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Mit den Fingern auf dem Watzmann

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Ingrid Lischke vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund ertastet die Mankein. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – Eine Gruppe von Blinden und Sehbehinderten und ihre Angehörigen haben das »Haus der Berge« besucht. Und dabei das neu eingerichtete Blindenleitsystem getestet. Anlässlich der Woche des Sehens hatte Marie-Therese Roozen von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Berchtesgadener Land zusammen mit dem Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund diesen Besuch organisiert.


Wo liegt der Watzmann und wie fügt sich der Königssee in die Berge ein? Anhand des großen Reliefs im Foyer konnten die Blinden und Sehbehinderten die Berchtesgadener Landschaft ertasten. Im wahrsten Sinne des Wortes wurde die Bergwelt begreifbar. Durch die Ausstellung geführt wurden die 15 Blinden und Sehbehinderten von Nationalpark-Ranger Christian Grassl und Ann-Kathrin Helbig vom Informations- und Führungsdienstes des Hauses.

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Nur das Eintrittskartensystem erwies sich als schwierig, da für Blinde nicht klar wird, wo genau man den Barcode des Tickets über den Scanner führen muss. Doch danach wird es dank des neuen Bodenleitsystems einfacher. Mithilfe eines Blindenstocks können die Bodenmarkierungen erfühlt werden. Die erhabenen Streifen und Punkte zeigen den Weg an und führen von einem Bereich zum nächsten. Das neue Leitsystem hilft, sicher durch die Ausstellungsräume zu gelangen. Schon bei der Konzeption des Hauses war der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund involviert. So konnte auf die speziellen Anforderungen an eine blindengerechte Ausstellung Rücksicht genommen werden.

Denn vieles kann tastend erlebt werden. An den kleinen Landschaftsmodellen konnten die Sehbehinderten beispielsweise mit ihren Fingern über den Watzmann mit seinem Grat streichen und die Lage des Königssees erfühlen. Grassl und Helbig erklärten die Ausstellungsstücke und gaben bei der Führung genug Zeit, bis jeder alles mit den Fingern »gesehen« hatte.

Beeindruckt war die Gruppe von den ausgestopften Tieren. Es war eine gute Erfahrung, die beschriebenen Tiere mit ihren Merkmalen wie Fell, Schnauze, Hufen oder Krallen anfassen und damit erfassen zu können. Aber auch die Mankein wurden intensiv betastet, was in freier Wildbahn nicht möglich ist. Ranger Christian Grassl hatte eine Feder von den mächtigen Schwingen des Steinadlers mitgebracht, mit der er das Auftriebsprinzip des Adlerfluges erklärte. Großes Interesse weckte die ausgestopfte Kuh vor der Almhütte. »Sonst stehen die Kühe nie so still, wenn man sie betastet«, sagte einer der Teilnehmer.

Die an die Jahreszeiten angepassten Naturgeräusche im Ausstellungsraum bieten ein Hörerlebnis, das die Tasterfahrungen ergänzt. Der Geruchssinn ist in der Abteilung mit den Alpenkräutern gefragt. Die intensiven Düfte von Wiesenkümmel, Alpenthymian und Wildem Majoran können von Blinden wie Sehenden gleichermaßen gerochen werden. Das »Haus der Berge« ist eben nicht nur auf den Sehsinn hin ausgerichtet.

Selbst den Jahreszeitenfilm auf der großen Leinwand konnten die Führungsteilnehmer dank entsprechender Kommentare von Ann-Kathrin Helbig erleben. Auch hier waren es die Naturgeräusche, die eine Erfahrung ermöglichten. Die durchgängige Beschriftung in Braille-Schrift lobte ein Teilnehmer, allerdings wäre das nicht unbedingt erforderlich. »Die meisten Blinden sind erst später erblindet, können also eine erhabene normale Schrift leicht lesen. Braille hat eher im privaten Bereich Nutzen.«

Abschließend zeigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr angetan von der Ausstellung. »Der Nationalpark hat sich bemüht, schon beim Konzept des Hauses der Berge von unseren Bedürfnissen auszugehen. Es ist ein guter Schritt zur Inklusion«, freute sich Ingrid Lischke, die im Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund für den Landkreis zuständig ist. »Die Ausstellung ist sehr gut gemacht. Es gibt auch für Blinde tolle Eindrücke zu erleben.« Lischke selbst war zum Beispiel von der Größe des Rothirsches erstaunt. Sie hatte den Nationalpark im Vorfeld beraten, damit dieser auf die speziellen Bedürfnisse von Blinden und Sehbehinderten eingehen konnte. Christoph Merker