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Kleinstkraftwerk in Schönau am Königssee

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Hier soll ein Kleinstkraftwerk entstehen. Der Fischereiverein Berchtesgaden-Königssee möchte das verhindern. Foto: privat
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Rainer Stähler vom Fischereiverein kämpft mit seinen Kollegen gegen Kleinstwasserkraftwerke. Fotos: Anzeiger/Pfeiffer
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Der Fischereiverein sorgt für einen guten Fischbestand in heimischen Fließgewässern.

Schönau am Königssee - Unterhalb der Grundbrücke in Schönau am Königssee ist ein privates Kleinstwasserkraftwerk geplant. Der Fischereiverein Berchtesgaden-Königssee und weitere Institutionen haben im Anhörungsverfahren im Landratsamt Berchtesgadener Land ihre Bedenken geäußert. »Für uns steht fest, dass ein Neubau in der Königsseer Ache nicht möglich ist«, so Siegfried Lenz, 1. Vorsitzender des Fischereivereins. Nun steht - für alle Beteiligten überraschend - das Genehmigungsverfahren kurz vor dem Abschluss. Das Kraftwerk wird wohl gebaut werden.


Drastisch sind die Worte, die Rainer Stähler, Jugendwart im Fischereiverein Berchtesgaden-Königssee, findet: »Diesen Raubbau mit unserer Heimat durch den Bau von Kleinstwasserkraftwerken können wir unseren Kindern und Enkeln nicht vernünftig erklären.« Deshalb kämpft er mit seinen Fischereivereinskollegen gegen den Bau des neuen Kraftwerks in der Königsseer Ache. Etwa 30 davon gibt es im südlichen Landkreis, zehn weitere befinden sich im Planungs- und Genehmigungsverfahren.

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Neben dem Fischereiverein sind es auch die Verwaltung staatlicher Fischereirechte im Landesfischereiverband Bayern sowie weitere Sachverständige und Gutachter der Fischereifachberatung Oberbayern, die dem Projekt aus fischereilichen und gewässerökologischen Gesichtspunkten keine Möglichkeiten der Umsetzung einräumen. »Durch Eingriffe in die Fließgewässer werden überlebenswichtige Funktionsräume auseinandergerissen«, heißt es in einer Erklärung des Fischereivereins, die der Heimatzeitung vorliegt. So ist die Königsseer Ache ein hochsensibles Gewässer, »ein außergewöhnliches Habitat für Bachforellen.« Der Flussbereich sei wichtige »Kinderstube« und damit Grundlage einer eigenen Population für die Bachforelle.

Bereits im vergangenen Jahr war das Gewässer in die Schlagzeilen geraten. Damals hatte die Gemeinde Schönau am Königssee unberechtigt Schnee in die Ache gekippt. Nachdem der Aufschrei beim Fischereiverein groß war, musste die Kommune auf Weisung des Landratsamtes Tonnen an Schnee wieder aus der Ache baggern lassen.

Rita Poser, Kreisvorsitzende im Bund Naturschutz Berchtesgadener Land, lehnt ein Kraftwerk bei der Grundbrücke entschieden ab: »Der energetische Nutzen steht in keinem Verhältnis zu dem, was zerstört wird.« Wegen der Kleinkraftwerke sind es häufig nur seichte Restwässer, die nicht dazu ausreichen, Lebensräume zu erhalten, weiß sie. In der Sache gehe es nur um den Nutzen für den privaten Investor. »51 000 Euro nimmt der Kraftwerksbesitzer pro Jahr ein«, rechnet die Umweltaktivistin vor.

Dass nun das Kleinkraftwerk realisiert werden soll, enttäuscht Poser: »Mir ist es komplett unverständlich, dass das Landratsamt so ein Projekt einfach durchwinkt.« Natürlich wisse sie, dass der Landkreis das selbst gesteckte Klimaziel, die Stromversorgung bis 2030 komplett aus erneuerbaren Energien sicherzustellen, umsetzen möchte. »Mit der Hilfe von Kleinwasserkraftwerken bewegt man sich aber auf einem falschen Weg.« Das beantragte Kraftwerk in der Königsseer Ache unterstützt den Gesamtenergiebedarf des Berchtesgadener Landes pro Jahr mit gerade einmal 0,095 Prozent (525 000 Kilowattstunden). »Das ist verschwindend gering und hat nicht mehr als Alibifunktion«, heißt es in einem Schreiben vom Fischereiverein. Der hat weitergerechnet und kommt zu folgendem Ergebnis: Um das Berchtesgadener Land autark mit Strom durch Kleinwasserkraftwerke zu versorgen, müssten 1 043 gebaut werden. Bei 1 043 Kraftwerken mit einem Raumbedarf von 100 Metern Flussstrecke hätte das Berchtesgadener Land 105 Kilometer dann komplett verbaute Fließgewässer.

Der Fischereiverein Berchtesgaden-Königssee erkennt in der Positionierung von wenigen Großkraftwerken eine gute Möglichkeit zur Umsetzung des Landkreis-Klimakonzeptes. Denn im Vergleich zu großen Lauf- oder Speicherkraftwerken müsse an kleinen Flüssen eine fünf bis acht Mal so lange Flussstrecke verbaut werden, um die gleiche Energieausbeute zu erzielen.

Darüber hinaus gelten laut Wasserrahmenrichtlinie vom Dezember 2000 in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union einheitliche Umweltziele. »Als Hauptziel wird angestrebt, dass Flüsse, Seen und Grundwasser nach Möglichkeit bis 2015 - spätestens bis 2027 - einen guten Zustand erreichen«, heißt es vom Fischereiverein. Als Referenz gilt die natürliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren in den Gewässern und die natürliche Qualität des Oberflächen- und Grundwassers.

Gewässerwart Christian Fries sieht die Entwicklung noch von einer anderen Seite: »Die vielen ehrenamtlichen Arbeitsstunden zur Hege und Pflege unserer Gewässer sind jetzt, durch den Neubau von Kleinwasserkraftwerken, fast nicht mehr zu leisten.«

Michael Seeholzer, geschäftsführender Vizepräsident des Fischereiverbandes Oberbayern, hat sich aufgrund der in seinen Augen »bedrohlichen« Lage an Landrat Georg Grabner gewandt: »Die Erfahrungen der vergangenen Sommer haben gezeigt, dass mit dem Klimawandel Niedrigwasserstände in oberbayerischen Fließgewässern einhergehen werden. Es wäre der Öffentlichkeit und den Besuchern des Biosphärenreservats Berchtesgadener Land kaum zu vermitteln, dass periodisch auftretende Fischsterben zu den Nachteilen gehören, die man in der Genehmigungsbehörde für eine zweifelhafte Stromausbeute billigend in Kauf nehmen wollte.«

Vom Landratsamt hieß es am Mittwochnachmittag gegenüber der Heimatzeitung, dass das Achen-Projekt zustimmungsfähig sei. »Mit üblichen Kleinkraftwerken hat das geplante nicht viel zu tun«, so Landratsamtspressesprecher Andreas Bratzdrum. Die Restwassermenge werde erhöht - auf 800 Liter pro Sekunde. Gefahren, die der Fischereiverein vorbringt, bestünden nicht. Gutachter hätten das Vorhaben eindringlich geprüft. Heute trifft sich die Behörde mit Vertretern der Fischereiverbände zu einem Vor-Ort-Termin. Kilian Pfeiffer