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»Kräftezehrender Rhythmus, 14 Tage am Stück«

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Luxus-Jachten, Offshore-Windparks: Stefan Geiger arbeitet die meiste Zeit irgendwo abseits der Küste. (Fotos: privat)
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Riesige Windräder und mittendrin: der Arbeitsplatz von Stefan Geiger.

Berchtesgaden – Nach der Schließung des Hotels »Geiger« 1998 hat der ehemalige Hoteldirektor Stefan Geiger erst einmal umgeschult. Heute wohnt er in der Nähe von Kiel und arbeitet im Bereich der Kälte- und Kühltechnik auf Jachten und Offshore-Windparks weit draußen am Meer. Ein Gespräch.


Seit zehn Jahren bauen Sie Kälte- und Klimalüftungsanlagen für verschiedene Bereiche.

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Stefan Geiger: Als das Hotel Geiger 1997 unter der von meinem Vater übernommenen Schuldenlast zusammenbrach, habe ich zunächst versucht, anderweitig als Hoteldirektor tätig zu werden. Ich habe das Trauma des Verlusts nicht überwinden können und mich 2001, im Alter von 39 Jahren und nach 20 Jahren Berufserfahrung im Hotelfach, dazu entschlossen, noch mal ganz von vorne anzufangen. Ich habe bei einer kleinen Kältefirma in Schwangau eine Lehre zum Kälteanlagenbauer gemacht und bin mit 40 wieder in der Berufsschule gesessen.

Sie haben also noch einmal die Schulbank drücken müssen.

Geiger: Ich habe die Kältetechnik von der Pike auf gelernt. Und das in allen Bereichen. Von der Theken- und Schankanlagenkühlung, über Kälteverbundanlagen für große Hotels und Gastronomiebetriebe bis hin zu komplexen Spezialkühlungen und großen Klima-Lüftungsanlagen für große Industrieanlagen. Mit der Gründung unserer eigenen Firma »Nordic Kältetechnik« hier in Mönkeberg bei Kiel hat sich ein ganz neuer Bereich der Kältetechnik für mich aufgetan – Schiffe und Offshore-Plattformen. Dort plane, baue und repariere ich Proviantkühlanlagen auf Containerschiffen, Luxus-Jachten und Umspannplattformen von Windparks. Mittlerweile aber mehr als Koordinator beziehungsweise Projektleiter, als selbst noch zu löten und zu bauen.

Über mehrere Monate haben Sie einen Offshore-Windpark betreut und auf einer Umspannplattform 23 Kilometer draußen auf dem Meer gearbeitet. Wie läuft ein Tag dort draußen ab?

Geiger: Der typische Tag eines Offshore-Koordinators beginnt um 5 Uhr mit Aufstehen und Frühstücken. Ab 6 Uhr ist man im Büro, um den Wetter- und Wellenbericht zu studieren und die Tagespläne zusammenzustellen, um das sogenannte Toolbox-Meeting vorzubereiten. Eine Arbeitsbesprechung, an der alle Teammitglieder verpflichtet sind teilzunehmen. Dort spreche ich Tagesabläufe und Tagesaufgaben an. Weise auf besondere Gefahren im Tagesverlauf hin oder verteile Sonderaufgaben. Anschließend geht es mit der Tagescrew zum Crew Transport Vessel (CTV). CTVs sind 25 bis 30 Knoten schnelle Katamaran-Motorboote, mit denen die Teams zu ihren Tagesbaustellen an den Windmühlen und der Umspannplattform gebracht werden.

Das Unterfangen ist also gefährlich.

Geiger: Die Dünung und die Wellenhöhe spielen hier eine entscheidende Rolle. Die CTVs drücken sich mit ihren starken Motoren und ihren dicken Bugwülsten aus Gummi an die dicken Anlegeleitern der Mühlen und der Plattformen, damit die Arbeiter vom Schiff auf die Leiter übersteigen und zu ihrer Arbeitsstelle hochklettern können. Bis zu einer Wellenhöhe von 1,5 Metern ist das gerade noch durchführbar. Das Boot tanzt an der Leiter zwar oft mehrere Meter auf und ab, aber der Gummiwulst hält sich immer wieder für ein paar Sekunden stabil auf einer Höhe, sodass man beherzt, aber gefahrlos, übersteigen kann. Wird diese Bewegung des Schiffsbugs aber zu groß, bricht der Kapitän das Übersteigen ab und der Arbeitstag ist gelaufen. Im Normalfall steigen alle über, klettern hoch bis zum untersten Deck – dem Kabeldeck. Dort wird die Vollzähligkeit geprüft und der Arbeitstag kann beginnen.

Welche Aufgaben warten dort?

