weather-image

Kletterspaß auf Kosten der Natur?

4.3
4.3
Bildtext einblenden
Diese beiden machen es richtig – sie begehen die neueste und schwierigste Variante des Klettersteigs zur erlaubten Zeit. (Foto: Kastner)
Bildtext einblenden
Manfred Weindl schlägt Alarm: Der Jagdpächter warnt vor negativen Auswirkungen des Grünsteinklettersteigs auf die Natur. (Foto: Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Während alljährlich Tausende von Bergfexen ihren Spaß auf dem 2009 errichteten Grünsteinklettersteig haben, ist Manfred Weindl zum Weinen zumute. Der Schönauer ist Jagdpächter im Gebiet des Steiges und betrachtet das Treiben in der Grünstein-Südwand seit Jahren mit großer Skepsis. Weil er die Jagd und die Natur rund um den Steig bedroht sieht, schlägt er nun Alarm. In einem »Brandbrief« an das Umweltministerium und an die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt warnt der Tierarzt und 2. Vorsitzende des Tierschutzvereins Berchtesgaden vor den negativen Folgen des Kletterspaßes.


Von Anfang an hatte Manfred Weindl die Sorge, dass sich der moderne Kletterspaß am Grünstein, der mittlerweile auf mehreren Varianten möglich ist, negativ auf die Jagd in diesem Bereich auswirken könnte. Es gefiel ihm deshalb, dass der Verein SC Grünstein-Klettersteig als Betreiber des Eisenwegs sich bereit erklärte, den Steig jeweils von 1. November bis 1. April zu sperren. Schließlich seien die Schapbachleite und die Grünsteinsüdwand die geeignetsten Überwinterungsflächen für das Wild.

Anzeige

Doch Manfred Weindl hält diese Regelung für wenig erfolgreich: »Unsere alpinen Vertreter der Spaß- und Freizeitgesellschaft haben sich einen Dreck darum geschert. Sie sind einfach während der Ruhezeit weiter geklettert. Gams haben wir keine mehr gesehen, aber dafür regelmäßig Kletterer«, schreibt der Jagdpächter an die Behörden. Nicht nur einmal musste sich Weindl von Einheimischen, die er bei einer Begehung während der Sperrzeit ertappt und ermahnt hatte, freche Sprüche anhören. Und der Schönauer will sogar beobachtet haben, wie einige Kletterer während Reparaturarbeiten in den Steig eingestiegen sind. »Dem am Einstieg postierten Helfern drohten sie Schläge an, wenn er den Weg nicht freimache«, weiß Weindl.

»Niemand tut etwas dagegen. In Österreich und in der Schweiz werden solche Vergehen sofort mit Anzeigen und hohen Bußgeldern geahndet«, schreibt Manfred Weindl, der auch Mitglied im Nationalparkbeirat ist, in seinem Brandbrief. Allerdings gibt es einen Unterschied, den Stefan Lochner, Vorstand des SC Grünstein-Klettersteig., erklärt: »Es gab keinerlei Auflagen vonseiten der Behörden. Wir sperren den Steig rein freiwillig während der Wintermonate«. Dass das fünfmonatige Begehungsverbot regelmäßig missachtet wird, wurmt aber auch Stefan Lochner: »Es gibt immer wieder Unverbesserliche, die sich nicht daran halten. Ich kann nur an alle appellieren, sich an die Sperrzeiten zu halten«. Zwar äußert Stefan Lochner Verständnis für die Sorgen der Jäger, doch gleichzeitig lässt er wissen: »Wir können nicht mehr tun, als den Steig in der sensiblen Zeit zu sperren.«.

Begehungsverbot im Winter

Dutzende von Hinweisetafeln gibt es in der Zeit von 1. November bis 1. April entlang des Zustiegs zum Klettersteig. Auch Auswärtige wissen dann schnell, dass ein Begehungsverbot besteht. Wer dies aber mutwillig missachten will, der lässt sich dadurch weder von Tafeln noch von baulichen Hindernissen abschrecken. So hat man früher sogar einmal die ersten 20 Meter Stahlseil mit Stacheldraht umwickelt. Geholfen hat es nichts, viele Kletterer sind trotzdem eingestiegen. »Ein Richter hat uns damals klar gemacht, dass solche Hindernisse oder ein Teilabbau des Seils nicht klug seien. Denn der Verein könnte für Unfälle verantwortlich gemacht werden«, sagt Lochner. Aktuell begnügt man sich deshalb während der Sperrzeit mit zwei Meter hohen Sperrplatten, die auf die ersten Bügel des Steigs gehängt werden. »Viele klettern aber daran vorbei«, weiß Stefan Lochner.

Über 10 000 Begehungen pro Jahr

So kommt zur offiziellen Frequenz von jährlich bis zu 8  700 Kletterern noch eine Dunkelziffer, die eine Begehungszahl von über 10  000 vermuten lässt. Manfred Weindl sieht den Ansturm mit großer Sorge, zumal er im Bereich des Steiges auch Erosionsschäden und Steinschlaggefahr beobachtet haben will. »Am Einstieg entstehen immer wieder lange Wartezeiten, da der Steig oft hoffnungslos überfüllt ist«, weiß Weindl. Die Folge sind Unfälle und Bergwachteinsätze mit Hubschrauberunterstützung.

»Trotz der verheerenden Folgen für die dort lebenden Tiere geht für mich selbstverständlich ein Leben vor«, erklärt Weindl. »Wir Jäger fühlen uns aber verpflichtet, mit der uns anvertrauten Natur und ihrer Tierwelt sorgfältig und nachhaltig umzugehen«. Die Bemühungen der Jäger sieht Weindl auf den Kopf gestellt: »Der seltene Alpensegler, der in der Klettersteigwand brütete, ist verschwunden. Der von uns Jägern geheim gehaltene, im Klinger Kessel lebende Uhu ist verschwunden. Ebenso sind die etwa drei Auerhuhnpaare weg, die uns durch ihren Anblick viel Freude bereiteten. Und das ganz selten zu beobachtende Haselwild ist nun auch nicht mehr da«.

Manfred Weindl formuliert seine Forderung als Frage: »Wäre es nicht dringend erforderlich, eine bisher völlig unberührte Fläche der Natur wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen?« Schließlich dürfe es nicht sein, dass die Freizeitinteressen der Menschen als wichtiger eingestuft werden als der Erhalt der Bergwelt.

Trotz der heftigen Kritik setzt Vereinschef Stefan Lochner auf Sachlichkeit: »Wir wollen uns nicht mit den Jägern anlegen«. Andererseits weiß Lochner auch, dass die Klettersteigfreunde das Landratsamt an ihrer Seite haben. Denn aufgrund eines naturschutzrechtlichen Gutachtens und eines pflanzenschutzrechtlichen Gutachtens habe es vonseiten der Behörde keinerlei Einschränkungen gegeben. Ulli Kastner