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Kilometerfressen für perfektes Kabarett

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Heimatstolz und Hirschgeweih: Im Berchtesgadener Bauerntheater fand Star-Kabarettist Gerhard Polt die perfekte Bühne für seinen grandiosen Auftritt. Foto: Floerecke

Berchtesgaden – Was für einen Katholiken der Papst und für einen Fußballfan Franz Beckenbauer, ist für Thomas Floerecke aus Schrobenhausen bei Ingolstadt die Kabarettlegende Gerhard Polt. Für dessen Auftritt im Berchtesgadener Bauerntheater ist Polts wohl größter Fan extra 250 Kilometer angereist. Im »Berchtesgadener Anzeiger« schreibt Floerecke, wie ihm der Auftritt gefallen hat. Sehr gut, natürlich.


Menschen, geradezu in Massen. Vor dem Bauerntheater, innen drin. Berchtesgadener, Salzburger, Alte, Junge. Bauerntheater-Chefin Elisabeth Hölzl-Michalsky hat alles im Griff. Mit charmantem Elan und jugendlicher Energie weist sie den 350 Zuschauern ihre Plätze zu. Das Durchschnittsalter dürfte um die 50 liegen.

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Das perfekte Ambiente

Das Bauerntheater kommt einem kleiner vor, als es im aktuellen Polt-Kinofilm rüberkommt. Macht aber nichts. Hier ist die Zeit irgendwie stehen geblieben. Herrlich. Das perfekte Ambiente für einen Auftritt von Gerhard Polt.

Der Berichterstatter darf in der ersten Reihe sitzen. Das hat die Chefin irgendwie noch kurzfristig für den »Anzeiger« hinbekommen. Und dann ist es so weit: Elisabeth Hölzl-Michalsky stellt ihren »Wunschkandidaten« auf der Bühne vor. Der Abend mit Gerhard Polt kann beginnen.

Hellblaues Hemd, dunkle Hose, lässiges Sakko. Ja, so kennt man ihn. Hände in der Hosentasche. Ein letztlich unbenutzter Stuhl und etwas Restdekoration aus einem ländlichen Theaterstück sind zu sehen.

Polt überlässt mal wieder nichts dem Zufall. Er ist Profi. Das mitten in der Bühne aufgebaute Mikrofon mit Ständer braucht er nicht unbedingt. Und will es, so scheint es zumindest, am liebsten zur Seite stellen. »Ist jemand schwerhörig?« Ja. Ein Zuschauer aus einer hinteren Reihe meldet sich. Das Mikrofon bleibt stehen. Es schränkt die Bewegungsfreiheit des 71-Jährigen etwas ein. Vielleicht hat sich da der eine oder andere insgeheim gedacht: »Braucht's des?«

Als leidenschaftlicher bayerischer Kleinbürger sinniert Polt zu Beginn mit vollster Inbrunst über das 125-jährige Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr von Hausen. Besonders liege ihm dabei die dortige Jugend am Herzen. Er stelle sich vor die Jugend, die für vier Festtage »extra neben dem Bierzelt ein Edelweißzelt aufgebaut hat und für jeden Schnaps, den sie dort ausgeschenkt hat, zehn Cent in die Drogenprävention gesteckt hat«. Schließlich seien 1 640 Euro eingegangen – »und da soll noch einer sagen, die jungen Leute haben keinen Idealismus mehr«.

Latein lernen

Langer Applaus. In der Rolle einer älteren Dame fragt Polt das Publikum: »Kennen Sie den jungen Neumeier?« Den habe sie nämlich in der Bayerischen Oberlandbahn nach Miesbach getroffen – ein Fahrschüler, der nun ein Jahr länger mit'm Zug fahren müsse, weil er in der Schule durchgerauscht sei, obwohl er gar nicht so schlecht sei. Alles habe er bestanden, nur nicht Mathematik. Aber beide verstünden es, das bayerische Schulsystem, das beste auf der ganzen Welt: Denn der junge Neumeier »muss jetzt so lange Latein lernen, bis er in Mathe gut ist«.

Später schlüpft Polt unter anderem in die Rolle eines leicht überheblichen Autofahrers, der seinen neuen Luxuswagen bestellt und dabei meint, dass er sein »Geld heute lieber im Autolack als in Athen« sehe. Und dessen »grünes Gewissen sich empört«, als seine Frau, sein »Liebling«, sich die Bedienungsknöpfe im Auto aus Elfenbein wünscht: »Von mir aus ein Krokodilleder, aber bei Elfenbein hört es auf.« »Braucht's des?«

Nach neun Stücken steht fest: Das Publikum hat das bekommen, was es sich von einem Abend mit Gerhard Polt versprochen hatte: perfektes Kabarett. Thomas Floerecke