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Mit dem Pferd vor der Haustür

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Weil er ein Pferd in einer Nacht- und Nebelaktion entführt hatte, stand ein 51-jähriger Reichenhaller vor dem Amtsgericht. (Foto: Höfer)

Bischofswiesen/Laufen – Nicht sie habe das Pferd ausgesucht, erzählte die 47-jährige Frau im Laufener Gerichtssaal, vielmehr sei die Haflingerstute direkt auf sie zugekommen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Das Reichenhaller Ehepaar aber konnte sich das Tier auf Dauer nicht leisten und blieb einem Bischofswieser Pferdehof einiges an Geld schuldig. Bis das Tier schließlich in den Besitz des Reiterhofes überging. Wer sich damit nicht abfinden wollte, war der 51-jährige Ehemann der Frau. In einer Januarnacht um vier Uhr früh nahm er das Tier mit und führte es von Bischofswiesen zur Wohnung nach Bad Reichenhall. Diebstahl lautete die Anklage gegen das Ehepaar vor dem Laufener Amtsgericht. Die Frau wurde freigesprochen, der Täter kam trotz seines Vorstrafen-Registers noch einmal mit Bewährung davon.


»Ich wollte gar kein Pferd«, betonte der arbeitslose Reichenhaller gleich zu Beginn, »aber dann hatte ich den Stress.« Aufgrund einiger Vorkommnisse hatte man gegen die Frau vonseiten des Reiterhofes ein Betretungsverbot ausgesprochen, mit der Folge, dass die Frau die Haflingerstute formal ihrem Mann überschrieb. Die Miete an den Reiterhof blieb der Arbeitslose jedoch weitgehend schuldig.

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»Ich habe ihm mehrfach gesagt, es geht so nicht«, schilderte die 51-jährige Besitzerin des Reiterhofes ihre Geduld mit dem Mann, und sie habe den Reichenhaller ermuntert mit den Worten: »Wir finden eine Lösung.«

Die Lösung bestand schließlich in einer Frist. Am 12. Dezember 2014 unterschrieben der Angeklagte und die Hofbesitzerin einen Vertrag, der besagte, dass, sollte der Mann die geschuldeten 1 200 Euro bis zum 1. Januar 2015 nicht bezahlen, das Pferd in den Besitz des Hofes übergehe.

Es kam weder das Geld, noch reagierte der Reichenhaller auf Nachrichten. »Irgendwann ist Schluss mit lustig«, sagte die Hofbesitzerin, worauf sie auch dem Mann ein Grundstücksverbot aussprach.

»Hatte meine Frau im G'nack«

»Warum haben Sie denn das Pferd nicht verkauft?«, wunderte sich Staatsanwalt Dr. Christian Liegl. »Ich hatte ja meine Frau im G'nack«, erklärte der Angeklagte. Die wusste auch nichts von dieser Vereinbarung, wonach das Pferd in den Besitz des Reiterhofes übergegangen war.

Und so schritt der 51-Jährige am frühen Morgen des 14. Januar zur Tat. Mit dem Taxi war er nach Bischofswiesen gefahren, hatte das Pferd aus dem Stall geholt und war mit dem Haflinger nach Reichenhall zur Wohnung marschiert. Dort läutete er seine Frau heraus. »Du bist doch nicht ganz dicht«, soll die frühmorgens zu ihm gesagt haben, ohne zu wissen, dass das Tier gar nicht mehr dem Paar gehörte.

»Ich habe das Tier ja auch lieb gewonnen«, beteuerte der Mann und fügte hinzu, »i mag’s lieber als meine Frau.« – »Mir ist auch das Ross lieber«, konterte die, trotzdem sei man glücklich zusammen. Das Tier hatte das Pärchen daraufhin vorübergehend bei einem Hof nahe Reichenhall eingestellt, wo es von der neuen Besitzerin und von der Polizei rasch ausfindig gemacht wurde. Inzwischen ist die Haflingerstute verkauft.

Weiteres Betrugsverfahren

Richter Thomas Hippler verwies auf ein weiteres Betrugsverfahren, dass gegen den Mann bei der Staatsanwaltschaft anhängig sei. Noch in der Zeit, als er die Pferdemiete nicht mehr bezahlen konnte, soll er Delikatessen im Wert von 140 Euro bestellt haben. Und nicht bezahlt. Das Vorstrafenregister des 51-Jährigen reicht bis ins Jahr 1980 zurück und weist 23 Einträge auf: Bedrohung, Raub, Betrug und Körperverletzung finden sich dort ebenso wie Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Widerstand gegen Beamte. Mehrfach war der Mann hinter Gittern gesessen.

Aber auch die Frau ist kein unbeschriebenes Blatt. Dreimal wegen Betrugs verurteilt, hatte sie eine falsche Versicherung an Eides statt abgegeben und Daten gefälscht. Eine Beteiligung der Frau an »dieser Nacht- und Nebelaktion« aber sei nicht nachzuweisen, fasste Liegl die Beweisaufnahme zusammen, im Zweifel sei sie daher freizusprechen. Der Mann aber für ein Jahr einzusperren. Bewährung wollte der Staatsanwalt dem Angeklagten nicht mehr zugestehen, habe der sich doch vorangegangene Strafen nicht zur Warnung dienen lassen.

Die letzte Tat liege freilich sechs Jahre zurück, relativierte Verteidiger Hans-Jörg Schwarzer das Vorleben seines Mandanten. Der Anwalt wollte hier die »besonderen Umstände des Einzelfalles« berücksichtigt sehen, die sich in ihrem Unrechtsgehalt doch vom »klassischen Diebstahl« unterschieden. Schwarzer bat das Gericht, »beide Augen und das Hühnerauge« zuzudrücken und noch einmal Bewährung einzuräumen.

Das »Schlusswort« des Mannes übertraf die Plädoyers an Umfang bei weitem, er schilderte wie er ohne Elternhaus aufgewachsen sei, wie ihm »Weiber« alles kaputt gemacht hätten und wie traurig es doch sei, wenn wegen des Geldes so viel kaputt gehe. »Ich finde bald wieder Arbeit«, gab sich der Mann kämpferisch und versicherte: »Ich bleib’ wie ich bin.« Was Richter Hippler mit den Worten kommentierte: »Hoffentlich nicht.«

»Ich kriege meinen Mann schon in den Griff«, versprach die Frau, »damit der keinen Blödsinn mehr macht.« Hippler sprach die 47-Jährige vom Vorwurf des Diebstahls frei, den Ehemann verurteilte er zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten. Aufgrund der »besonderen Umstände und der emotionalen Bindung zum Pferd« mochte der Richter dem Mann »unter Zurückstellung größtmöglicher Bedenken« noch einmal eine fünfjährige Bewährungszeit einräumen. Die »erheblichen Verfahrenskosten« seien zudem ein ausreichender »Denkzettel.« Das Urteil wurde noch im Gerichtssaal rechtskräftig. Hannes Höfer