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Klinken putzen für den Neubau

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In der Einsatzzentrale der Bergwacht an der Vorderbrandstraße werden Einsatzszenarien geübt. Nebenan soll nun auch der Neubau entstehen. Foto: Pfeiffer

Berchtesgaden – Die Bergwacht Berchtesgaden platzt aus allen Nähten. Um alle Einsatzfahrzeuge künftig an der Vorderbrandstraße unterzubringen, sollen vier neue Garagen gebaut werden. Eine Crowdfunding-Kampagne, bei der Interessenten spenden können, soll Teile des benötigten Geldes einbringen. Den Werbeclip dazu dreht das Filmteam der ZDF-Erfolgsserie »Lena Lorenz«: und zwar kostenlos.


Die Bergwacht Berchtesgaden genießt einen guten Ruf, wie man an den knapp 8 000 Fans auf Facebook sehen kann. Dort werden Bilder von Einsätzen gepostet, eindrucksvolle Landschaften und kleinere Clips. Hunderte Menschen klicken bei den Beiträgen auf »Gefällt mir«. Was nicht jeder weiß: Die Anforderung an die Bergwachteinsatzkräfte, die ihrer Arbeit im Ehrenamt nachgehen, steigt von Jahr zu Jahr.

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In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Einsatzzahlen verdoppelt, auf knapp 300 Einsätze pro Jahr, wie Bereitschaftsleiter Thomas Stöger sagt. Vor allem im Sommer sei es extrem. So verbuchten die Bergwacht-Leute in zwei aufeinanderfolgenden Sommermonaten 104 Einsätze. Bis zu vier am Tag, teils parallel. »Das geht an die Substanz«, sagt Stöger.

»Vollkasko-Mentalität« bei Berggehern

Erschöpfungszustände? Gehörten auch dazu. Das Verhalten der Berggeher und Wanderer habe sich gewandelt. »Heute wird schneller mal die Nummer der Bergwacht gewählt.« Vollkasko-Mentalität nennt das Stöger. Weil mittlerweile jeder ein Smartphone hat, kann schnell die Bergwacht-Nummer eingetippt werden. »Wir kommen dann sowieso«, sagt Stöger. Wenngleich nicht alle Einsätze Hilfe erforderten.

So war es ein junger Mann, der sich mit zwei Frauen ein schönes Wochenende am Funtensee machen wollte, aber den Eltern nicht Bescheid gab. Letztlich war es die Bergwacht, die nach dem Trio suchte. Natürlich begegnet Thomas Stöger derartigen Episoden mit einem Lächeln. Verzichten könnte er aber trotzdem drauf, denn die Einsätze, bei denen es um Leben und Tod geht, sind sowieso zahlreich genug. Zudem begeben sich immer mehr Berggeher in Gefahr – »die Leute werden immer risikobereiter«, sagt der Bereitschaftsleiter der Bergwacht Berchtesgaden. Zwar seien die meisten »gut ausgerüstet, aber damit umgehen können nur die wenigsten«. Die Situationen, in denen sie dann keinen Ausweg mehr sehen, wurden in den letzten Jahrzehnten deutlich mehr.

Neubau unumgänglich

Neben den vielen Bergwacht-Einsatzkräften ist es ein großes Spektrum an Einsatzfahrzeugen, das zu den Hilfsmitteln dazugehört. Darunter finden sich neben gewöhnlichen Fahrzeugen auch Quads, Anhänger und Ski-Doos, spezielle Schneemobile, die allesamt aus Steuermitteln finanziert werden. Allerdings muss die Bergwacht für die Unterbringung selbst sorgen. »Manche Geräte haben wir deshalb privat in Schuppen untergebracht, weil bei uns kein Platz mehr ist.«

Heillos sei der Zustand. Demnach habe man sich dazu entschieden, an die Bergwacht-Einsatzzentrale an der Vorderbrandstraße anzubauen. 250 000 Euro soll das Gebäude kosten. Aber ohne Moos nix los. »Wir müssen also Klinken putzen«, sagt Thomas Stöger und freut sich darüber, dass die Talkessel-Gemeinden großzügig sind und zumindest angedacht haben, einen fünfstelligen Betrag zu stiften. Im Hauptausschuss von Berchtesgaden gab es nun grünes Licht dafür. Jetzt müssen noch die Gemeinderäte »ja« sagen. Auch die Berchtesgadener Landesstiftung scheint sich mit 50 000 Euro beteiligen zu wollen. Aber auch hier fehlt noch die abschließende Zusage. Zudem kommen weitere Spenden, die Bergwacht wird 60 000 Euro selbst tragen müssen. In der Einsatzzentrale der Bergwacht an der Vorderbrandstraße werden Einsatzszenarien geübt. Nebenan soll nun auch der Neubau entstehen. Vom Markt Berchtesgaden gibt es ein Grundstück, das künftig als Parkplatz genutzt werden darf. Ohne das Wohlwollen anderer hätte man keine Chance, sagt Thomas Stöger, der um die Notwendigkeit des Garagenanbaus Bescheid weiß. Zumal die Einsatzzahlen kaum zurückgehen dürften. »Das Berggehen wird immer beliebter.«

Neben dem »Klinken-Putzen« will die Bergwacht Berchtesgaden nun auch ins Crowdfunding einsteigen. Crowdfunding-Projekte werden meist über das Internet organisiert. Oftmals gibt es eine im Vorfeld definierte Mindestsumme, die in einem festlegten Zeitraum erreicht werden muss. Bei der Bergwacht Berchtesgaden sind es drei Monate, in dieser Zeit möchte man mindestens 20 000 Euro sammeln. Wird das Ziel erreicht, erwartet die Bergwacht ein zusätzlicher Bonus des Crowdfunding-Anbieters, in diesem Fall eine Stiftung. »Wir haben vor Kurzem mit dem Drehteam von Lena Lorenz zusammengearbeitet«, so Thomas Stöger. »Lena Lorenz« ist eine ZDF-Serie, die im Berchtesgadener Land gedreht wird und Millionenquoten verbucht.

Weil der Dreh damals so gut lief, wollte das Team der Bergwacht entgegenkommen und hat sich nun bereit erklärt, einen professionellen Clip zu drehen, der vor allem auf sozialen Netzwerken die Werbetrommel für das Spendenprojekt rühren soll. Ein ganzes Wochenende sei eingeplant, das Projekt abzudrehen. »Wir werden wahrscheinlich rund um den Jenner und den Schneibstein unterwegs sein«, verrät Thomas Stöger. Kilian Pfeiffer