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»Langsam« können sie nicht

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Aushängeschild der deutschen Mannschaft: Toni Palzer aus der Ramsau, Sprint-Vizeweltmeister von 2017 und Vertical-Gesamtweltcup-Sieger 2018.
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Ein Teil der besten deutschen Skibergsteiger trainiert bei Engelbert Fuchs in Bad Reichenhall (v.l.): Toni Lautenbacher, Sepp Huber, Sportwissenschaftler Viktor Kastner, Claudia Fuchs und Stefan Knopf. Zum Herrenteam gehören zudem Toni Palzer und Tom Trainer. (Fotos: Bittner)

Berchtesgadener Land – Vor über 20 Jahren hatte Engelbert Fuchs mit der Betreuung heimischer Skibergsteiger begonnen – also zu einer Zeit, als dieser Sport förmlich noch in schweren Schuhen steckte. Einer der ersten Top-Athleten damals war der Ramsauer Wolfgang Palzer, Vater des heutigen Weltklasse-Athleten Toni.


Georg Nickaes aus Bayerisch Gmain oder Jörg Rauschenberger aus Bad Reichenhall gehörten ebenfalls zu dieser »ersten Generation« vor gut zwei Jahrzehnten. Seitdem hat sich enorm viel getan: Nicht nur bei der Ausrüstung. Das gesamte Training, die Wettkämpfe, selbst die Athleten sind mit jenen vor zwei Jahrzehnten nicht mehr zu vergleichen. Wie fast alle Sportarten, vollzog das Skibergsteigen einen gewaltigen Wandel hin zu einem Hochleistungssport, der keine Vergleiche zu anderen Profis mehr scheuen muss.

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Wenngleich sich in Sachen Medienpräsenz in den letzten Jahren laut Physiotherapeutin Claudia Fuchs viel getan hat, stehen die Chancen, dass Aushängeschild Toni Palzer und seine Kollegen einmal bei Olympischen Spielen antreten dürfen, bei nahezu Null. »Dazu müsste sich der Weltverband ISMF komplett anders aufstellen, weitaus professioneller auftreten und die Sportart an sich noch viel medienwirksamer gestalten und vermarkten«, sagt beispielsweise Anton Lautenbacher aus Benediktbeuren, seit sechs Jahren im Nationalteam.

Mit 27 Jahren gehört der Toni bereits zu den Routinierten des Skibergsteigens. Zusammen mit Anton »Done« Palzer, Thomas »Tom« Trainer, Stefan »Knepfei« Knopf und Josef »Seppei« Huber – beim »richtigen« Namen wird hier niemand gerufen – trainiert der Bundeswehr-Angehörige mitunter in Bad Reichenhall bei den Physiotherapeuten und Osteopathen des Fuchs-Teams mit Inhaber Engelbert Fuchs und Sportwissenschaftler Viktor Kastner. Sie haben sich in den revitalisierten, denkmalgeschützten Gemäuern der Alten Saline der Leistungsdiagnostik verschrieben.

Gezieltes Training, professionelle Planung und eine exakte Leistungsdiagnostik sind für die Skibergsteiger der neuen Generation unerlässlich, um hohe Ziele zu erreichen. Der Umfang, in welchem Maße die Athleten betreut werden, mutet jener einer professionellen Fußballmannschaft an: Laktat- und Leistungstests gehören mittlerweile zum Standardprogramm. Genauso wie individuelle Trainings- und Ernährungspläne. »Daran war vor 20 Jahren freilich noch nicht zu denken«, sagt Claudia, die Ehefrau von Engelbert Fuchs. »Das alles sind im Sport heute wichtige Bereiche, die früher nicht nur nicht beachtet wurden, sondern überhaupt kein Thema waren.«

Ausgleich zum Sport draußen

Die Sportler sind dankbar, nicht nur jederzeit in der Kurstadt trainieren zu können. Wenn es irgendwo zwickt, sind sie hier ebenfalls bestens aufgehoben. »Wir schauen, mindestens einmal pro Woche ein sogenanntes Kraft-Stabi hinzubekommen«, sagt Viko Kastner – »nebenbei« zudem Coach der Pidinger Fußballer in der Kreisklasse. Stabi-Training heißt Ausgleich zu dem, was draußen auf den Skiern, auf dem Rad oder beim Berglaufen passiert: Alternativ-funktionelles Training für die Stabilität des Bewegungsapparates. »Einfach, damit der Körper seine Abwechslung bekommt und verletzungsprophylaktisch gearbeitet wird«, sagt Kastner.

