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Königssee-Echo bleibt einen Tag Stumm

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Während die Elektroboote am Königssee gestern nicht ausliefen, folgten die Schifffahrts-Beschäftigten einem Aufruf von ver.di zum Warnstreik. Heute kommt es zur zweiten Verhandlungsrunde. (Fotos: Wechslinger)

Schönau am Königssee – Fast alle Bediensteten der Bayerischen Seenschifffahrt vom Königssee beteiligten sich gestern an einem Warnstreik von ver.di. Der hatte zur Folge, dass kein Schiff der Königssee-Flotte ausgelaufen ist. Die Schifffahrt hatte den ruhenden Bootsverkehr zwar über die Medien publik gemacht, gleichwohl konnten nicht alle Touristen, die nach St. Bartholomä oder Salet wollten, erreicht werden. Die streikenden Schifffahrtsbediensteten trafen sich um 10 Uhr im Streiklokal »Alter Bahnhof«.


Ver.di hatte die Beschäftigten der Seenschifffahrt-GmbH zu dem Warnstreik aufgerufen. Zugleich forderte die Gewerkschaft jene Mitarbeiter der Seenschifffahrt zu einem Solidaritätsstreik auf, die direkt beim Freistaat angestellt sind. Ursprünglich waren einmal alle Arbeitnehmer der Seenschifffahrt in Bayern unter dem Dach der staatlichen Schlösser- und Seenverwaltung. Doch 1997 übernahm die vom Finanzministerium neu gegründete GmbH die meisten Beschäftigten. Seitdem werden diese laut ver.di unter dem Tarif des öffentlichen Dienstes bezahlt. Der gilt nur noch für die »Altbeschäftigten« der staatlichen Schlösser- und Seenverwaltung. »Das muss ein Ende haben«, forderte der stellvertretende Landesbezirksleiter der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Norbert Flach, im »Alten Bahnhof«. Um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, trillerten die Schifffahrtmitarbeiter lautstark mit den ausgegebenen Pfeifen. Lach führte die Belegschaft schließlich vom Streiklokal zur Seelände, wo eine Kundgebung stattfand.

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»Gerechten Lohn für gleiche Arbeit«, forderte ver.di am Königssee-Ufer, während auf dem See dahinter seltene Ruhe herrschte. Flach bedauerte, dass es in fünf Verhandlungsrunden nicht zu einer Einigung gekommen sei und rechtfertigte damit den Warnstreik, der eine Botschaft in Richtung Finanzministerium sein sollte. »Wenn wir am Dienstagabend nicht zu einer Einigung bei den Löhnen kommen, dann sehen wir uns bald wieder bei einem Streik am Königssee«, betonte der stellvertretende Landesbezirksleiter von ver.di.

Flach prangerte an, dass die Löhne bei der Schifffahrt teilweise nach Gutdünken verteilt würden. »Sie haben diesem unsozialen Betriebsvorgang widersprochen und sich damit ihre Rechte aus dem Tarifvertrag gesichert«, richtete sich Flach an die Streikenden. Seit 1997 erfolge jede Einstellung »nach Gutsherrenart« ohne Tarifbindung. »Das geht so nicht«, befand Flach. Dies betreffe auch die Arbeitszeit, Sonn- und Feiertagdienste, die Urlaubsregelung und die Altersversorgung. Dieses Geschäftsmodell habe nichts mit christlich sozialer Politik zu schaffen, befand der ver.di-Vertreter.

Dass der Betriebsleiter am Starnberger See noch schnell am Samstag alle »ver.dianer« aus der Schicht herausgenommen und durch nicht organisierte Kräfte besetzt habe, falle laut Flach unter die Rubrik »Dirty Tricks«. »Wenn die eine Verschärfung des Arbeitskampfes haben wollen, dann bekommen sie ihn«, versprach Norbert Flach.

Von knapp 2 000 Euro Bruttolohn könne man keine Familie ernähren, erklärte Markus Lenz, der von der Gewerkschaft als Verhandlungsführer eingesetzt worden war. Gegenüber einem staatlichen Mitarbeiter fehlten den »normalen« Bediensteten mehrere Tausend Euro pro Jahr. Das Verhältnis von staatlichen zu GmbH-Mitarbeitern der Schifffahrt liegt bei etwa 50:50. Die betroffenen Mitarbeiter fordern »gleiches Geld für die gleiche Arbeit«. Keiner habe eine feste Arbeitszeit, sprach Bootsführer Stefan Gutzeit ein weiteres Manko an. Trotz der Missstände in puncto Arbeitszeit müsse man sich von Seiten des Arbeitgebers den Vorwurf gefallen lassen, unflexibel zu sein.

Mit gemischten Gefühlen beurteilte auch der zweite Bürgermeister der Gemeinde Schönau am Königssee, Richard Lenz, die Streiksituation: »Ich verstehe zwar die Streikenden. Gleichwohl können dies unsere Gäste natürlich nicht nachvollziehen, die einmal in ihrem Leben über den Königssee fahren möchten«. Nun fürchtet der Bürgermeister-Stellvertreter einen »Supergau«, sollte es zu keiner Einigung im Arbeitskampf kommen und der Streik ausgeweitet werden.

Am heutigen Dienstag fahren die Boote erst einmal wieder. Denn traditionell ruft ver.di an Verhandlungstagen nicht zum Streik auf. Wie es am Königssee weitergeht, hängt vom Ergebnis ab. Am Freitag war man laut Michael Grießer, Geschäftsführer der Bayerischen Seenschifffahrt GmbH, noch zu keinem Ergebnis gekommen.

Teilweise waren die Gäste über Hunderte von Kilometern angereist, um über den Königssee zu fahren. Viele waren sehr enttäuscht über die Streiksituation. Eine ältere Dame aus England weinte bitterlich, weil sie nicht nach St. Bartholomä konnte.

»Große Probleme hat es am Königssee wegen des Streiks aber bislang nicht gegeben«, sagte Michael Grießer gestern Vormittag auf Anfrage des »Berchtesgadener Anzeigers«. Weil der Streik von den Medien groß angekündigt worden sei, seien viele Touristen erst gar nicht angereist. Derzeit fahren täglich bis zu 5  000 Touristen über den See. Die finanziellen Einbußen für die Seenschifffahrt können somit schnell sechsstellige Summen erreichen. Christian Wechslinger