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Lebensgefahr wegen Schneebruch und Lawinenhang am Teisenberg

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Foto: Leitner, BRK BGL

Teisendorf/Anger (ml) – Der durch den Schneebruch stark beschädigte Bergwald und eine gewaltige Schneewechte am Lawinenhang an der Stoißer Alm bringen Skitourengeher und bald wohl auch wieder Mountainbiker und Wanderer am Teisenberg in Lebensgefahr.


Bereitschaftsleiter Lorenz Aschauer, Angers Bürgermeister Silvester Enzinger und Teisendorfs zweiter Bürgermeister Norbert Schader thematisierten bei der Jahreshauptversammlung der Bergwacht Teisendorf-Anger ein bei vielen Leuten fehlendes Gefahrenbewusstsein für den oft aufgrund seiner nur geringen Höhe und Schwierigkeit unterschätzten Hausberg. Er wird ganzjährig von vielen tausend Menschen Tag und Nacht auch bei manchmal heiklen Verhältnissen noch begangen und befahren und ist damit der bei vielen unbekannte, traurige, regionale Spitzenreiter mit den meisten Lawinen-Unfällen während der vergangenen 20 Jahre.

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Gefährlicher Lawineneinsatz am 5. Januar

Aschauer erinnerte an zwei im Jahr 2018 verstorbene Bergwachtmänner sowie eine beim Lawinenunfall am 5. Januar am Teisenberg tödlich verunglückte 20-jährige Frau. Trotz der sehr schwierigen und gefährlichen Verhältnisse bei Lawinenwarnstufe 4, starkem Schneefall und extrem schlechter Sicht war ein Großaufgebot von 75 Einsatzkräften an vorderster Front und im Hintergrund bemüht, die junge Frau noch lebend zu retten.

Helis konnten nicht fliegen und Überschneefahrzeuge blieben nach nur kurzer Strecke stecken, so dass die Retter nur zu Fuß mit Skiern aufsteigen konnten, wobei die ersten Einsatzkräfte in einer Rekordzeit von unter einer Stunde an der Lawine ankamen, aber genauso wie die Ersthelfer keine Chance hatten, da das Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS) der Verunglückten nicht eingeschaltet war und deshalb auch nicht sendete.

Erst als die zweite Gruppe gegen 18 Uhr eintraf, ortete Lawinenhund Enzo die 20-Jährige sofort; die Einsatzkräfte gruben die Frau auch rasch aus, konnten sie aber trotz aller Bemühungen nicht mehr wiederbeleben. Alle Retter am Berg waren mit Airbag-Rucksäcken ausgestattet, von denen die Bereitschaft erst zwei Wochen zuvor fünf weitere Exemplare gekauft hatte.

„Trotzdem war der Einsatz extrem riskant, weshalb wir nur so viele Leute wie unbedingt notwendig ins Gelände geschickt haben; an die 40 Bäume entlang der Abfahrt brachen für uns zunächst völlig unerwartet unter der Schneelast ab und haben wie durch ein Wunder niemanden getroffen. Wir sind sehr froh, dass alle wieder unversehrt im Tal angekommen sind“, erinnert sich Aschauer, der die Reichenhaller Abschnittsleiterin Moni Assmann für ihre professionelle Arbeit als Abschnittsleiterin lobte: „Sie hatte mitunter den schwierigsten Job, musste den Zufahrtsweg und die begrenzten Parkplätze freihalten und behauptete sich mit einem dicken Fell souverän gegen teilweise undisziplinierte männliche Kameraden.“  

Unterschätzter Teisenberg

Lorenz Aschauer beobachtete die Verhältnisse am Teisenberg während des heuer gewaltigen Winters weiter in regelmäßigen Abständen. Bereits zwei Wochen nach dem tragischen Unfall waren schon wieder Skispuren im gefährlichen und durch den Gratwind stark überwechteten Lawinenhang, den die heimische Bergwacht aufgrund seiner heuer bedrohlichen Optik als „die Wand“ betitelt hat: „Wenn man sich ein wenig mit Lawinen beschäftigt, muss klar sein, dass dieser Hang einfach gefährlich ist!“

Aschauer hat Bedenken, dass einige Tourengeher das Risiko nicht wahrnehmen oder unterschätzen und bat die Gemeinden Anger und Teisendorf um Unterstützung, da der geladene Hang im Frühjahr auch unbedachte Wanderer und Mountainbiker bedrohen und überraschen kann – vor allem dann, wenn die Almbauern die Straße wieder freiräumen und damit die Schneemassen anschneiden. Während der vergangenen Jahre war der Hang immer wieder plötzlich auf die Straße abgerutscht.

