefährten«, die schon knapp zwei Jahrzehnte zusammenarbeiten. (Foto: Voss)

Ramsau – Braungebrannt und gut gelaunt – so kann man Kellner Gerald »Gery« Reinbacher beschreiben. Der 46-jährige gelernte Koch aus der Steiermark hat in der Ramsau, beim Gasthof »Nutzkaser«, seinen Traumjob gefunden.


Was ihm daran gefällt: »Der Umgang mit den Leuten.« So manch einer hat ihm schon seine Lebensgeschichte erzählt. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat »Gery« bei der Arbeit besucht.

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Die Anrede »Sie« mag Gerald Reinbacher nicht so gerne. »Ab 1 000 Meter Höhe samma beim Du«, sagt er, was ihn gleich sympathisch macht. Der »Nutzkaser« liegt auf 1 100 Metern Höhe. »Es kommt auch immer auf die Situation drauf an, welche Leute auf dich zukommen«, fügt er hinzu. »Ich habe da ein Feeling dafür.« Sein Dialekt verrät seine Herkunft aus der Steiermark, genauer aus der Nähe von Schladming. »Manche Gäste halten mich auch für einen Tiroler, weil wir auch dieses »Krch« in der Sprache haben«, schmunzelt er.

Der 46-Jährige ist in Gröbming aufgewachsen, in der Obersteiermark. Das erzählt er im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« auf der Sonnenterrasse. »Mit sieben Jahren bin ich auf Assach gekommen, dort hat mein Vater ein Haus gebaut.« Nachdem »Gery« seine Lehre zum Koch gemacht hatte, war er eine Zeit in Sankt Anton. »Dort hätte ich eine Stelle als Souchef bekommen«, erinnert er sich. Aber da es kein Zimmer für Reinbacher gab, und es kurz vor Weihnachten 1992 war, ging er zurück nach Hause. Dort las Gerald in der Zeitung, dass für eine Skihütte im Rohrmoos ein Kellner gesucht wird. So rutschte der Österreicher in den Bereich Service. An der Bar lernte er jemanden kennen, der im Nutzkaser gearbeitet hat. »Er sagte, er wisse einen super Job. Also habe ich es mir im April 1993 mal angeschaut, und seit 16. Mai 1993 arbeite ich jetzt im Nutzkaser.«

Und wo gefällt es Gerald Reinbacher nun besser: in Schladming oder in der Ramsau? Er seufzt: »Das kann ich nicht sagen. Heimat ist Heimat.« Er fährt auch fast jede Woche heim nach Schladming. Die Strecke hat 120 Kilometer, somit ist er viel unterwegs. Er lebt mit seiner Freundin in Winkl, in Schladming hat er ein Ferienhaus, um sich von seinem anstrengenden Job zu erholen.

Aber egal, wie stressig der Beruf des Kellners ist – 45 bis 48 Stunden arbeitet der 46-Jährige pro Woche – er liebt seinen Job. Besonders den Umgang mit den Menschen: »Das habe ich zuerst nicht gekannt, weil ich immer in der Küche war.« Dann merkte er, wie ihm das liegt. Auch, wenn ein Gast mal dumme Fragen stellt. »Einmal wollte einer einen Tisch reservieren. Er rief an und wollte wissen, wie das geht. Ich habe versucht, es ihm zu erklären: Er sollte mir nur Name, Datum, Personenanzahl nennen. Er hat es nicht zambracht«, sagt »Gery« und muss lachen. Aber am häufigsten interessieren sich die Gäste für die Bergwelt. »Wenn ich überlege, wie oft ich die Berge schon erklärt hab«, so Reinbacher. Man könnte ihn auch als Touristiker bezeichnen, denn er muss noch viel mehr im Kopf haben: »Die Leute wollen wissen, was sie unternehmen können, die kleinen Touren, die großen Touren...« Nach 25 Jahren in der Ramsau alles kein Problem für den Steirer. Er ist auch selbst oft in den Berchtesgadener Bergen unterwegs.

Auf die Frage, was ihn an seinem Beruf nervt, fällt Gerald Reinbacher zunächst nichts ein. Er überlegt intensiv, den Blick auf den Watzmann gerichtet, dann sagt er: »Es ärgert mich, wenn Leute vom Parkplatz hergehen und mir schon entgegenschreien, ich soll ihnen eine Halbe bringen. Und sie noch nicht mal sitzen.« Oder auch, wenn er die komplette Terrasse aufgedeckt hat, zwei bis drei Kellner herumlaufen, Leute an den Tischen sitzen und dann von einem Passant die Frage kommt: »Habt ihr heute Ruhetag?« Manchmal denkt er sich schon: »Was sind das für welche?«, erzählt er und grinst.

Was Gerald Reinbacher besonders schätzt, ist, dass sein Beruf alles andere als eintönig ist. »Du triffst immer wieder andere Leute, junge wie alte. Und du erfährst viel von ihnen.« Viele erzählen dem »Gery« ihre Lebensgeschichte. »Wenn i Zeit hab, dann los i sie mir an.« Die alten Leute, sagt er nachdenklich, tun ihm schon manchmal leid. »Ich setz mich dann zu ihnen an den Tisch. Oft ist es sehr interessant.« Sie haben teilweise nicht mehr viel in ihrem Leben, fährt Reinbacher fort. So sei es für ältere Menschen schön, Kaffeetrinken zu gehen, »wenn sie Probleme mit den Beinen haben, können sie direkt vorm Nutzkaser aussteigen und auf die Terrasse gehen.« Und dem »Gery« Geschichten erzählen. »Irgendwie bist auch a bissl Psychologe«, sagt er nachdenklich. Denn die Menschen teilen auch ihre Sorgen mit ihm.

Es kommt nicht von ungefähr, dass er und sein Kollege Thomas Lenz, der auch schon 18 Jahre dort oben arbeitet, viele Fans haben. Immer freundlich sein, lautet die Devise. »Es gehört einfach dazu, was viele aber gar nicht wissen. Ich hasse es, wenn ich in ein Wirtshaus gehe, und der Kellner kommt an den Tisch und schaut mich nicht mal an.« So was kommt am Nutzkaser nicht vor. »Wegen Thomas und mir kommen viele rauf«, fügt der 46-Jährige hinzu. Schmunzelnd erwähnt er noch, wie gern die Gäste die beiden in der Lederhose fotografieren, »vor allem die Dirndln«. Thomas und »Gery« seien außerdem nicht nur Kollegen, sondern Freunde – »echte Weggefährten«, ruft Lenz beim Vorbeigehen.

Für den Beruf des Kellners sollte man von Haus aus Menschenkenntnis haben, ist er überzeugt. Aber man könne sich auch viel aneignen. Das ist etwa nützlich, wenn man eine Gaudi mit den Gästen haben will. »Ich seh das sofort, wenn ich zu einem Tisch hingehe, ihnen die Speiskarte gebe und frage, ob sie etwas zu trinken wollen – dann weiß ich, wie ich mit dem Gast umgehen muss.« Übrigens – Die Einheimischen, erzählt der Kellner, haben mehr Humor als zum Beispiel Gäste aus dem hohen Norden. Eines gelte in jedem Falle: »99 Prozent der Menschen sind sehr nette Leute.« Und wenn wirklich mal jemand unfreundlich ist, dann geht das bei Gerald Reinbacher bei einem Ohr rein und beim andern raus.

Für die Zukunft wünscht sich der Steirer, dass es mit dem Tourismus so weitergeht, »das ist sehr wichtig«. Und dass er gesund bleibt und noch lange Freude an seinem Job hat. Annabelle Voss