Er legt den Sportlern als Koordinator vor Ort obendrein nahe, auch in der heißen Wettkampfphase regelmäßig in Reichenhall vorbeizuschauen. »Das ist freilich nicht immer einfach, aber ein-, zweimal die Woche klappt es schon.« Dabei wird ein sogenannter Zirkelrundgang an den neuen, hochmodernen Kraftgeräten eingelegt. In der Wettkampfphase sind freilich verstärkt Massagen gefragt, Engelbert Fuchs ist im Wechsel mit seinem Kollegen Matthias Schöndorfer bei den Rennen als Betreuer mit dabei. Da geht es dann schon auch mal darum, einen gebrochenen Skistock rasch zu ersetzen.

Bis zum Saisonstart müssen die besten Skibergsteiger Deutschlands jede Menge Geduld aufbringen: »Unsere Saison beginnt erst im Januar«, informiert Toni Lautenbacher, »und konzentriert sich auf wenige Wochen bis Ende März«. Ob es zum Weltcup nach China geht, wissen die Jungs um den neuen Bundestrainer Thomas Bösl noch nicht. Das hänge von vielen Faktoren ab: »Jeder legt vielleicht etwas andere Prioritäten. Freilich muss man sich gut überlegen, ob sich eine solche weite und strapaziöse Reise lohnt«, sagt Lautenbacher. Bezahlt würde sie durch den Deutschen Alpenverein, unter dessen Dach das Nationalteam der Skibergsteiger antritt. Durch die Sportförderung der Bundeswehr befinden sich die Athleten in der glücklichen Situation, für ihre Leidenschaft freigestellt zu werden und finanziell abgesichert zu sein. Da sie mit ihrem Sport selbst bei maximalem Erfolg am Ende der Karriere jedoch nicht »ausgesorgt« haben werden, ist der Berufsförderungsdienst der Bundeswehr eine sehr gute Option für das Leben nach dem Sport.

Die erste Schneeeinheit und das Debüt-»Beschnuppern« mit dem neuen Bundestrainer Dr. Thomas Bösl haben die Athleten nach einem langen und heißen Sommer bereits hinter sich – jüngst war das Nationalteam zum ersten Antesten am Stilfser Joch. Dabei bekamen Coach und Sportler gegenseitig einen guten Eindruck voneinander, wie beide Seiten versichern. Das Team hat sich im Vergleich zum Vorjahr mit vier Athleten nur minimal verändert. Tom Trainer ist durch seinen Deutschen Meistertitel beim Jennerstier wieder mit im Boot, sodass die Truppe nun fünf Herren umfasst. Dazu wird derzeit ein Nachwuchsteam strukturiert aufgebaut, welches so oft es geht mit den Erwachsenen bei den Lehrgängen dabei sein soll.

»Gesund bleiben« ist das Wichtigste

In den kommenden Wochen und Monaten bis zum ersten Wettkampf wird das Training intensiviert, sowohl »im Trockenen« in Bad Reichenhall als auch draußen im »echten Element«. Wer die heimischen Sportler nach ihren Zielen befragt, bekommt fast schon bescheidene Antworten: »Besser werden«, meint etwa Josef Huber aus Bischofswiesen, mit 30 Jahren der »Senior« im Team. »Gesund bleiben« hört man von Toni Lautenbacher oder »ein Top-Fünf-Ergebnis im Weltcup« von Stefan Knopf, der in diesem Sommer bei zahlreichen Bergläufen anzutreffen war und dabei stets auf dem Podest landete.

Gute Platzierungen sind natürlich erfreulich und ein Genuss für jeden Leistungssportler, bei den Skibergsteigern stehen aber noch ganz andere Parameter im Fokus: Die Lust, sich in der freien Natur zu bewegen, an der frischen Luft, das Ausüben des Lieblingssports in einem Team, das zusammenhält, in dem Stimmung und Esprit einfach passen. Letztlich sorgt die Tatsache, »beruflich« das tun zu können, was Freude und Spaß bereitet, für genug Inspiration und Ansporn, sodass sich die guten Ergebnisse damit von ganz allein einstellen. Dabei geht sich bei gutem Wetter, Schnee und genügend Zeit auch mal eine reine Genusstour aus – wobei Claudia Fuchs bezweifelt, dass die Nationalkaderläufer es dabei wirklich »langsamer« angehen lassen: »Meistens werden sie doch recht schnell unterwegs sein, das steckt ihnen im Blut«, schmunzelt sie zum Abschluss des Gesprächs mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Hans-Joachim Bittner