So musste die Bergwacht zum Beispiel am 11. Mai 2012 ausrücken, da unklar war, ob Radler verschüttet wurden. „Die Leute räumen uns die aufgestellten Warnschilder immer wieder weg“, bedauert Angers Bürgermeister Silvester Enzinger, der wie sein Teisendorfer Kollege Norbert Schader die Verhältnisse vor Ort sehr genau beobachtet, Aschauers Sorgen ganz konkret teilt, aber keine wirkliche Lösung für das Problem hat und deshalb an die Vorsicht und Vernunft der Menschen appelliert. Die Gefahr steigt wie bei einer stark befahrenen Straße durch die sehr vielen Menschen. Die Einheimischen sprechen sogar schon von Massentourismus auf ihrem Hausberg, der Tag und Nacht begangen und befahren wird – auch bei kritischen Verhältnissen, da er aufgrund seiner nur geringen Höhe und Schwierigkeit oft unterschätzt wird.

„Durch die Windverfrachtung am Grat ist eine zusätzliche Gefahr entstanden, wobei die große Wechte während der vergangenen Wochen nicht wirklich kleiner geworden ist und irgendwann runterkommen wird; es wäre gut, wenn die Almbauern sie abtragen, bevor sie die Straße freimachen und wieder Massen an Leuten den Berg stürmen“, hofft Aschauer, der sich selbst mit seiner Mannschaft bereits eingebracht hat, um den Berg etwas sicherer zu machen.

Die Bergwacht hatte nach dem enormen Schneebruch mit ihrem All-Terrain-Vehicle (ATV) und Motorsägen den Weg freigeschnitten, sodass überhaupt wieder Skitouren möglich waren. Insgesamt lauert aktuell auf fast allen Bergen der Region noch eine versteckte Gefahr, die vielerorts noch nicht beseitigt ist, da die meisten Forststraßen noch nicht befahrbar sind. „Gefühlt jeder dritte Gipfel ist abgebrochen und viele Bäume sind beschädigt – die Holzarbeiten werden aber bei rund eineinhalb bis zwei Metern Schnee noch dauern“, berichtet Aschauer.

Die beiden Bürgermeister thematisierten mit den illegalen Downhill-Strecken am Teisenberg und Högl ein weiteres großes Sicherheitsproblem, das vor allem auch den Grundstückseigentümern zu schaffen macht, da sie bei Unfällen haftbar gemacht werden und deshalb Schanzen und Einbauten immer wieder wegreißen müssen. Waldgesetz und Naturschutzgesetz würden eigentlich ein Befahr-Verbot vorgeben, die Leute würden sich aber nicht darum scheren und auch Verbotsschilder wegreißen.

Durchschnittliches Jahr mit 32 Einsätzen

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Foto: Leitner, BRK BGL

Die Mitgliederzahl der Bergwacht Teisendorf-Anger ist mit 41 weitgehend konstant geblieben; 21 sind aktive Einsatzkräfte, wobei Lorenz Aschauer (im Foto Zweiter von rechts) Daniel Pickl (Zweiter von links) für 25 Jahre aktiven Bergwachtdienst auszeichnete und die beiden bisherigen Anwärter Julia Emig (rechts) und Franz Aschauer (links) nach erfolgreich absolvierter Ausbildung als neue Bergretter offiziell in die Bereitschaft aufnahm.

Derzeit werden sechs Anwärter auf den aktiven Dienst vorbereitet – langfristig strebt die Bereitschaft einen Stand von 25 Aktiven an, um Dienste und Einsätze auch bei Engpässen noch besser abdecken zu können. 2018 war ein durchschnittliches Jahr, die Bergretter leisteten 32 Einsätze, darunter acht beim Pistendienst am Götschen, 15 im Reichenhaller Einsatzgebiet zusammen mit der Nachbar-Bereitschaft und neun im eigenen Einsatzgebiet am Teisenberg und Högl.

Josef Koch und Sabine Aschauer engagieren sich darüber hinaus im Kriseninterventionsdienst (KID) der Bergwacht und bei der bayernweiten KID-Hotline, wobei sie elf Einsätze und fast 1300 Bereitschaftsstunden für die Hotline geleistet haben, darunter die tödlichen Abstürze in der Nordwand des Hochstaufens, an der Watzmann-Mittelspitze und an der Eiskapelle. Zu ihren Aufgaben gehören auch sogenannte Unfallort-Begehungen, bei denen Angehörige und Freunde später auf den Berg begleitet werden, damit sie das tödliche Unglück realisieren und langfristig besser verarbeiten können.

Kassenwart Christian Schöpp berichtete von rund 20.000 Euro an Einnahmen, die zu rund drei Vierteln aus Benutzungsentgelten des Roten Kreuzes für die Vorhaltung und die geleisteten Einsätze und verhältnismäßig wenig Spenden bestanden. Fast 32.700 Euro musste die Bergwacht 2018 ausgeben, über die Hälfte davon für Ausrüstung und Ausstattung, zwölf Prozent für Werbekosten, zehn Prozent Betriebskosten für die Fahrzeuge, acht Prozent für Ausbildung, sechs Prozent für Versicherungen, vier Prozent für medizinischen Bedarf und den Rest für Reisekosten, Instandhaltung und Wartung, Bürobedarf, Fernmeldegebühren und Energiekosten. Ausbildungsleiter Stefan Stadler war aufgrund eines Skitourenurlaubs auf Kreta verhindert und konnte nicht von den umfangreichen Aus- und Fortbildungen im vergangenen Jahr berichten.

