weather-image
13°

Kopfüber im Wasserlauf

4.7
4.7
Bildtext einblenden
Retter in Not: Nachbar Stefan Donath hat den spektakulären Unfall über die Vibration des Geländers »gespürt« und war Ersthelfer. Foto: BRK BGL

Ramsau – Der Bretterzaun vibrierte: »Ein Erdbeben«, dachte Stefan Donath, der gerade dabei war, seine verdreckten Bergschuhe abzuklopfen. Das Auto, das durch das Geländer des Schwarzecker Wegs gekracht war, stand senkrecht im Bachbett. Stefan Donath musste also handeln.


Kurz nach 16 Uhr war es, als Stefan Donath, der von Geburt an gehörlos ist, nach Hause kam. Er arbeitet beim Nationalpark Berchtesgaden, ist dort unter anderem für die Auswertung der Klimastationen zuständig. Auch an diesem Tag war er in der Natur unterwegs. Seine Bergschuhe waren dreckig. Abklopfen wollte er diese am Bretterzaun, der mit dem Bachgeländer verbunden ist, das wiederum parallel zum Schwarzecker Weg verläuft.

Anzeige

Als der Pkw über den Weg bretterte, durch das Geländer krachte, sich in der Luft drehte und im Bachbett landete, konnte Stefan Donath den Lärm zwar nicht hören. Aber dank der Vibrationen des Bretterzauns fühlen. In einem Sekundenbruchteil.

Ein Erdbeben?

»Zuerst dachte ich, dass es sich um ein Erdbeben handelt«, schreibt Donath auf Nachfrage des »Berchtesgadener Anzeigers« in einer E-Mail. »Dann schaute ich rauf und sah, dass das Auto im Bach steckte.« Zunächst nahm er an, er träume, schnell zeigte sich aber, dass hier wirklich ein Auto spektakulär verunfallt war. »Sofort habe ich meine Bergschuhe losgelassen und bin rauf gerannt.«

Eine ältere Frau stand unweit des Unfallortes. Sie hatte den Crash verfolgt, sah, wie das Auto durch die Luft katapultiert wurde. »Wie versteinert stand die Frau da«, erinnert sich Donath. Dann erblickte er selbst das Fahrzeug: »Mein erster Gedanke war, dass der Fahrer das wohl nicht überlebt hat.«

Eine andere Frau, die an den Unfallort kam, informierte die Rettungsleitstelle. Stefan Donath war mittlerweile in das Bachbett gestiegen, öffnete die Beifahrertür, wegen des ausgelösten Airbags staubte es stark. Donath sah, dass der Fahrer, ein älterer Mann, ansprechbar war und gekrümmt auf dem Lenkrad saß. Der Mann war während des Unfalls nicht angeschnallt gewesen. Vorsichtig befreite Donath den Mann aus der misslichen Lage und hievte ihn auf die geöffnete Fahrertür, da das Auto noch immer »kopfüber« im Bachbett stand.

Die Frau, die die Rettungsleitstelle informiert hatte, hatte in der Zwischenzeit zwei Decken gebracht. Eine Jacke diente als Unterlage an der Bachuferböschung. Der Verletzte, dessen Unterschenkel gebrochen war und der zudem einige Platzwunden und einen riesigen Bluterguss im Gesicht hatte, hatte starke Schmerzen. Stefan Donath versuchte, sich mit dem 84-Jährigen zu unterhalten. »Dann habe ich ihn vorsichtig auf die Decken gelegt.« Mittlerweile war noch ein Gemeindemitarbeiter vorbeigekommen, der tatkräftig mithalf. Die Notärzte trafen kurze Zeit drauf per Hubschrauber ein, um den Mann für den Transport in die Kreisklinik nach Bad Reichenhall vorzubereiten.

Anderen zu helfen ist für Stefan Donath spätestens nach seinem schweren Arbeitsunfall, bei dem er selbst auf Hilfe angewiesen war, eine Selbstverständlichkeit. Zumal er beim Nationalpark alle zwei Jahre eine Auffrischung in Sachen »Erste Hilfe« bekommt. »Das ist wertvoll, um im Ernstfall die Ruhe zu bewahren«, sagt er. So schnell vergessen wird er die Unfallepisode wohl nicht. Den verletzten Autofahrer hat Donath bereits in der Kreisklinik Bad Reichenhall auf der Intensivstation besucht. »Er hat mich sofort erkannt.« Ihm gehe es schon besser. Warum er allerdings von der Straße abgekommen war, daran könne er sich nicht mehr erinnern. Kilian Pfeiffer