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Leben im Sprenggebiet

Berchtesgaden - Draußen bebt die Erde - aber für Ernst Jermann gilt der Satz »Mittendrin statt nur dabei.« Er ist Anwohner einer Großbaustelle - direkt gegenüber der Postfiliale. Und erlebt jede der dortigen Fels-Sprengungen aus nächster Nähe. Daran stört er sich aber nicht. Immerhin hat er vor 50 Jahren selbst Fels sprengen lassen: für eine Garage.

Die Zufahrt wird breiter. Darauf freut sich Ernst Jermann. Fotos: Anzeiger/Pfeiffer
Einen guten Überblick über das Sprenggeschehen hat Ernst Jermann.
Die Hauswand grenzt direkt an den Fels.

Ernst Jermann sitzt in seiner Stube. Von dort hat man einen guten Blick über die Dächer des Marktes. Derzeit geht er oft nach draußen vor das Haus oder raus auf den Balkon. Und zwar immer dann, wenn es zwei Mal an der Tür klingelt. »Das bedeutet, dass gleich wieder gesprengt wird«, sagt seine Ehefrau Bibiana. Von der Sprengfirma werden die Jermanns mehrmals am Tag per Klingelzeichen gewarnt, dass es jetzt gleich laut wird. »Wir haben uns daran schon gewöhnt«, sagt er. Das Beobachten des Geschehens gefällt ihm.

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Das Haus, in dem er wohnt, ist sein Elternhaus. Der ehemalige Malermeister kennt die Gegend wie seine Westentasche. Gegen Veränderungen hat er aber nichts einzuwenden. »Wir haben das 21. Jahrhundert, da muss sich auch mal was ändern«, sagt der Rentner. Dass wegen eines Personalwohnheims gleich ein ganzer Fels pulverisiert wird, findet er nicht schlimm. Natürlich sei der Lärm beträchtlich und auch an den ansonsten immer gern geführten Mittagsschlaf ist derzeit nicht zu denken. »Die Sprengungen sind aber auch irgendwann mal vorbei - und dann kehrt wieder Ruhe ein«, sagt er. Bibiana Jermann betreibt eine Zimmervermietung. Aber weil die Saison sowieso noch nicht begonnen hat, sei der Lärm nicht schlimm. »Unsere Stammgäste drücken ein Auge zu«, weiß sie.

Für Ernst Jermann soll die Einschränkung auch nicht ganz umsonst sein. Immerhin hat ihm der Bauwerber eine neue Zufahrt zugesichert. Breiter soll sie sein, besser, um mit dem Auto in die Garage zu fahren. Apropos Garage: Die hat Jermann bereits vor 50 Jahren bauen lassen. Wegen der Lage mitten am Fels musste die Garage in das Gestein hineingesprengt werden. »Damals mussten wir auch unsere Nachbarn informieren und die Zustimmung einholen«, erzählt er der Heimatzeitung.

Deshalb hat Jermann auch nichts einzuwenden gegen das Großprojekt, das in die Millionen geht. In Zukunft sollen hier, wo der Fels war, über 40 Personalappartements gebaut werden. Von seinem Balkon aus hat der Markterer den optimalen Überblick. Er deutet mit dem Finger in Richtung Bagger: »Dort unten standen die alten Gebäude, die sie weggerissen haben.« Ein paar Schaulustige haben sich in der Nähe der Baustelle versammelt, sie schauen nach oben zur Baustelle, Ernst Jermann hat von seinem Balkon aus jeden im Blick, der dem explosiven Treiben zuschaut.

Angst? Die hat der Berchtesgadener im Ruhestand nicht. »Ein wenig Anspannung ist aber schon vorhanden«, meint seine Ehefrau. »Immer dann, wenn gesprengt wird.« Fünf bis sechs Mal pro Tag sei das. Dann schrillt ein Warnton über die Baustelle, »wir wissen, was gleich los ist«, und dann folgt der Rumms, der im Haus spürbar ist. Die Außenmauer des Gebäudes grenzt direkt an das Sprenggebiet.

Dass sich für den Ort einer gefunden hat, der anpackt, baut, und etwas in die Wege bringt, das freut Ernst Jermann. Denn es gebe genügend Beispiele, wo Stillstand herrscht. Im Nonntal etwa, wo eine Bauruine für Unmut unter den Anwohnern sorgt. Jermann sagt, dass man auch mal etwas in Kauf nehmen müsse. Denn das Ergebnis ist am Ende oft besser. Zumindest habe der Bauwerber des Wohnheims dies in der Vergangenheit schon mehrfach bewiesen. Kilian Pfeiffer