Geiger: Die Plattform steht ruhig und stabil, sodass man selbst bei rauem Wetter in und an der Plattform sicher arbeiten kann. Meine Aufgabe als Koordinator ist es, alle Arbeiten zu koordinieren und zu überwachen. Das bedeutet also, für viele unterschiedliche Firmen und deren Mitarbeiter die An- und Abreise zum Hotelschiff, oder wie im letzten Fall nach Helgoland, per Fähre, Hubschrauber oder Flugzeug zu organisieren. Unterkünfte und Verpflegung besorgen und die Belegung planen. Die Logistik für das Material planen und die Qualität des angelieferten Materials überprüfen sowie die Arbeiten auf der Plattform kontrollieren und dabei den Kontakt zum Kunden zu halten. Das ist ein recht umfangreicher Job, oft auch mehrsprachig, da die Firmen und ihre Mitarbeiter aus Deutschland, Holland, Dänemark, England, Frankreich, Norwegen und anderen europäischen Ländern kommen. Gegen 17.30 Uhr rückt das Arbeitsende auf der Plattform näher. Alles, was nicht mehr benötigt wird, muss verpackt und mit dem Offshore-Kran auf das CTV verladen werden. Alle Teammitglieder steigen über auf das CTV und es geht zurück. Wenn man dann so gegen 18 Uhr wieder im Hafen ist und alle in ihre Quartiere verschwinden, sitzt der Koordinator noch bis 21 Uhr im Büro, um Listen und Tagesprotokolle zu erstellen und den nächsten Tag vorzubereiten.

Das heißt, ein Arbeitstag draußen auf dem Meer kann lang sein.

Geiger: Offshore-Arbeitstage haben schon geregelt mindestens zwölf Stunden. Der des Koordinators 14 bis 15 Stunden. Und es gibt weder einen freien Tag noch Feiertage – es wird durchgearbeitet. Nach deutschem Arbeitsrecht, für einen Angestellten, hat ein Arbeitstag Offshore zwölf Stunden pro Tag, 14 Tage am Stück. Dann müssen 14 Tage Onshore-Pause gemacht werden, bevor man wieder rausfährt. Ein kräftezehrender Rhythmus mit kräftezehrenden Arbeitstagen.

Wo schläft man, wenn man weit draußen auf dem Meer ist?

Geiger: In der Regel sind die Offshore-Parks so weit draußen im Meer, dass sich ein tägliches Hin und Her nicht lohnen würde. An- und Abfahrt wären so lange, dass für das eigentliche Arbeiten kaum noch Zeit bliebe. Also gibt es Hotelschiffe, die in der Nähe der Parks vor Anker gehen. Dort wird gelebt, geschlafen, gegessen. Allerdings nur für seefeste Arbeiter geeignet. Oftmals, gerade zu Beginn, befindet man sich auf einem Errichterschiff. Das sind zumeist Hebeschiffe – Spezialschiffe mit der Form eines Schuhkartons, aus dem vier riesenhafte Säulen 70 Meter hoch in den Himmel ragen. Im Baufeld an der Errichtungsstelle angekommen, hebt sich das Schiff an seinen Säulen selbst 25 bis 35 Meter hoch aus dem Wasser und schafft mit einer oder zwei Brücken eine feste Verbindung zur Plattform. Dann wird auf diesem Schiff geschlafen, gegessen und gearbeitet.

Sie arbeiten auch auf Fähren und Jachten.

Geiger: Bei den Fähren und Jachten geht es für mich immer um die Proviantkühlanlagen. Vor einiger Zeit habe ich auf Antigua die HVAC, eine Motorjacht, überprüft und wieder zum Laufen gebracht. In Rendsburg habe ich die Proviantkühlanlage einer weiteren Jacht, der MY Ronin, erneuert und dann in Florida in Betrieb genommen. Auf der RIO Eider, einem Containerschiff, bin ich mal von Bremerhaven nach Rotterdam mitgefahren und habe unterwegs die Kompressoren der Proviantkühlung repariert. Zurzeit arbeite ich auf der MY Flying Fish, an der HVAC und auf der MY TV an den verschiedenen Kühltheken auf dem Sonnendeck. Und auf der Aida Luna war ich beim Umbau einer Bar an der Lüftung beteiligt. Das sind nur ein paar Beispiele.

Ihr nächstes Projekt ist eine Wohnplattform, die 70 Kilometer weit draußen auf dem Meer errichtet werden soll. Was kann man sich darunter vorstellen?

Geiger: Der Windenergiepark »Dan Tysk« steht 70 Kilometer nordwestlich vor Sylt in der Nordsee. Sein Versorgungshafen Espjerg in Dänemark ist sogar 90 Kilometer entfernt. Also wird am Rande des Windparks eine Wohnplattform errichtet, auf der bis zu 150 Männer und Frauen als Besatzung leben können, um von dieser Plattform aus jeden Tag in den Park zu fahren, um die Windmühlen und die Umspannplattform zu betreuen, zu warten und gegebenenfalls zu reparieren. Für diese Wohnplattform habe ich die Proviantkühlung geplant, baue demnächst die Kühlung ein und nehme sie Ende des Jahres dann auf der Nordsee in Betrieb.

Früher waren Sie Hotelchef in Bischofswiesen, jetzt arbeiten Sie in einer völlig anderen Branche. Gibt es Überschneidungen in den Aufgabenbereichen?

Geiger: Als Hoteldirektor hatte ich Teams in verschiedenen Bereichen zu koordinieren, deren Zusammenspiel für einen reibungslosen Ablauf des Gesamtbetriebes unerlässlich ist. Und in einem Familienbetrieb, wie es das Hotel »Geiger« war, haben die Arbeitstage des Hoteliers ebenso 13 bis 14 Stunden pro Tag. Im Hotel musste ich auch in der Lage sein, mehrere Sprachen zu sprechen. Durch meine Kälteanlagenbauerausbildung kamen dann weitere Kompetenzen im Metall- und Anlagenbau und der Elektrik dazu. Alles Dinge, die ich als Koordinator jeden Tag anwenden muss: also die perfekte Kombination meiner bisherigen Berufserfahrungen. Kilian Pfeiffer