Aufwendige Rettungen für schwer verletzte und in Not geratene Bergsteiger

Aschauer berichtete mit Bildern und Text exemplarisch von mehreren Einsätzen: Ein Großaufgebot der Bergwacht hatte am Ostersonntag in einer fünfstündigen Rettungsaktion bei sehr widrigen Verhältnissen eine 35-jährige Münchnerin und einen 41-jährigen Australier vom Hochstaufen gerettet. Die beiden waren trotz des schlechten Wetters mit Regen, Sturmböen, Neuschnee und Windverfrachtungen nur leicht bekleidet über den bei diesen Bedingungen besonders steinschlag- und lawinengefährlichen Goldtropfsteig zum Reichenhaller Haus aufgestiegen, wo sie dann gegen 16.30 Uhr auf der Terrasse durchnässt, frierend und am Ende ihrer Kräfte einen Notruf absetzten.

Wegen Orkanböen konnte der Heli nur noch zu Beginn zwei Retter am Gipfel absetzen, weshalb die Bergwacht die beiden zu Fuß abholen musste. Während des Sturms ging Lawinenhund Enzo verloren, tauchte dann aber am nächsten Morgen wieder unversehrt auf.

Am 19. Mai gegen 13.30 Uhr rückte die Bergwacht Teisendorf-Anger zu einem gestürzten Bergradler am Högl aus, wobei sie die Unfallstelle erst suchen musste und sich die neuen E-Bikes bestens bewährten. Ein 24-jähriger Ainringer war mit einem Freund vom Ulrichshögl abgefahren, als ihm auf dem vom Regen feuchten Untergrund das Vorderrad wegrutschte. Er prallte so unglücklich mit dem Oberkörper gegen einen Baum, dass er schwerer verletzt liegen blieb.

Am 14. Juli retteten sie einen bayerischen Gebirgsschweißhund nach längerer Suche von einem Grasband in einer Wand am Ristfeuchthorn, wobei das unerwartet große Medien-Echo viel mehr Leute emotional bewegte als bei einer Menschen-Rettung und zu einem wilden, öffentlichen Schlagabtausch zwischen Hundefreunden und -gegnern führte.

Am 11. August war die Bergwacht für eine erschöpfte Frau im letzten Abschnitt des Pidinger Klettersteigs am Hochstaufen unterwegs; am 16. August dann für eine schwerst verletzte 62-jährige Reichenhallerin. Die Frau war beim Abstieg über den Schrecksteig an der Reiter Alpe einem Abkürzer nach Nordwesten zum Wasserbehälter an der Ellbachhütte gefolgt und dabei rund acht Meter tief über Felsblöcke in ein trockenes Bachbett abgestürzt. Sie hatte sich schwerste Verletzungen am ganzen Körper zugezogen, konnte aber noch selbst ihren Mann anrufen und mit den Rettungskräften telefonieren, allerdings zunächst nicht genau sagen, wo auf der Nordwestseite der Reiter Alpe sie sich befindet, weshalb die Retter über eine Stunde lang nach ihr suchen mussten.

Bereitschaftsleiter Stefan Strecker von der Reichenhaller Bergwacht, Georg Eckart von der Teisendorfer Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) und die beiden Bürgermeister Silvester Enzinger und Norbert Schader dankten der Bergwacht Teisendorf-Anger im Namen ihrer Mitglieder und aller Bürger für ihren wichtigen Dienst und lobten die Ehrenamtlichen für ihre uneigennützige und manchmal auch schwierige und belastende Arbeit. „Die Krisenintervention, miteinander zu reden und zusammenzusitzen, sich gegenseitig zuzuhören und das was Schlimmes passiert ist, besser zu verarbeiten, ist unglaublich wichtig“, betonte Schader aus eigener Erfahrung als langjähriger Feuerwehrmann.

„Euer Fahrzeug ist immer unglaublich schnell besetzt und die Einsätze werden professionell abgewickelt – vielen Dank für Eure große Unterstützung“, lobte Strecker. Die beiden Gemeinden Anger und Teisendorf unterstützen ihre Bergwacht seit Jahren unter anderem durch kostenfreie Räumlichkeiten. Das Rettungsfahrzeug ist aktuell im Angerer Feuerwehrhaus untergebracht. Langfristig ist dort ein Erweiterungsbau geplant, wobei die Gemeinde noch in zähen Verhandlungen mit dem Ordinariat als Grundstückseigentümer ist, aber dennoch guter Dinge, dass alles klappen wird, ist. BRK BGL