weather-image
22°

Menschenversteher

4.3
4.3
Bildtext einblenden
Hamed Erschad ist seit 19 Jahren in Deutschland. Er kam damals selbst als Flüchtling her. Heute übersetzt er für andere. (Foto: Pfeiffer)

Bad Reichenhall – Hamed Erschad war 16 Jahre alt, als er mit seiner Mutter und seinem Bruder aus Teheran im Iran nach Deutschland floh. 1998 war das.


Knapp 20 Jahre später spricht der studierte Maschinenbauer perfektes Deutsch und dolmetscht für jene, die der Sprache nicht mächtig sind. 2016 sei ein »heftiges Jahr« gewesen, sagt er. Arbeit gab es für ihn mehr als genug.

Anzeige

Hamed Erschad ist ein freundlicher Mann: »Tee oder Kaffee«, fragt er gleich beim Betreten der Wohnung. Er lebt in Bad Reichenhall, zusammen mit seiner Frau Mahtab Bolandpaz. Auch sie dolmetscht. Vergangenes Jahr hatten die beiden besonders viel zu tun. Damals kamen Tausende Flüchtlinge nach Deutschland. »Alle auf einen Schlag«, sagt er.

Die Ämter hatten damit zu kämpfen, den Ansturm zu bewältigen. Dolmetscher fehlten an allen Ecken und Enden. Und einen wie Hamed Erschad findet man nicht so schnell. Sein Deutsch ist geschliffen, zudem spricht er Persisch und Dari. In Afghanistan nutzt ein Großteil der Bevölkerung Dari, in der Nähe von Pakistan wird eher Paschtun gesprochen, »aber das verstehe auch ich nicht«, so Erschad. Iraner hingegen sprechen Persisch. Die Sprachen ähneln sich: »Dieselbe Sprache, aber ein anderer Akzent«, sagt er. »Das ist ein bisschen so, als würde man Hochdeutsch und Schweizerdeutsch miteinander vergleichen.«

Als Freiwillige unterstützten er und seine Frau die Caritas Berchtesgadener Land. Wenn Asylbewerber etwa zum Arzt mussten oder Fragen hatten, war Hamed Erschad zur Stelle. »Das wichtigste ist, dass man in einem neuen Land die Sprache lernt – so schnell als möglich«, sagt er. Als er vor 19 Jahren herkam, sprach er kein Wort Deutsch, wollte es aber lernen.

Hamed ist studierter Maschinenbauer. Er fand schnell Anschluss in der Gesellschaft. »Wenn man sich integrieren möchte, muss man eben Deutsch können.« Als er dann eine Anzeige des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in der Zeitung sah, war für ihn schnell klar, dass das was für ihn sein könnte. »Das Bundesamt hat damals nach Dolmetschern gesucht und ich habe mich bei ihnen gemeldet.« Er bewarb sich. »Es war ein langer Prozess«, erzählt der Dolmetscher. Verlangt wurden neben den Sprachkenntnissen auch ein polizeiliches Führungszeugnis und diverse Formulare. Im Juni war das, im Oktober erhielt er die Zusage.

Seine Aufgabe war klar definiert: Bis Ende 2016 sollten alle Antragsteller, die beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge registriert waren, »durchinterviewt« werden. Die Menge an Antragstellern war enorm. Hamed Erschad musste für die Interviews jeden Tag nach München fahren. Dann erfolgte ein erstes Abchecken zwischen dem zu Interviewenden und dem Dolmetscher. Dort wurde geklärt, ob man sich gegenseitig auch versteht. Dann begann die Arbeit: »Es ging darum, die Lebensgeschichte jedes Einzelnen zu dokumentieren.« Was man bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte, warum man geflohen war, wie die Flucht ablief. Natürlich sollten dabei auch Name und Geburtsdatum angegeben werden. Allerdings sei das ohne Ausweispapiere oft schwer, sagt der gebürtige Iraner.

»Wir hatten Tage, an denen wir von 8 in der Früh bis 20 Uhr abends dolmetschen mussten.« Bei dem einen ging es schneller, da dauerte das Interview nur eine Stunde, andere erzählten bis zu acht Stunden. Und Hamed Erschad musste immer zuhören. Ein Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration stellte die Fragen, er übersetzte, der Antragsteller musste antworten, Hamed Erschad machte sich Notizen, übersetzte die Antworten dem Amtsmitarbeiter, der sich ein Bild von der Lebensgeschichte des Einzelnen machen konnte. Vier bis fünf Antragsteller pro Tag waren die Regel. »Das war reinste Akkordarbeit«, sagt der Mittdreißiger heute. Jeden Tag acht bis zwölf Stunden.

Mittlerweile sei es deutlich ruhiger geworden, nachdem der Strom an Flüchtlingen abgebrochen ist und nur noch vergleichsweise wenig Menschen Zuflucht in Deutschland suchen. Er übersetzt wieder mehr im Regionalen, ist bei Vaterschaftsanerkennungen mit dabei oder begleitet Jugendliche, die mit ihrem Vormund einen Termin haben. Vor allem bei Narkoseerklärungen beim Arzt komme es immer wieder zu Momenten, in denen helle Aufregung herrsche, wenn der Dolmetscher gerade die möglichen Gefahren erklärt hat. »Als Übersetzer hat man eine schwierige Aufgabe«, sagt er.

Man müsse beide Seiten sinngemäß übersetzen, denn eine Wort-zu-Wort-Übersetzung sei nun mal nicht möglich. Erschad macht sich Notizen, denn diese können auch Beweismittel sein. »Für mich spielt das eine wichtige Rolle.« Es könne auch vorkommen, dass ein Interviewter am Ende nichts mehr davon wissen will, was er zuvor für das Protokoll wiedergegeben hat.

Außerdem hat der Dolmetscher immer sein Smartphone dabei, mit einer besonderen App, über die er Fachwörter auf Knopfdruck nachsehen kann. Demnächst hat der Wahl-Reichenhaller einen Termin in einer Justizvollzugsanstalt, zum Dolmetschen. Das Smartphone darf er nicht mitnehmen. Er weiß noch nicht, wie er da richtig arbeiten soll. Kilian Pfeiffer