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Mehr Natur in der Landschaft

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Die beiden ziehen gemeinsam an einem Naturschutz-Strang: Sepp Ratzesberger (r.) und Andreas Streitwieser. (Foto: privat)
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Lose Haufen aus Holz und Steinen schaffen Lebensraum für die Zauneidechse. (Foto: Höfer)

Berchtesgadener Land – Nicht auf die Bauern schimpfen, sondern mit ihnen reden. Das macht Sepp Ratzesberger. Der Jäger und Naturschützer hat schon viele animiert, sich für die Natur zu engagieren. Gut zweieinhalb Kilometer Hecken hat man gemeinsam gepflanzt. Als wertvoller und selten gewordener Lebensraum, und als Schutz für die Felder gegen Erosion. Ratzesberger blickt aber auch kritisch auf den »offiziellen« Naturschutz und auf das, was die Behörden tun – oder eben nicht. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat ihn begleitet.


Bis 1996 lief hier die sogenannte »Flurbereinigung«. Die Folge: Eine ausgeräumte Flur mit vergleichsweise großen Feldern, kaum Randstreifen und keinen Säumen. »Diese Fehler gilt es, wieder gut zu machen«, sagt Sepp Ratzesberger. Wenigstens hier im Süden der Gemeinde, zwischen Oberheining und Thannberg. Er selbst hat dort eine Fläche von 6 200 Quadratmeter gekauft und daraus ein Naturparadies mit Stauden, Büschen und Bäumen geschaffen.

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2011 haben er und andere angefangen, gemeinsam Hecken zu pflanzen und damit von den landwirtschaftlichen Flächen etwas abzuzwacken. Für einen Bauern ist es nicht leicht, auf Nutzfläche und Ertrag zu verzichten. Doch Ratzesberger überzeugte nicht zuletzt mit einer Studie aus Weihenstephan. Die besagt im Kern, dass die positiven Faktoren einer natürlichen Gliederung der Flur einen Flächenverlust bis zu acht Prozent ausgleichen, es also keinerlei Einbußen beim Ertrag gibt.

Idealisten gefordert

Einer seiner ersten Unterstützer war Andreas Streitwieser, Bauer am Thannberg. »Um den ganzen Hof rum nur Mais, das kann nicht sein«, so dachte er damals. Und war mit im Boot. »Naturschutz funktioniert nur mit Idealisten«, so Ratzesberger. Überzeugt hat der Naturschützer und Jäger Ratzesberger ein gutes Dutzend Bauern.

Nach seinen Angaben tummeln sich inzwischen 60 bis 80 Fasane in der bunten Vielfalt aus rund 60 verschiedenen Pflanzenarten, die somit zu unterschiedlichen Zeiten blühen. »Die Mischung machts«, so sein Credo. Ein Rebhuhn-Projekt sei in Vorbereitung, kündigt Ratzesberger an. Totholzhaufen zwischendrin bilden Lebensraum und »Trittsteine« für Kleintiere. Zum Beispiel für Eidechsen.

Gänzlich misslungen sei jene 1,3 Hektar große Ausgleichsfläche, die hier am Thannberg den Eingriff durch den Neubau einer großen Freilassinger Firma kompensieren sollte. Die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt hatte bei Ratzesberger und Streitwieser um eine geeignete Fläche angefragt. Das war im Jahr 2015. Im September 2018 hat der Maschinenring dann die Fläche samt Hecke mit 1 500 Pflanzen angelegt. »Die Pläne waren ja da, aber fachlich dann so verkehrt ausgeführt«, schütteln Streitwieser und Ratzesberger den Kopf. Gepflanzt habe man wie bei einer Gartenhecke, zudem habe man gemulcht, anstatt das Mähgut abzufahren. »Niemand evaluiert das«, kritisiert Ratzesberger, der sich eigentlich nur eine Neuanlage dieser »Ausgleichsfläche« vorstellen kann.

Alles richtig gemacht?

Gleichwohl hat er der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt eine weitere Fläche angeboten, was für einen Altbauern eine kleine Zusatzrente bedeuten würde. Hoch über dem Abtsee haben Ratzesberger und seine Partner einen Teich gebaut, mit Schilf und Findlingen.

Dort oben zeigt Andreas Streitwieser auch sein Modell, das er für seinen Lehrgang zum geprüften Naturschutz- und Landschaftspfleger angefertigt hat. In Realität schaffen will er die Anlage mit »Himmels- und Schilfteich« samt Flachwasser für Gelbbauchunken und Co. nahe seines Hofes, dort wo er bereits eine Trockenmauer als wertvollen Lebensraum errichtet hat.

Sepp Ratzesberger ist seit 1995 Jagdpächter im Revier Oberheining. Seine erste Hecke pflanzte er damals noch alleine westlich von Daring, die zweite nordöstlich von Moosham.

Dort stehen an der Ecke eines Maisfeldes inzwischen auch vier stattliche Eichen, die es ohne Ratzesbergers Einsatz vermutlich nicht mehr gäbe. Sein Revier gilt als Vorzeigerevier. Wer die ungeheure Tannenverjüngung etwa im Seebadholz erblickt, wird das bestätigen. »Von den 57 Revieren im Landkreis sind nur fünf im Verbiss als gut eingestuft«, weiß der erfahrene Jäger.

Er ist überzeugt: Wenn die Jagd stimmt, gibt es nur Sieger – Wald, Wild, Bauern, Jäger und Gesellschaft. Ratzesberger ist jetzt 66, in zwei Jahren will er sich zurückziehen. Geboren im Bayerischen Wald, aufgewachsen in einem Haushalt ohne Warmwasser, war er als Geschäftsführer einer großen Firma in Sachen Holz und Kunststoff weltweit unterwegs. Und doch sagt er über sich: »Ich bin ein Bauer.« Was von ihm einst bleiben wird? »Die Hecken.« Hannes Höfer