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1800 Landwirte sind der Molkerei Berchtesgadener Land angeschlossen. Deren Kühe geben jeden Tag Milch, die verarbeitet werden muss. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Milchwerke wappnen sich mit Öl gegen Gaskrise

Berchtesgadener Land – Für den Notfall hat sich Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Molkerei Berchtesgadener Land, gerüstet: »Vergangene Woche haben wir 1.000.000 Liter Öl gekauft – für den worst case, und nur dann, falls wir auf Gas verzichten müssten.« Für die Milchproduktion ist Gas die Primärenergie. Öl wäre aber eine Alternative. Mit benötigten 25.000 Litern am Tag »könnte der Molkereibetrieb circa 45 bis 50 Tage lang aufrechterhalten werden«, weiß Pointner. 


»Wir haben einen Tankzug zum Öltransport gekauft«, erzählt er weiter. Zwei der hauseigenen Fahrer sind für den Gefahrguttransport geschult worden, zudem hat die Molkerei Verträge mit Raffinerien und Großhändlern geschlossen, um im Krisenfall gewappnet zu sein und garantiert mit Heizöl versorgt zu werden. Denn die Milchproduktion ist energieintensiv. Rund 4000 Kilowatt verbraucht der Betrieb in Piding jede Stunde.

Seit Monaten bereiten sich Geschäftsführung, Vorstand und Aufsichtsrat auf ein Szenario vor, das sich keiner wünscht: Wird Gas zur Mangelware oder der Hahn ganz zugedreht, bedeutete das für die Molkerei ein Horrorszenario. »Ohne Energieversorgung müssten wir auf die Stunde die Milchabholung einstellen, könnten Milch nicht mehr pasteurisieren und müssten unsere Tanks leeren«, sagt Pointner. Die 1800 der Molkerei angeschlossenen Landwirte zwischen Watzmann und Zugspitze würden aber weiterhin Milchnachschub liefern, der dann nicht mehr verarbeitet werden könnte. Der Molkereibetrieb erfasst täglich rund eine Million Kilogramm Milch. Das klingt viel, ist jedoch weniger als ein Prozent des deutschen Milchmarkts. 80 Prozent der Molkereien in Deutschland können ihre Anlagen ausschließlich mit Gas laufen lassen, heißt es aus Piding.

Bei einem Gaslieferstopp müsste die Molkerei die Verarbeitung komplett einstellen und würde in der weiteren Konsequenz auch keine Milch mehr bei den Landwirten abholen können. Die Lage sei »mehr als angespannt. Im Moment ist alles ein Wahnsinn. Wir sind die ganze Zeit dabei, Feuer zu löschen«, so der Geschäftsführer.

Seit Wochen bestimmt Krisenmanagement den Arbeitsalltag. Dort hofft man – wenn nötig – auf eine Gaspriorisierung. Zum einen, um die Milch der Landwirte abholen zu können, die in jedem Fall gemolken wird, zum anderen, um die Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln, also Milch und Milchprodukten, zu versorgen. Zur Verarbeitung der Milch war 2017 eine neue Energiezentrale in Betrieb genommen worden, die mittels Gasturbine Strom erzeugt.

Doch es gibt Alternativen: Schon sehr früh hatte man bei der Molkerei vorgesorgt und darauf geachtet, »nicht nur auf eine Energiequelle angewiesen zu sein«. Die Dampfkessel lassen sich sowohl mit Gas als auch mit Heizöl betreiben. Erst kürzlich wurde dieses Szenario getestet. Benötigt werden für eine Woche rund 150.000 Liter Heizöl. Eine Million Liter hat Pointner angekauft: »Die lagern nun im Hamburger Hafen als eiserne Reserve. Wir haben den Schlüssel für den Tank.« Bei Bedarf würde das Öl per Bahn nach Kiefersfelden transportiert und von dort mit dem eigenen Tankzug nach Piding gebracht.

Der Geschäftsführer geht davon aus, dass Öl zunächst weiterhin »relativ problemlos erhältlich sein wird«. Dennoch bereitet ihm die aktuelle Situation zunehmend Sorge. Hinzu kommt: Produkte herzustellen und abzufüllen, funktioniert nur, wenn auch genug Verpackungsmaterial, ausreichend Paletten, Glas, Desinfektions- und Reinigungsmittel vorrätig sind. Auch hier wurde so gut es geht vorgesorgt.

Weil der ganze Aufwand viel Geld kostet, hat die Molkerei bereits »moderate Preiserhöhungen vorgenommen«. Die Butter etwa kostet statt 2,49 nun 2,79 Euro. »Noch können wir einige Mehrkosten abfedern«, heißt es dazu. Perspektivisch sieht es anders aus: »In so einer Energiekrise braucht es irgendwann ein neues Preisniveau, das muss jedem bewusst sein.«

Kilian Pfeiffer