weather-image
22°

»Lernen kann so schön sein, oder auch nicht«

3.7
3.7
Bildtext einblenden
Die Konzentration darf nicht den Bach herunter gehen. Jutta Wimmer weiß, wie man richtig lernt. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – »Warum gehen Kinder so ungern in die Schule? Wieso macht ihnen das Lernen so wenig Spaß? Und warum haben sie so wenig Lust, sich anzustrengen?« Das waren nur einige Kernfragen, über welche die Autorin am Dienstagabend fast drei Stunden intensiv referierte. Mit rhetorischer Finesse, Charme und Kompetenz ging die prämierte Rednerin ehrlich und pointenreich den großen »Lustkillern« auf den Grund.


»Maria ist 24 Jahre alt. Sie ist doppelt so alt, wie Anna war, als Maria so alt war, wie Anna jetzt ist. Wie alt ist Anna? Hääh? Check i ned. Wer denkt sich so was aus? Lineare Gleichungen. Mathematik. Hallo! Aufwachen! Also, wenn sie hier nicht mitarbeiten und meine Beurteilungsnote unter 4- geht, breche ich die Vorstellung ab! Was hier gefordert wird, sind drei Dinge: Erstens: Mitarbeit! Zweitens: Mitarbeit! Drittens: Mitarbeit!« Gelächter im Publikum.

Anzeige

Das war natürlich nur ein kleiner erschreckender Einleitungsscherz von der Pädagogin auf der Bühne. Denn damit wollte Jutta Wimmer die Zuhörer gleich zu Beginn des »Seminars« etwas fester in die Aula-Stühle drücken. Oder schulisch treffender gesagt: rannehmen.

In vielen Episoden legte Wimmer analytisch die Finger in die Wunden des Bildungssystems. Gleich zu Beginn schlüpfte sie in die Rolle der pubertierenden Lisa, die mit einer »Hirnlego«-Aufgabe in die Verzweiflung getrieben wird. Die ist fürchterlich genervt und überfordert mit diesen blöden Schularbeiten und dem Erwartungsdruck ihrer Erziehungsberechtigten. »Ja, Mama. Ich mach ja scho. Aber anklopfen brauchst ned. Schreib' ma liaba a SMS«, fauchte Lisa. »So, was hamma auf?« Keine Ahnung. Kein Bock. Also musste eine Recherche bei einer Facebook-Freundin weiterhelfen. Die Streberin stellt ihr Wissen nämlich ins Netz. Und wie alt Anna nun ist, konnte Lisa ja notfalls googlen.

Aber es sollte an diesem Abend nicht nur gelacht werden. Dazu war das Thema zu komplex und ernst. So filterte Wimmer vorerst die Gründe für den Lernfrust heraus. Denn: »Lernfrust heißt Lernblockade. Die Bildung entfaltet sich nicht. Auch der Grund, warum man das alles lernen soll, bleibt vielen Schülern immer wieder verborgen. Für wen lerne ich eigentlich? Intellektuelle Resignation ist oft die Konsequenz. Frust statt Lust. Das wiederum führt zu Potenzialverlust bei den Lernenden«, erklärte die Rednerin ausführlich.

Überfrachtete Lehrpläne, fehlender Sinn des Lernstoffs, Angst vor schlechten Noten, Schule als Selbstwertbedrohung, Langeweile im Unterricht, abstrakte Lernmethoden und fehlende Nähe zum Lehrer waren nur einige Ursachen für die Pädagogin Wimmer. Dabei präsentierte sie Analysen mit Tiefgang und Erfahrung. »Eigentlich glaubt man, dass es für alles recht einfache Lösungsvorschläge geben könnte. Eigentlich. Aber in der Praxis?«

Die »Motivationstüre« wird zugeknallt. Um diese Mängel anzusprechen und zu beheben, hat Jutta Wimmer auch ein Sachbuch geschrieben. »Die 10 größten Lustkiller«. In humorvollen Episoden werden auf 240 Seiten die Problematiken satirisch abgehandelt, wie sie sagt. »Lernen soll Spaß machen. Nur wer lacht, lernt«, so Wimmer weiter. Als Ergänzungen zum Vortrag dienten Skizzen über ein »Lernerfolgskonto« und eine »Konzentrationskurve«, die allerdings den Bach herunter ging.

An die Wand projizierte sie lustige pointierte Fotos, die alles wieder auflockerten. Auch ein treffender Song vom Liedermacher Reinhard Mey durfte dabei nicht fehlen und brachte viele Lehrkräfte zum kollegialen Schmunzeln.

Im Anschluss erklärte die Autorin umfangreich ihre Lösungsvorschläge. »Ziele setzen und Visionen entwickeln, ist wichtig. Es muss freiwillig gelernt werden wollen. Es sollte beim Lernprozess der sogenannte ›Gipfelblick‹ erzeugt werden. Da will ich hin. Das ist mein Ziel«, so Wimmer. »Humor ist entscheidend wichtig«, ergänzte sie und griff kurz das trockene Thema Grammatik auf. Denn auch die Kommasetzung konnte die Pädagogin amüsant gestalten. Kleines Beispiel: »Wir essen jetzt, Opa! Statt: Wir essen jetzt Opa!«, demonstrierte Wimmer frech. »Lernen hat zu oft ein negatives Image. Und das muss weg. Es ist alles zu verkrampft. Das kritisierte Bildungssystem grenzt teilweise an ein Bulimie-Lernen. Man stopft das Gelernte schnell in sich hinein und kotzt es danach genauso schnell wieder raus. Und es bleibt weg«, folgerte Wimmer.

Die Insiderin wusste, wovon sie redet. Sie gilt als renommierte Bildungsexpertin, studierte Psychologie, Pädagogik und Soziologie an der Universität Augsburg und war fast 20 Jahre lang als Lehrerin und Dozentin für Psychologie, Pädagogik, Soziologie und Heilpädagogik tätig. Heute ist Jutta Wimmer Diplom-Pädagogin und mehrfach prämierte Referentin. Außerdem ist sie noch eins: Mutter. Zusammen mit ihrem Mann und einem 17-jährigen Sohn lebt die kabarettistische Autorin in Peiting bei München.

Der stellvertretende Schulleiter Markus Spiegel-Schmidt, Elternbeiratsvorsitzende Katja Springl und Elternbeirat freuten sich, mit Jutta Wimmer eine vielseitige Fachfrau für die Veranstaltung gewonnen zu haben. Die Herausforderung des »Bildungsunterrichts« nahmen fast 200 Zuhörer an diesem Abend interessiert an. Jörg Tessnow