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»Kurgäste können das Rechtsfahren nicht«

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Bevor Christoph Renoth ins Fahrschulauto steigt, überlegt er genau, wann er welche Straßen besser meidet. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Auf Berchtesgadens Straßen ist im Sommer ganz schon was los. Das weiß auch Christoph Renoth, der seine Fahrschule direkt am Bahnhof hat, aus erster Hand.


Im Interview spricht der Fahrlehrer über Straßen, die er meidet, die Fahrweise der Kurgäste und weshalb er im August gar nicht erst ins Fahrschulauto steigt.

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Was ist die größte Herausforderung für einen Fahrlehrer in Berchtesgaden?

Christoph Renoth: Ich glaube, es ist eigentlich völlig unerheblich, ob du in Berchtesgaden Fahrlehrer bist oder woanders. Eine Herausforderung ist immer, dass du es jede Stunde mit neuen Leuten zu tun hast. Du musst dich immer auf jemand Neuen einstellen und versuchen, demjenigen innerhalb kürzester Zeit das Autofahren beizubringen. Und dann ist da natürlich der Verkehr. Aber man weiß ja, wo es staut, und dann versucht man möglichst zu vermeiden, zu der Zeit da zu fahren.

Kann man das vermeiden, wenn man die Fahrschule direkt am Bahnhof hat?

Renoth: Ja. Ich bin relativ flexibel mit den Wechselplätzen. Aber wenn man hier wegfahren muss, ist das ja eigentlich kein Problem, weil man ja schon am Bahnhof ist. Das Problem ist meistens, zum Bahnhof herzukommen.

Was sagen Sie generell zu der Verkehrssituation im Talkessel?

Renoth: Im Juli und August ist es eine Katastrophe. Ansonsten ist es bei uns eigentlich relativ easy zu fahren. Im Juli und August ist eben der Schwerpunkt der Bahnhof, von allen Seiten. Viele schimpfen über den Kreisverkehr. Aber wenn wir den nicht hätten, würde es noch wilder ausschauen.

Gibt es Strecken, die Sie im Sommer eher meiden?

Renoth: Wenn schlechtes Wetter ist, darf man vormittags von der Ramsau nicht zum Bahnhof fahren. Grundsätzlich fährt man im Juli und August von 16.30 bis 18.30 Uhr nicht zum Bahnhof. Ansonsten ist es grundsätzlich in Ordnung. Natürlich fährt auch keiner bei schönem Wetter zur Wimbachbrücke oder bei schlechtem Wetter zur Watzmann Therme und zum Salzbergwerk. Das sind die Hotspots.

Wie planen Sie als Fahrlehrer Ihre Stunden und besonders Autobahnfahrten, um nicht dauernd im Stau zu stehen? Da müssen Sie ja auch alle Baustellen im Kopf haben.

Renoth: Grundsätzlich kann man im Sommer am Samstag nicht auf die Autobahn fahren. Heuer war es eine brutale Katastrophe. Da war ja nach Anger auch noch gesperrt. In der Früh geht es, aber wenn es 9 oder 10 Uhr am Vormittag wird, kann man es vergessen. Ich mache das jetzt seit 22 Jahren. Bisher ist es mir erst einmal passiert – das war letztes Jahr – dass ich komplett gestanden bin. Damals gab es einen Unfall, da hat man keine Vorwarnung. Da war ich mit einer Schülerin unterwegs und wir mussten in der Schule anrufen, dass wir etwas später kommen.

Was machen Sie, wenn Sie mit den Fahrschülern im Stau oder Stop-and-go-Verkehr stehen?

Renoth: Stop-and-go ist ja gar nicht so schlecht, da kommt man noch ein bisschen zum Fahren. Wenn man komplett im Stau steht – mein Gott, es gibt auch andere Sachen, über die man zu reden hat. Zum Beispiel übers Auto. Das schadet auch nicht. Aber dass man komplett im Stau steht, ist eigentlich selten der Fall. Wir sind auch viel in München unterwegs und worüber wir hier die zwei Monate schimpfen, ist dort Standard.

