weather-image
15°

Kühe mit Hörnern: ein »Auslaufmodell«?

3.3
3.3
Bildtext einblenden
Wie aus dem Werbeprospekt: Eine Pinzgauer Kuh auf der Bindalm – mit Hörnern. Foto: Anzeiger/Stanggassinger

Berchtesgadener Land – So vertraut ihr Anblick auch ist: Kühe mit Hörnern gibt es immer seltener. Vor allem damit sich die Tiere in den Ställen nicht gegenseitig verletzen, müssen die Hörner ab. Doch kritische Stimmen häufen sich, von Verstümmelung ist die Rede – und auch davon, dass die Milch von Kühen mit Hörnern besser schmeckt. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat nachgefragt, was dran ist an den Vorwürfen.


Es gibt keine Statistik, die ausweist, wie viele Rinder heutzutage noch »behornt« sind, doch Schätzungen gehen davon aus, dass es keine zehn Prozent mehr sind. In Berggebieten mit traditionell kleineren Betrieben mögen es ein wenig mehr sein, dennoch ist auch hier die Tendenz unverkennbar.

Anzeige

Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger hadert nicht mit der Entwicklung, seine Meinung ist dennoch eindeutig: »Für mich schaut es einfach schöner aus, wenn eine Kuh Hörner hat«, sagt er. Zwölf Kühe und etwa doppelt so viel Jungvieh hat der Landwirt aus Bischofswiesen im Stall stehen – und alle haben Hörner. Allerdings sind seine Tiere auch angebunden und die Gefahr, dass sie sich untereinander verletzen, ist dadurch kaum gegeben.

Schwere Verletzungen am Euter oder am Bauch

»In Laufställen, in denen sich die Tiere frei bewegen, sind Hörndl tatsächlich nicht praktisch«, erklärt Stanggassinger und ergänzt: »Es sind einfach immer mal wieder aggressive Tiere dabei.« Johann Krautenbacher von der Privatkäserei Bergader in Waging weiß, wovon der Bezirksalmbauer spricht. Er hat schon mehrfach schwer verletzte Tiere zu Gesicht bekommen – und erläutert ein mögliches »Verletzungsszenario«: »Wenn eine Kuh in einer Liegebox liegt, dann kommt es immer wieder vor, dass ein ranghöheres Tier ihr von hinten mit den Hörnern unters Euter fährt, um so den Platz für sich zu beanspruchen.« Die Folgen: schwere Verletzungen am Euter beziehungsweise am Bauch.

Doch es geht nicht nur darum, die Rinder voreinander zu schützen, sondern natürlich auch um die Sicherheit der Landwirte. »Ich habe selber Bauern kennengelernt, die ein Auge verloren haben«, sagt Krautenbacher. Dahinter müsse nicht einmal eine Tierattacke stecken, oft handle es sich schlichtweg um einen Unfall. »Die Landwirte halten sich einfach oft im Kopfbereich der Tiere auf.«

Für ihn ist in Laufställen eine Enthornung der Rinder darum alternativlos. »Bei der heute üblichen Haltung ist das viel ungefährlicher.« Krautenbacher hat sich intensiv mit dem Thema Enthornung beschäftigt, er gehört einem vom bayerischen Landwirtschaftsministerium initiierten Runden Tisch für artgerechte Tierhaltung an; in der Arbeitsgruppe Rinder ist er einer von zwei Molkerei-Vertretern. Die Enthornung stuft die Arbeitsgruppe als legitim ein.

Den Vorwurf der Verstümmelung will der Experte nach einer intensiven Beschäftigung mit der Thematik nicht gelten lassen. Das Tiergesetz schreibe strenge Regeln für die Enthornung vor. Dabei würden nicht etwa, wie der Begriff vermuten lässt, die Hörner entfernt. Vielmehr sei es so, dass in den ersten sechs Wochen nach der Geburt die Hornanlagen der Kälber verödet werden – also bereits bevor das Horn zu wachsen beginnt. »Unsere Arbeitsgruppe empfiehlt den Landwirten, die Kälber bei der Verödung mit Medikamenten in eine Art Dämmerschlaf zu versetzen und ihnen danach Schmerzmittel zu verabreichen.«

Stefan Neiber vom Landratsamt Berchtesgadener Land bestätigt, dass die heimischen Landwirte das Enthornen fachgerecht ausführen. »Unser Veterinäramt hatte diesbezüglich seit Jahren nichts mehr zu beanstanden.« Dennoch sei zu beobachten, dass seit Jahren die Zucht von Rindern, die hornlos auf die Welt kommen, vorangetrieben werde. »Solche Rassen gibt es schon seit 200 Jahren, etwa Angus-Rinder«, weiß auch Krautenbacher von der Privatkäserei Bergader.

Was die Qualität der Milch betrifft, bezweifelt Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger, dass dabei die Hörner eine Rolle spielen. »Entscheidend ist doch, was die Kuh frisst«, sagt er. Das sieht Johann Krautenbacher genauso. »Für unsere Molkerei ist das überhaupt kein Thema.« Er kenne zwar die Argumentation, dass das Horn als Sinnesorgan zu betrachten sei, und die Aussagen, dass in der Milch von Kühen mit Hörnern eine feinere Kristallbildung nachzuweisen sei, halte aber letztlich nichts davon.

Demeter-Kühe tragen stolz ihre Hörner

Das Thema Enthornung beschäftigt auch die Milchwerke Berchtesgadener Land in Piding. Die Molkerei hat aktuell die Informationsbroschüre »Stressfrei die Hornanlage veröden« des Tiergesundheitsdiensts Bayern an ihre Lieferanten verteilen lassen. In einer Pressemitteilung weist das Unternehmen darauf hin, dass die Kühe ihrer rund 100 Demeter-Bauern »stolz ihre Hörner tragen«. Demeter, der älteste anerkannt ökologische Anbauverband in Deutschland, verbietet eine Enthornung, da das Horn als wesensgemäß fürs Rind gilt.

Dies habe allerdings zur Folge, dass viele Landwirte ihre Tiere im Anbindestall in Kombination mit Weide halten. Demeter-Landwirte, die sich für den Bau eines Laufstalls entscheiden würden, müssten diesen deutlich größer dimensionieren, damit die Tiere eine bessere Chance bekommen, ranghöheren Tieren ausweichen zu können. »Das bedeutet aber auch, dass die Kosten pro Stallplatz deutlich ansteigen und oftmals unwirtschaftlich werden«, heißt es in der Mitteilung. Und weiter: »Das ist sicher eine der wichtigsten Faktoren, warum die Zahl der Demeter-Bauern in unserem Milcheinzugsgebiet seit Jahren stagniert.« Sandra Schwaiger