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Mach mich nass

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Rodel-Olympiasieger Felix Loch ist hart im Nehmen. Ein bisschen Eiswasser wird den Eisbahnspezialisten schon nicht umbringen. Screenshots: Anzeiger/Pfeiffer
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Skeletonfahrerin Anja Selbach (früher: Huber) verzichtet auf die Eiswasserdusche, geht dafür lieber im erfrischenden Königssee baden.
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Die Snowboard-Profisportlerin Anke Karstens entscheidet sich bei der Eiswasser-Herausforderung ebenfalls für den Königssee.

Berchtesgaden – Hoch mit dem Eiswasser-Eimer, dann die Zähne zusammenbeißen und los geht's: Wo man nur hinschaut im Internet, überschütten sich Privatpersonen und Prominente mit kaltem Wasser – auch im Berchtesgadener Talkessel. Die Aktion soll auf die seltene Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) aufmerksam machen. Allerdings mehrt sich Kritik im Netz.


Öffentlich Aufmerksamkeit zu erregen, ist spätestens seit dem Bier-Trinkspiel Anfang des Jahres ein beliebter Zeitvertreib geworden. Damals galt es, ein Bier auf ex zu trinken und weitere Kandidaten zu bennen, die sich ebenso der »Herausforderung« stellten. Vor allem in den sozialen Netzwerken schien der spezielle Biergenuss für mehrere Tage »en vogue« zu sein, selbst Landkreis-Politiker beteiligten sich beim »Wettsaufen«.

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Wasser kippen, Geld spenden

Die Sache mit dem Eiswasserkübel, »Ice-Bucket-Challenge« genannt, ist nach einem einfachen Prinzip aufgebaut, verfolgt aber ein anderes Ziel: Gemein hat die Herausforderung, dass sich der Teilnehmer einen Eimer Wasser mit Eis über den Kopf kippt, weitere Personen nominiert und sich dabei filmt. Das Video wird ins Internet gestellt, im besten Fall spendet man auch noch für ALS-Betroffene.

Denn ALS ist eine Erkrankung, die zum Tod führen kann. Dabei kommt es zu einer irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Heilbar ist die Krankheit nicht, Patienten werden bei fortgeschrittenem Verlauf körperlich stark beeinträchtigt.

Cem, George, Mark und Helene: Alle machen mit

Dass sich die Spendenaktion zu solch einem großen Erfolg entwickeln würde, war nicht absehbar. Mittlerweile hat sich ein Großteil der Prominentenwelt beim Übergießen mit Eiswasser filmen lassen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist darunter, der deutsche Grünen-Politiker Cem Özdemir, der sich geschickterweise vor einer selbst angebauten Hanf-Pflanze ablichten ließ, Schlagersängerin Helene Fischer ließ sich von zwei Halbnackten das kühle Nass über den Kopf kippen, der ehemalige US-Präsident George W. Bush nahm teil, Microsoft-Gründer Bill Gates, bekannt für sein Engagement im Kampf gegen den HI-Virus, ebenso. Über 70 Millionen Dollar sind weltweit in wenigen Wochen zusammengekommen. Auch die Berliner Charité hat von der Spendenbereitschaft profitiert. 450 Einzelspenden wurden gezählt. Die Spenden zwischen 5 und 1 500 Euro werden für Medikamentenforschung, aber auch für die Versorgung von ALS-Patienten verwendet.

Landrat macht sich nass

Selbst der Traunsteiner Landrat Siegfried Walch hat sich nass machen lassen. »Mi hat's a dawischt«, sagte er kurz vor der Herausforderung. In einem Internet-Video, zu sehen auf Walchs Facebook-Auftritt, lässt er sich – mit ausgebreiteten Armen, schick gekleidet mit Hemd und Krawatte – überschütten. 100 Euro spendete er für einen guten Zweck.

Und im Berchtesgadener Talkessel? Findet man zumindest keine Politiker, die vor der Kamera mit einem Eimer posieren. Da sind es vor allem die hiesigen Sportler, die die Eiswasserdusche über sich ergehen lassen. Rodel-Dreifacholympiasieger Felix Loch beteiligte sich. Mit nacktem Oberkörper steht er in dem Video vor einem Haus, dann folgt der Schwall Wasser. Felix Loch prustet, scheinbar ist das Wasser sehr kalt. Auch Skeleton-Profi Anja Selbach (früher: Huber) nahm bei trübem Wetter – samt Königssee-Kulisse – an der Aktion teil. Allerdings in abgewandelter Form: Sie biss die Zähne zusammen und ging in den Königssee. Gleich tat es ihr Anke Karstens, Snowboard-Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen in Sotschi.

Wasserverschwendung der besonderen Art?

Unzählige Privatpersonen aus dem Talkessel beteiligten sich bislang bei der »Ice-Bucket-Challenge«, allerdings ist mittlerweile auch spürbar, dass der Zuspruch für derartige Aktionen seit dem Bier-Trinkspiel schwindet. »Das ist alles lächerlich. Wenn wer spenden möchte, kann er auch spenden, ohne sich Wasser über den Kopf zu schütten«, schreibt ein Berchtesgadener auf Facebook. Mittlerweile haben sich Gruppierungen gebildet, die die Aktion als pure Wasserverschwendung anprangern. Tausende folgen der Gegenbewegung. In einem Video bleibt eine junge Frau schweigsam, stattdessen hebt sie bedruckte Blätter vor die Kamera, ihr Beitrag wurde bis Redaktionsschluss 168 000 Mal geteilt: »Klar ist es lustig dabei zuzusehen, wie sich Leute mit eiskaltem Wasser überschütten. Doch vergessen wir nicht, worum es wirklich geht.« Die junge Frau schüttet sich deshalb kein Wasser über den Kopf, sie spendet lieber umgehend 20 Euro. »Eis kann schmelzen«, schreibt sie. Finanzielle Hilfe treibe hingegen die Forschung voran. Auf weitere Nominierungen verzichtet sie. Kilian Pfeiffer