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Miniaturausgaben der Realität

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Bäume, Häuser und Figuren im Mini-Format: Die 37-jährige Architektin Tanja Kahlau hat sich auf den Modellbau spezialisiert und in Bischofswiesen ihre Werkstatt »Inskale« eröffnet. Foto: Anzeiger/Irlinger

Bischofswiesen - Ihre Welt ist klein. Figürchen so winzig wie ein Fingernagel, Bäume so niedrig wie ein Streichhölzchen, Häuser so kompakt wie eine Zigarettenschachtel. Maßstabsgetreu baut Tanja Kahlau Architekturmodelle und präsentiert damit potenziellen Bauherren ihre künftigen Häuser vorab in einer Miniwelt.


Die 37-jährige Architektin und gebürtige Schwäbin betreibt ihre Modellbau-Werkstatt »Inskale« seit knapp eineinhalb Jahren in Bischofswiesen. Den Weg in den Talkessel hat sie aber schon vor drei Jahren gefunden. »Mein Mann machte sich mit seinem Geschäftspartner hier selbstständig, so bin ich ihm im März 2010 von Tübingen nach Bischofswiesen gefolgt«, erzählt Tanja Kahlau gut gelaunt. Wie bereits im Schwabenland arbeitete Kahlau zunächst als angestellte Architektin. Mit einem befristen Vertrag in Freilassing. Das Ende ihres Arbeitsvertrages nutzte sie dann für einen Neuanfang: »Ich habe mich mit dem Modellbau selbstständig gemacht und neben den Büroräumen meines Mannes meine Werkstatt eröffnet.«

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Seitdem sägt, schleift, leimt und lackiert Tanja Kahlau an ihren Modellen. Einen Großauftrag für ein heimisches Firmengebäude konnte sie bereits erfolgreich abschließen.

Bekommt Tanja Kahlau einen Neuauftrag, stehen erst mal viele Gespräche mit den Bauherren an. Ist geklärt, ob es sich um ein fixes Präsentationsmodell oder veränderbares Arbeitsmodell handeln soll, macht sich die 37-Jährige an die Arbeit. »Sämtliche Pläne müssen auf das Modell umgerechnet werden, entweder per Computerzeichenprogramm oder ganz herkömmlich mit Taschenrechner«, schmunzelt die Architektin. Dann geht es an die Auswahl der Materialien: Kunststoff, Pappe, Styropor, Holz. Steht dies fest, werden die winzigen Teile zugeschnitten, geschliffen, gelötet, geklebt, lackiert. Dabei geht die Architektin vollkommen konventionell wie ein Handwerker vor. Nur eben mit kleiner Gerätschaft. »Alles, was die Schreiner in groß haben, ist bei mir klein.« Logisch, für ein kleines Haus braucht man eben auch nur eine Mini-Kreissäge und Mini-Stichsäge.

»Die Einzelteile sind alle sehr filigran, man muss sie behandeln wie ein rohes Ei«, so Kahlau, »und zudem habe ich ja auch nicht gerade viel Klebefläche.« Voraussetzung für den Modellbau ist eine absolut ruhige Hand, trotzdem rechnet die 37-Jährige immer damit, dass ihre Finger mal leicht zu zittern beginnen und arbeitet mit Hilfsmitteln wie Pinzetten.

Ist der Rohbau samt Staubarbeit fertig, geht es an die Feinarbeit. Es wird alles gereinigt und zusammengefügt. Und dann folgt für Tanja Kahlau der schönste Moment des ganzen Projekts. »Ganz zum Schluss setze ich die Menschenfigürchen rein und das Modell bekommt einen Lebenshauch.« Bastelarbeiten haben seit ihrer Kindheit eine Faszination auf die Schwäbin ausgeübt, so kamen ihr die Modellbau-Seminare in ihrem Architekturstudium gerade recht. »Ich habe mich mit Freude intensiv damit beschäftigt.« Für die Architektin ist der Modellbau eine wunderbare Möglichkeit, alles zu überblicken und den Charme des Objekts zu präsentieren. »Die Vogelperspektive macht für mich den besonderen Reiz aus, es ist quasi eine Miniaturausgabe der Realität.«

Wie zerbrechlich die Miniwelten sind, hat Kahlau bereits schmerzlich erfahren. Für ihr Studium fertigte sie ein Präsentationsmodell an, bei der Abgabe passierte dann für einen Modellbauer die wohl größte Katastrophe. »Ich bin mit dem Objekt an einer Treppe hängen geblieben und wochenlange Arbeit war zerstört«, erinnert sie sich, »es war ein absolutes Fiasko und das schlimmste Erlebnis in meiner Modellbaukarriere.«

Aus diesem Fehler hat die 37-Jährige gelernt. »Meine Modelle transportiere ich nur noch mit höchster Achtsamkeit.« Muss das architektonische Miniwerk eine längere Reise antreten, baut sie sogar extra eine Transportkiste dafür.

Neben dem Modellbau und den Zeichenarbeiten arbeitet Tanja Kahlau in ihrer Werkstatt an der Verwirklichung eines Kindheitstraumes: der Entwurf eines Design-Puppenhauses für Kinder in größerem Maßstab. »Ich möchte weg von den alten Sammlerobjekten und ein neues, modernes Puppenhaus kreieren.« Dafür hantiert die Wahl-Bischofswieserin im Moment an einem Prototypen, anhand dessen sie verschiedene Modelle ausprobiert. Und auch im Druck von 3D-Objekten aus Kunststoff sieht Kahlau eine persönliche Herausforderung: »Die Architektur ist sehr komplex, Darstellungen ändern sich permanent. Man muss einfach mit der Zeit gehen, ansonsten verhungert man auf halber Strecke.« Caroline Irlinger