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Klage gegen Startleiter und deutschen Bobverband stattgegeben – Berufung erwartet

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Traunstein – Im Traunsteiner Landgerichtsprozess um ein tragisches Unglück auf der Kunsteisbahn in Königssee – eine 21-jährige russische Bobfahrerin wurde am 29. November 2009 beim Crash zweier zeitgleich im Eiskanal rasender Schlitten schwerst verletzt – fiel gestern ein Teil-Endurteil: Die Erste Zivilkammer mit Vorsitzendem Richter Helmut Engelhardt als Einzelrichter gab der Klage der Geschädigten gegen den damaligen Startleiter, einen 64 Jahre alten Sportfunktionär aus Schönau am Königssee, sowie gegen den Ausrichter des Europacupbewerbs, den Deutschen Bobverband (BSD), grundsätzlich statt. Die Klage gegen den Veranstalter des besagten Rennens, den Internationalen Bobverband (FIBT), wies das Gericht ab.


Engelhardt meinte gestern auf Anfrage der Heimatzeitung, dass das Urteil wohl vorläufig keine Rechtskraft erlangen werde: »Ich rechne mit Berufung von allen Seiten.« Erst wenn das jetzige »Grund«-Urteil rechtskräftig wird, kann das Gericht »der Höhe nach« über Schadensersatz und Schmerzensgeld für die Sportlerin entscheiden. Darüber muss separat Beweis erhoben werden. Bislang sprach der Anwalt der Klägerin immer von einer Größenordnung »von mindestens einer Million Euro«.

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Ein am Nachmittag des 29. November 2009 vom höher gelegenen Bobstartplatz losgelassener russischer Männerschlitten hatte den vom Startplatz »S1« in die Eisbahn geschickten und im unteren Streckenabschnitt gestürzten Damenzweierbob eingeholt. Die inzwischen 24 Jahre alte Klägerin Irina S. traf eine abgerissene Kufe im Beckenbereich. Die Folgen waren offene Knochenbrüche, massivste innere Verletzungen, Koma, Notoperationen, viele weitere chirurgische Eingriffe, mehrfache Komplikationen, monatelange Klinikaufenthalte und langwierige Reha-Maßnahmen. Zu den Strafprozessen vor dem Amtsgericht Laufen und dem Landgericht Traunstein sowie zu dem im Oktober 2012 begonnenen Zivilstreit erschien die Klägerin nicht persönlich, ebenso wenig drei weitere Sportler, die leichte Verletzungen erlitten hatten. Der beklagte Schönauer Jury-Präsident und Europa-Cup-Koordinator im Internationalen Bobverband (FIBT) sprang am Unglückstag als ehrenamtlicher Startleiter am Rodelstart »S1« ein. Wie später alle Gerichte feststellten, hatte der 64-Jährige den Damenbob vom Startpunkt S1 trotz roter Ampel in den Eiskanal einfahren lassen.

Geld bekam die junge, angeblich bis heute erheblich behinderte Russin bisher nur von dem 64-Jährigen. Das Landgericht hatte ihm eine Wiedergutmachung von 20 000 Euro sowie Übernahme ihrer Nebenklagekosten für die beiden Strafprozesse auferlegt. Beide Strafgerichte hatten den 64-Jährigen als »nicht allein für das Unglück verantwortlich« betrachtet. Der gesamte Ablauf jenes Europacup-Bewerbs hätte besser koordiniert werden können, hieß es mehrfach.

Das Strafverfahren gegen den Startleiter endete am 17. März 2011 mit Einstellung – wegen »geringer Schuld«. Die Erste Zivilkammer kam im wesentlichen Punkt zum gleichen Ergebnis wie die anderen Gerichte: Der Unfall hätte sich nicht ereignet, wenn der 64-Jährige die Damen nicht bei roter Ampel in die Eisbahn hätte einfahren lassen. Mehrere Zeugen, darunter der bekannte Bobtrainer Christoph Langen, hatten ausgesagt, bei »Rot« dürfe generell nicht gestartet werden.

Die zwei neben dem 64-Jährigen beklagten Bobverbände BSD und FIBT waren zur Unfallzeit den Vorschriften entsprechend versichert, wollten aber beide keine Zahlungen an Irina S. leisten. Hinter dem Weltverband steht eine Sportversicherung in London, hinter dem nationalen Verband eine deutsche Versicherungsgruppe.

Die Erste Zivilkammer entließ den internationalen Verband FIBT gestern mit dem Teil-Endurteil aus der Haftung für den Unfall. Der Grund, vereinfacht ausgedrückt: Laut Internationalem Bob-Reglement aus dem Jahr 2008 darf allein der FIBT internationale Wettkämpfe veranstalten. Verantwortlich für die reguläre Durchführung bleibt jedoch der jeweilige Nationalverband. Im vorliegenden Fall lag die Verantwortung gemäß Gericht beim BSD. Der 64-Jährige sei durch Übernahme der S1-Startleitung ausschließlich für den Bob- und Schlittenverband Deutschland tätig geworden, nicht jedoch als Jurymitglied des FIBT. Monika Diepold-Kretzmer

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