weather-image

»Kleine Vögel im Gras sitzen lassen« – warum »Ästlinge« keine Hilfe brauchen

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Anders ist es beim Ästling. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass die Tiere einige Tage im Gras versteckt sitzen, während sie fliegen lernen. Sie brauchen keine Hilfe, sondern brauchen nur Ruhe. (Fotos: Weindl)

Schönau am Königssee – Julia Weindl will Jungvögel vor dem sicheren Tod bewahren. Deswegen appelliert die Schönauerin an alle, die diese aus Mitgefühl vom Boden aufheben: »Bitte lasst die Tiere im Gras sitzen und füttert sie auf keinen Fall.« Das klingt zunächst herzlos, hat aber einen guten Grund. Warum man diesen »Ästlingen« nicht helfen muss – im Gegensatz zu den »Nestlingen«, und was sonst zu tun ist, erläutert die Tierschutzpädagogin im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«.


In diesem Jahr ist es laut Julia Weindl bereits etwa 20 Mal vorgekommen, dass unwissende Tierliebhaber im Talkessel kleine Vögel im Garten oder auf der Wiese aufgesammelt haben und besorgt zum Tierarzt gebracht haben. »Meistens sind es sogenannte Ästlinge«, erzählt die Tierschutzpädagogin. Sie engagiert sich im Tierschutzverein Berchtesgaden.

Anzeige

Zunächst sei es wichtig, den Unterschied zwischen Nestling und Ästling zu kennen. Nestling wird ein kleiner Vogel genannt, der sich noch im Nest von seinen Vogeleltern füttern lässt. Seine Merkmale sind zum Beispiel geschlossene Augen, wenige bis gar keine Federn, er bewegt sich wenig und kann noch nicht alleine stehen – er sitzt auf der ganzen Länge seiner Beine oder fällt um. Fällt ein Nestling aus seinem Nest, wird er nicht mehr von seinen Vogeleltern am Boden gefüttert oder wieder ins Nest zurückgebracht. »Dieser verwaiste, hilflose Vogel braucht schon die Hilfe von uns Menschen«, konkretisiert Weindl.

Die besten Überlebenschancen hat das Vogelbaby bei seinen Eltern im Nest. Daher empfiehlt die Tierschutzpädagogin: »Bitte den kleinen Vogel aufheben und als Erste Hilfe wärmen. Am besten in der Hand oder mit einem Kleidungsstück direkt am Körper.« Als nächstes solle man die unmittelbare Umgebung absuchen. Sieht man sein Nest, so kann man ihn nach dem Aufwärmen wieder dort hineinsetzen. »Keine Angst: Vogeleltern nehmen ihr Junges auch nach dem menschlichen Kontakt wieder an«, beruhigt Julia Weindl.

Blinde, nackte Vogelbabys ständig wärmen

Befindet sich in der unmittelbaren Umgebung kein Nest oder ist es unerreichbar, dann soll man das blinde, nackte Vogeljunge mit nach Hause nehmen und dabei immer weiter wärmen. Wichtig: Das Junge darf nicht gefüttert werden und man darf ihm auch kein Wasser zu trinken geben. »Das Kleine wird gierig seinen Schnabel aufsperren und einfach alles schlucken, was man ihm gibt – aber dem muss man unbedingt widerstehen«, warnt sie, »auch, wenn es schwerfällt.«

Bildtext einblenden
So sehen Nestlinge aus. Wenn sie aus dem Nest fallen, benötigen sie die Hilfe des Menschen. Wärmen ist wichtig, aber nicht füttern. »Jeder Wildvogel braucht seine individuelle Nahrung und vor allem kein Wasser«, so Julia Weindl.

Jeder Wildvogel braucht seine individuelle Nahrung und vor allem kein Wasser. Die Tiere verschlucken sich und sterben innerhalb kurzer Zeit. »Der kleine braucht nur Wärme und Ruhe, sonst nichts.« Als nächstes sollte der Finder eine geeignete Aufzuchtstelle kontaktieren. Hierbei kann der Tierschutzverein Berchtesgaden helfen, erreichbar unter der Telefonnummer 08652/977732. Informationen gibt es auch auf der Internetseite www.wildvogelhilfe.org. Ist der kleine Vogel verletzt oder erscheint kränklich, sollte er zum Tierarzt gebracht werden.

»Vögel bloß nicht selbst großziehen«

Wer sich damit nicht auskennt, sollte laut Weindl nicht versuchen, den Nestling selbst großzuziehen. »Das klappt in den meisten Fällen nicht und das Tier verendet qualvoll. In den Auffangstationen gibt es extra geschultes Personal.«

In 99 Prozent der Fälle werden den Tierärzten jedoch gerade Ästlinge gebracht. Der Ästling hat schon alle Federn, sein Schwanz ist kurz, er kann alleine stehen, er flattert, kann aber noch nicht richtig fliegen und sieht schon aus wie ein richtiger Vogel – nur etwas kleiner, erklärt Weindl. »Findet man einen Ästling, dann besteht in den meisten Fällen kein Handlungsbedarf.« Die Ästlingszeit ist laut der Tierschutzlehrerin die gefährlichste Zeit im Leben eines Vogels. Sie sind bereits zu groß für das Nest und müssen das Fliegen erst noch lernen. Die Vögel werden flügge. Sie können etwa einen halben Meter weit flattern, weiter nicht.

Meist sitzt der Ästling mit seinen Geschwistern verteilt im Garten auf dem Boden und wartet darauf, von den Eltern gefüttert zu werden. »Da die Ästlinge noch nicht richtig gut fliegen können, verstecken sie sich gut getarnt in Bodennähe.« Damit der Fortbestand gesichert ist, auch wenn ein Fressfeind wie etwa eine Katze den kleinen Vogel entdeckt, verteilen sich die Ästlinge instinktiv im ganzen Garten und sitzen nicht alle auf einem Haufen, weiß Julia Weindl. In regelmäßigen Abständen kommen nun die Eltern und füttern das Kleine, bis es nach ein paar Tagen geübt genug ist, um selber richtig zu fliegen und um den Eltern zu folgen.

Wer so einen Vogel auf dem Boden sitzen sieht, dem rät Weindl: »Freuen Sie sich und gehen dann bitte auf gebührenden Abstand, mindestens 25 Meter.« Man solle die Tiere dringend in Ruhe lassen. Auch Haustiere und Kinder, wenn es geht, von den Vogelbabys fernhalten. Wenn man sich ruhig verhalte, könne man beobachten, wie die Altvögel den kleinen füttern, fügt die Schönauerin noch hinzu.

Befindet sich ein Ästling in Gefahr, also sitzt er zum Beispiel auf einer Straße, dann sollte der Finder den Vogel aufheben und ihn schnell in der Nähe in ein Gebüsch oder hohes Gras setzen. »Es sollte nicht zu lange dauern, um den Vogel nicht unnötig lange zu stressen«, betont Julia Weindl. Auch darf der Ort nicht 50 oder 60 Meter vom Fundort entfernt sein, damit die Eltern den Kleinen noch finden und versorgen können. Annabelle Voss