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Lebende Schlange und Gottes jüngstes Gericht

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Führt den Auftrag Gottes aus: Der Tod (Bálint Walter) hat kein Erbarmen mit Jedermann.
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Kein Mitgefühl für seine Schuldner: Jedermann (Thomas Peschke, r.) lässt den armen Mann und Familienvater ohne Gewissensbisse einsperren.
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Dieses Leben liebt der Jedermann. Bei einem rauschenden Fest räkelt sich seine Buhlschaft (Christine Neubauer) mit einer lebendigen Python über die lange Festtafel.
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Selbst Mammon (Melanie Arnezeder) hat kein Interesse daran, Jedermann vor das göttliche Gericht zu begleiten.
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Schauspieler, Regisseur, Techniker, Haarstylisten, Make Up-Künstler und Visagisten genossen am Ende ihren wohlverdienten Applaus. Fotos: Anzeiger/Waßmuth (5); Thoma-Bregar (1)
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In einer Sänfte tragen vier starke Männer Buhlschaft Christine Neubauer zur Bühne.

Bad Reichenhall – Seit der »Jedermann« 1920 zur Eröffnung der ersten Salzburger Festspiele auf dem dortigen Domplatz aufgeführt wurde, ist er untrennbar mit dem Festival verbunden. Am Freitag und Samstag war das »Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes« erstmals in Berchtesgaden zu sehen. In der Rolle der Buhlschaft begeisterte Schauspielerin Christine Neubauer das Publikum. Wegen schlechten Wetters konnte die Premiere allerdings nicht wie geplant auf der Freilichtbühne im Kurpark stattfinden, sondern wurde ins Kongresshaus verlegt. Am Samstag konnte die Aufführung dann wie geplant im Kurgarten stattfinden.


Lasziv räkelt sich Christine Neubauer alias die Buhlschaft in ihrem tief ausgeschnittenen Kleid und auf dem Rücken liegend quer über die lange Festtafel. Dabei hat sie sich eine meterlange, lebendige Python um den Hals geschlungen. Um sie herum tanzen die Gäste. Der wohlhabende Jedermann, gespielt vom Österreicher Thomas Peschke, gibt ein Fest. Es ist sein letztes Fest, der Tod steht schon vor der Tür. Nur Jedermann kann ihn spüren, hört Glockenläuten und jemanden, der seinen Namen ruft. Als er sich umblickt, steht ein ihm unbekannter Mann hinter ihm, der sich als Tod zu erkennen gibt und ihn auffordert, sich für den letzten Weg bereit zu machen. Erst jetzt wird Jedermann sein schlechter Charakter bewusst. Nie hat er Mitleid mit den Armen gehabt. Er fleht den Tod an, ihm eine kurze Frist zu gewähren, damit er sich einen Freund suchen kann, der mit ihm vor das Gericht Gottes tritt. Nach langem Bitten gewährt der Tod ihm eine Stunde. Doch weder der treue Knecht noch Jedermanns Freunde noch sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten. Erst der Auftritt seiner guten Werke und des Glaubens bringen Jedermann dazu, sich zum Christentum zu bekennen und als reuig Bekehrter ins Grab zu steigen.

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Das Theaterstück vom Sterben des reichen Mannes stammt aus der Feder des österreichischen Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal. 1911 wurde es in Berlin uraufgeführt, seit 1920 ist es fester Bestandteil der Salzburger Festspiele, die Hofmannsthal mitbegründete. Jahr um Jahr reißen sich die großen Schauspielstars darum, in Salzburg die Hauptrollen – Jedermann, Buhlschaft und Teufel – zu spielen. Als Jedermann standen unter anderem Will Quadflieg, Curd Jürgens, Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer und Peter Simonischek auf der Bühne. Zu den berühmtesten Buhlschaften zählen Christiane Hörbiger, Senta Berger und Veronica Ferres.

Für die erste Aufführung in Berchtesgaden konnten Helmut Vitzthum von der Freien Bühne Salzburg und die heimische Werbeagentur-Mitarbeiterin Kornelia Koller keine geringere Schauspielerin als Christine Neubauer für die Buhlschaft gewinnen. Für die beiden Initiatoren der Aufführung eine Traumbesetzung, die auch beim Publikum sehr gut ankam. Wenn auch die Premiere nicht wie geplant auf der Freilichtbühne im Kurgarten, sondern im Kongresshaus stattfinden musste. Schon zur Mittagszeit war am Freitag absehbar, dass das Wetter am Abend nicht mitspielen würde und der Jedermann nach drinnen wandern muss.

Etwa eine halbe Stunde vor Beginn füllten sich im großen Saal des Kongresshauses nach und nach die Reihen und mit ein paar Minuten Verspätung eröffnete die Historische Tanzgruppe aus Berchtesgaden den Abend. Gemeinderat Bartholomäus Mittner gab mit sicherer Stimme den Spielansager und ein Ensemble aus Musikern vom Salzburger Mozarteum stimmte das Publikum auf die folgenden rund zwei Stunden Spielzeit ein.

Auf der Bühne hatte man die große Tafel mit mittelalterlichen Sammlerstücken aus Rudolfs Raritätenkammer eingedeckt. Als Reminiszenz an den Mythos des Salzburger Jedermanns waren die Schauspieler in der Berchtesgadener Aufführung in Original-Kostümen aus dem Jahr 1974 gekleidet. Damals prägten Curd Jürgens und Senta Berger das Mysterienspiel.

Jedermann Thomas Peschke und Buhlschaft Christine Neubauer verkörperten den reichen Lebemann und die verführerische Gefährtin ganz hervorragend, genauso wie Bàlint Walter den Tod und David Ketter den Teufel. Besonders grazil war die von Kopf bis Fuß im Body-Painting-Stil bemalte Mammon-Darstellerin Melanie Arnezeder, die den am Ende verzweifelten Jedermann gehörig an der Nase herumführte und mit viel Applaus bedacht wurde. Auch die beiden Initiatoren Kornelia Koller und der Chef der Freien Bühne Salzburg, Helmut Vitzthum, waren mit von der Partie. Kornelia Koller ermahnte als Mutter ihren Sohn Jedermann, sein Verhalten gegenüber Gott zu ändern, dem Helmut Vitzthum seine Stimme gab.

Mit reichlich Beifall feierte das Publikum am Ende alle Schauspieler und Techniker, die sich auf der Bühne versammelten. Auch Haarstylisten, Make Up Künstler und Visagisten durften mit auf die Bühne. Kathrin Thoma-Bregar

Weitere Fotos der beiden »Jedermann«-Aufführungen finden sich im Internet unter www.berchtesgadener-anzeiger.de.