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Mehr Raum für den Ort mit Doppelfunktion

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Anhand vieler Informationen konnten sich die zahlreich erschienenen Besucher der Veranstaltung in die Materie vertiefen. Fotos: Anzeiger/kp
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Dr. Axel Drecoll, der fachliche Leiter der Dokumentation Obersalzberg, informierte über die geplante Erweiterung.

Berchtesgaden - Aufbruch am Obersalzberg: Die Dokumentation soll bis spätestens 2016 deutlich erweitert werden. Denn die Besucherzahlen sprengen alle Erwartungen. Dr. Axel Drecoll, fachlicher Leiter der Dokumentation, lud daher am Wochenende zu einem Informationstag über den aktuellen Planungsstand. Ziel der Veranstaltung ist unter anderem, Zeitzeugen zu gewinnen, die ihr Wissen mit den Fachleuten teilen.


Dass die Dokumentation auf dem Obersalzberg ausgebaut wird, ist so gut wie sicher: »Die Chancen sind sehr gut«, bestätigte Drecoll. Geplant ist laut Bauamt Traunstein, die derzeitige Nutzfläche von 650 auf 2 500 Quadratmeter zu vervierfachen. Die Besucherzahlen sprechen für sich: »Wir haben anfangs mit 35 000 Gästen gerechnet«, so Drecoll, »inzwischen kommen 160 000 pro Jahr«. Derzeit kann man den Menschenmassen kaum gerecht werden.

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Die Ausstellung gibt es seit 1999 - für eine Erweiterung liegen die Kostenschätzungen bei 14,3 Millionen Euro. In Zukunft wollen die Verantwortlichen vor allem die Bevölkerung mit einbeziehen. Nicht nur Zeitzeugen sind gern gesehene Besucher. »Wir möchten wissen, wie der Einzelne die Zeit miterlebt hat«. Auf der Suche nach Alltagsgegenständen ist man in der Dokumentation über jedes private Fundstück als Leihgabe dankbar.

Dass die Bildungsstätte inzwischen eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung genießt, dessen ist sich der fachliche Leiter sicher. »Der Obersalzberg ist in den letzten 13 Jahren nicht zum Wallfahrtsort geworden, einen Sensationstourismus gibt es bei uns nicht«. In einer internen Umfrage über die Beweggründe, um nach Berchtesgaden in den Urlaub zu kommen, antworteten 40 Prozent: »Wegen der Geschichte«.

Für Drecoll ist deshalb klar: Das Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus nimmt bei der jüngeren Generation deutlich zu. Allerdings sterben die Zeitzeugen nach und nach. Deshalb hat man sich in der Dokumentation dazu entschlossen, nicht nur mehr die Regimespitze zu beleuchten, also Hitler und dessen Schergen, sondern die mittlere und untere Hierarchieebene, darunter auch die gewöhnliche Berchtesgadener Bevölkerung zu dieser Zeit.

Die Orts- und Baugeschichte rund um das Führersperrgebiet soll weiterhin bedeutenden Raum einnehmen. Vor allem aber wird der historische Ort als solcher stärker in die Konzeption miteinbezogen werden. Jedoch: Nur noch wenig erinnert an das ehemalige Führersperrgebiet. Zahlreiche Sprengungen und Abtragungen haben in der Vergangenheit stattgefunden. Umso wichtiger sei es, so Drecoll, das, was noch da ist, zu bewahren. In Zukunft wird der Fokus auf zwei Hauptorte gelegt, ergänzt durch eine Touristeninformation.

Neben dem Berghofgelände, dem besondere historische Relevanz attestiert wird, soll das Kehlsteinhaus in das Konzept aufgenommen werden. Der Kehlstein wird ein Touristenort bleiben, aber eine neue Ausstellung dort soll historisch Relevantes präsentieren. »Einen endgültigen Plan haben wir selbst noch nicht«, gesteht Dr. Axel Drecoll. Was er aber weiß, ist, dass man am Obersalzberg, nun Lern- und Erinnerungsort, keinen Eindruck von »Faszination und Größe« erwecken wolle.

Einstige Einrichtungen, wie etwa die Theaterhalle, das Teehaus, der Platterhof oder das Kampfhäusl seien alltagsgeschichtlich zwar »nicht interessant«, so Drecoll, darüber hinaus sind die Bauwerke längst dem Boden gleichgemacht worden. Trotzdem wäre es seiner Ansicht nach durchaus sinnvoll, offensiver mit dem Entstehungskontext so manchen Gebäudes umzugehen. Dort, wo einst der Platterhof stand, ein »Symbol der Leistungsfähigkeit unter den Nazis«, befindet sich heute ein Parkplatz.

Dass der Obersalzberg ein Ort mit Doppelfunktion - ein Tourismus- und Erinnerungsort - ist und bleiben wird, müsse jedem klar sein. Ebenso kann das Informationsangebot trotz Erweiterungsmaßnahmen nicht überall am Berg erfüllt werden. Einen historischen »Lehrpfad« wolle man unter keinen Umständen umsetzen. Vielmehr wird es in der ausgebauten Dokumentation ein interaktives Modell geben. In diesem soll die Vorgeschichte zahlreicher Obersalzberg-Gebäude erzählt werden. kp