Ich sehe das nicht als so dramatisch an. Man muss es sich eben aussuchen. Wenn jemand unbedingt zum Lidl oder Rewe zum Einkaufen will – und man weiß ja, wie es da zugeht – dann ist derjenige selbst schuld.

Was sagen die Fahrschüler zum Verkehr im Sommer?

Renoth: Wir haben uns da komplett aus der Affäre gezogen, weil wir im August Sommerpause haben. Die Fahrschulen in Berchtesgaden und Bad Reichenhall machen seit mindestens 20 Jahren im August zu. Somit haben wir den Stress von Mitte Juni bis Juli – das ist zu überbrücken. Der Verkehr ist mit ein Grund, warum wir das machen. Weil es teilweise schon hart zu fahren ist. Wenn man einen kompletten Anfänger in so eine Situation bringt, ist es für den nicht lustig und für uns auch nicht.

Wie verhalten sich andere Fahrer im Talkessel gegenüber Fahrschülern?

Renoth: Es gibt solche und solche. Die einen haben dafür Verständnis und die anderen sagen: »Um Gottes willen.« Das ist wahrscheinlich überall so, aber das soll uns nicht stressen.

Hat man bei dem Verkehr öfter Schwierigkeiten mit Dränglern?

Renoth: Ja, klar. Der Fahrschüler checkt das meistens gar nicht. Weil am Anfang einfach die Verkehrsbeobachtung nicht so toll ist. Man muss froh sein, wenn er geradeaus fahren kann. Ganz brutal ist es mit Dränglern auf der Autobahn. Ich glaube, dass immer rabiater gefahren wird, ist ein Gesellschaftsproblem. Das haben nicht speziell wir in Berchtesgaden.

Gibt es Straßen, auf denen Sie ungern mit Fahrschülern fahren?

Renoth: Im Sommer ist das zum Beispiel Vorderbrand. Schmale, enge Straßen. Was ich in Summe nicht mag, ist zum Beispiel die Aschauerweiherstraße oder der Wendeplatz im Nonntal. Kurgäste können das Rechtsfahren einfach nicht – das sind sie nicht gewohnt. Die kommen teilweise voll auf deiner Seite daher. Es lässt sich nicht vermeiden, die Straßen zu fahren, aber mit Kurgästen sind enge Straßen teilweise schon abenteuerlich.

Welche sind die schwierigsten Stellen auf Berchtesgadens Straßen?

Renoth: Es gibt in Berchtesgaden Kreuzungen, von denen man schon wissen sollte, wie man sie fährt. Zum Beispiel der Wendeplatz, wo es zum Krankenhaus rauf geht. Der Klassiker dort ist, dass von vorne der Kurgast kommt, das Vorfahrt-gewähren-Schild übersieht und in die Kreuzung fährt.

Viele schimpfen beim Autofahren über die Kurgäste. Fahren die wirklich schlechter?

Renoth: Die meisten Kurgäste kennen sich einfach zu wenig aus. Wir schimpfen bei uns über die Kurgäste, weil wir meinen, dass sie einen Blödsinn zusammenfahren. Aber, und da muss sich jeder an der eigenen Nase nehmen, wenn wir selbst im Ausland sind, fahren wir genauso. Im Endeffekt sieht man am Kennzeichen, wo jemand herkommt. Wenn man dem Kurgast fast draufgefahren ist, kann man sich natürlich ärgern, weil der plötzlich stehen geblieben ist. Aber wenn man vorausschauend gefahren wäre, hätte man wahrscheinlich schon gesehen, dass der vorher schon dreimal gebremst hat, weil er sich nicht auskennt. Es ist anstrengend mit den Kurgästen, aber ich bin immer noch froh, dass wir sie haben. Alexandra Rothenbuchner

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