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Klettertour von Ramsau bis Hamburg

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Drei Dresdner ließen sich am 14. September von Heinz Zembsch durch die Watzmann-Ostwand führen. Sie wussten nichts davon, dass es die 400. Begehung des Bischofswieser Bergführers war. Fotos: privat (1) und Anzeiger/Kastner (2)
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Offizielle, Weggefährten und Sponsoren gratulierten Heinz Zembsch bei der Jubiläumsfeier im Gasthof »Hocheck« zur 400. Ostwand-Begehung.
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Ein originelles Geschenk hatte Evi Zembsch ihrem Vater mitgebracht.

Ramsau – »Ostwand-König« ist Heinz Zembsch schon seit 2002, als er seine 300. Begehung der Watzmann-Ostwand realisiert hatte. Auf eine weitere »Beförderung« verzichtete man deshalb zur 400. Durchsteigung der 1 800-Meter-Wand. Deutlich wurde bei der Jubiläumsfeier am Mittwoch im Ramsauer Gasthof »Hocheck« aber, dass die bergsteigerische Leistung des 70-jährigen Bischofswiesers, der die Jubiläumstour am 14. September ganz leise mit drei Sachsen absolviert hatte, von allen anerkannt wird.


Eigentlich hätte die Jubiläumstour mit vielen Weggefährten und anschließender Feier am Dienstag, 17. September, stattfinden sollen. Doch schon in der Woche davor hatte sich abgezeichnet, dass daraus wegen des angekündigten Schlechtwetters nichts werden würde. So ging der Heinz, ohne viel zu erzählen, halt schon drei Tage früher. Nicht einmal seine Dresdner Gäste wussten, dass diese Tour für Heinz Zembsch schon eine besondere war.

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Um 4 Uhr startet das Quartett mit Heinz Zembsch und den drei Dresdnern beim Ostwandlager. »Ich habe mir im Laufe der Jahrzehnte einen gewissen Rhythmus angewöhnt«, sagt Zembsch. So legt man auch an diesem Tag die erste Rast wie üblich im Schuttkar ein. Wasserflaschen auffüllen, eine kleine Stärkung zu sich nehmen, Klettergurt anlegen, ins Seil einbinden, Helm aufziehen – und dann ab in den Fels.

Heinz Zembsch hat einen Kletterer am Seil, die anderen beiden folgen in eigener Seilschaft. »Alles ging reibungslos«, erinnert sich Heinz Zembsch. Trotz des Sprachunterschieds (bayerisch – sächsisch) versteht man sich gut. Zügig erreicht das Quartett den Beginn der Gipfelschlucht, wo traditionsgemäß die zweite Rast eingelegt wird. An der Biwakschachtel dann ein weiterer kurzer Stopp. Wie immer nimmt Heinz Zembsch kurz auf seinem Bankei Platz, das ihm seine Bergführerkollegen zur 250. Ostwand-Durchsteigung geschenkt hatten.

Und dann kommt der letzte steile Aufschwung zum Gipfel, wo auch noch eine der Schlüsselstellen, das »Gipfelwandl«, bewältigt werden muss. Hier soll der Heinz einem Gast bei seiner seilfreien Begehung schon einmal geraten haben: »Heb di guat fest, damit du net obi fallst.« Fallen tut auch diesmal Gott sei Dank keiner, obwohl man ja gesichert gewesen wäre. Und so erreichen alle vier nach etwa acht Stunden Kletterei den Gipfel.

Hier hat der Heinz dann Zeit, um zurückzudenken an das Jahr 1957, als er zu Hause in Regensburg im Alter von 14 Jahren heimlich seinen Rucksack gepackt hatte, um das Ostwand-Projekt in Angriff zu nehmen. Per Anhalter fuhr er zum Königssee, wo er allerdings vergeblich auf den Spezl wartete. Da »organisierte« sich der Heinz ein Ruderboot, mit dem er nach St. Bartholomä fuhr. Im dortigen Ostwandlager traf er zwei erfahrene Ramsauer Bergwachtmänner – Karl Komposch und Robert Rasp –, die ihn am nächsten Tag mit durch die Ostwand nahmen. Als Zembsch später durch die Bundeswehr, die Familiengründung und die Bergschule in Berchtesgaden sesshaft wurde, vertiefte sich die Freundschaft mit dieser Wand immer mehr. Sie begleitete den Bischofswieser durch sein ganzes Leben. Wer heute Watzmann-Ostwand hört, der denkt an Heinz Zembsch. Und wer Heinz Zembsch hört, der denkt an die Ostwand.

720 000 Höhenmeter hat der Heinz in den vergangenen 56 Jahren in der Watzmann-Ostwand zurückgelegt. »Das ist eine Strecke von Ramsau bis fast nach Hamburg«, stellte der Becker Kurt bei der Jubiläumsfeier in der Ramsau fest. Er wusste viele Zembsch-Geschichten aus der Ostwand zu erzählen. Dazu gehörte auch die Story von dem Gast, der immer drei Tage mit zwei Biwaks für eine Ostwanddurchsteigung brauchte. Und er legte Wert auf einen zweiten Bergführer. Die Begründung: »Wenn einer abstürzt, dann habe ich noch einen in Reserve.«

Heinz Zembsch ist Gott sei Dank in der Ostwand nie abgestürzt, wenngleich es zu einigen Unfällen kam. Ihn selbst aber hat es in den letzten Jahren andernorts zweimal erwischt. Einmal zu Hause, als er vom Dach stürzte, und ein andermal bei einem Lawinenabgang im Iran. Nur seiner außerordentlichen Zähigkeit hat es der Bischofswieser zu verdanken, dass dieses Jubiläum heuer noch möglich wurde.

Wie es weitergeht, weiß Heinz Zembsch nicht. Der Bischofswieser ist sich bewusst, dass er die 500 wohl nicht mehr erreichen wird, aber ein paar Begehungen werden schon noch drin sein. Am Mittwoch genoss der Heinz mit seiner Frau Christl und Tochter Evi erst einmal die zahlreichen Huldigungen bei der von den Gemeinden Ramsau und Schönau am Königssee sowie der Berchtesgadener Land Tourismusgesellschaft (BGLT) ausgerichteten Feier. Geschenke und Gratulationen gab es von Fritz Rasp (Touristinfo Ramsau), Hubert Nagl (Bergführerverein), 2. Bürgermeister Sepp Maltan (Ramsau), 2. Bürgermeister Manfred Vonderthann (Schönau am Königssee), Stephan Köhl (BGLT), Michael Grießer (Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee), Beppo Maltan (DAV Berchtesgaden), Ludwig Schauer (Enzianbrennerei Graßl), Uli Stöckl (Bergführer und Weggefährte) und Rudi Fendt (Bergwacht Ramsau). Letzterer hatte volles Verständnis dafür, dass der Heinz 400-mal durch die Ostwand geklettert ist. Doch der Bergwachtchef ergänzte: »Du bist aber schön blöd, dass du auch 400-mal abgestiegen bist.« Wenigstens hat der Heinz sein Bergradl, mit dem er dann ganz gemütlich das Wimbachgries hinausrollt. Ulli Kastner