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Musik wie ein rollender Ball

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Südländischen Flair brachten die CubaBoarischen am Freitagabend in das Kongresshaus Berchtesgaden. Foto: Anzeiger/Schüssler

Berchtesgaden – Stimmungsvolle Bilder, unterlegt mit passender Musik, sind auf der Leinwand im Bühnenhintergrund zu sehen: Sonne, Strand und kubanische Schönheiten bringen südländisches Flair ins Berchtesgadener Kongresshaus. Dann taucht auf einmal auf einer Straße irgendwo in Kuba eine Gruppe Bayern in Lederhosen mit ihren Instrumenten auf, und die Musik wechselt abrupt vom Kubanischen ins Bayerische. Jetzt ziehen die CubaBoarischen von hinten in den Saal ein und haben mit diesem Einstieg schon den ersten Treffer gelandet. Ihre aktuelle Tournee »Cuba – bei uns dahoam« machte am Freitagabend in Berchtesgaden Station.


Beim Opener »Mia spien Cubanisch« werden Instrumentierung und Rhythmus dann wieder eher cubanisch als bayerisch, textlich bleibt es erst einmal beim Bairischen und die Bandmitglieder werden im Laufe des Liedes einzeln vorgestellt. Und im Lauf der folgenden kubanischen Instrumentalnummer lassen sie gleich mal ihr musikalisches Können aufblitzen, für Trompeten- und Saxofonsoli gibt es ersten Szenenapplaus. Vor allem Hans Förg glänzt im Laufe des Abends immer wieder als Solist. Die Spielfreude ist zu sehen und die Stimmung im ausverkauften Saal von Anfang an da, sodass bald nicht mehr klar ist, von wem der Funke hier auf wen überspringt.

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Um die Lebensfreude geht es dann in »Mondscheinbriada«: Als solche bezeichnen sich die Musiker, weil sie »in da Friah erst hoamgeh dan«. Das ist natürlich ein Musikantenklischee, das sich in der Realität schlecht mit dem Profimusikerdasein verträgt. Das Konzert in Berchtesgaden beispielsweise war das erste von dreien an einem Wochenende. Wenn er schnell sei, gehe sich vielleicht ein Weißbier aus, meint Bandchef Hubert Meixner deshalb nach dem Konzert, aber das sei ein Risiko, denn neulich hätten ihn seine Kollegen bei der Abfahrt fast vergessen.

Mit der »Auf geht's Buam«-Polka geht es bairisch weiter, »de Hebamm' is scho wieda zum zoin« wird der Kindersegen besungen. Viel tiefsinniger wird es textlich leider nicht, aber das Lied dient, so Meixner ans Publikum, auch nur zur Überbrückung, bis die erwartete Verstärkung aus Kuba eintrifft. Als diese nach der Polka weiter auf sich warten lässt, versucht er es mit einer Liveschaltung: Über die Leinwand können die Zuschauer das Gespräch mitverfolgen und kurz darauf marschieren die vier Kubaner der Gruppe »Nueva Imagen« auf die Bühne und die CubaBoarischen räumen erst mal das Feld.

Die Musik wird jetzt richtig kubanisch, aber einen Bruch gibt es nicht. Meixner erzählt zwar im Gespräch, er hätte anfangs Bedenken gehabt, wie sich die Kubaner auf einer großen Bühne zurechtfinden würden, da sie in ihrer Heimat normalerweise in kleinerem Rahmen spielten, aber diese Bedenken hätten sich schnell zerstreut. Wenn man sie auf der Bühne sieht, weiß man auch warum: Vor allem Frontmann Carlos ist ein echtes Bühnentier und sucht immer wieder die Interaktion mit dem Publikum. Zwischendurch wissen sie auch mit ruhigeren Tönen, einem melancholischen Liebeslied, zu überzeugen, bevor Förg mit einem starken Solo vor der Bühne den erneuten Musikerwechsel einleitet.

Die beiden befreundeten Gruppen sind noch bis Mitte März gemeinsam auf Tour, spielen teils abwechselnd, teils gemeinsam, und es ist eine »befruchtende Liaison«, wie Meixner nach dem Konzert erzählt. Deutsche Musik sei eher wie ein Würfel, fasst er den Unterschied in ein treffendes Bild, kubanische wie ein rollender Ball. Durch das inspirierende Zusammenspiel mit den Kubanern ändere sich auch ihre eigene Musik im Laufe der Tour. Andererseits sind sie selbst mindestens einmal im Jahr auf Kuba und arbeiten dort an einer kleinen bayerischen »Volksmusikszene«. Die vier Musiker von »Nueva Imagen« haben sie jedenfalls schon ein bisschen angesteckt, wie die Kubaner bei einem gemeinsam gespielten bayerischen Lied unter Beweis stellen, bevor Meixner das Publikum in die »fünf Minuten pro Mann« lange Pause entlässt.

Mit frischen Kräften geht es in gemischter Besetzung weiter, und Leo Meixner, der als Sohn des Chefs die kubanische Musik sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hat und musikalisch gesehen wohl der kubanischste Bayer in der Gruppe ist, gibt ein Solo auf einem urbayerischen Instrument zum Besten: einem Alphorn. So automatisch wie bei Leo fließe das Kubanische bei ihm nicht, gibt Hubert Meixner im Gespräch zu, aus dessen Feder Musik und Text der CubaBoarischen kommen. Bei ihm sei das schon mehr mit Denken verbunden und er sei froh, dass er immer nach zwei Seiten fertig sei – länger darf ein Lied der CubaBoarischen nicht sein, damit noch genügend Platz zum Improvisieren bleibt. Aus Improvisationen könnten auch Ideen für neue Lieder entstehen, die besten Ideen habe er, so Meixner, aber in stillen Momenten, etwa beim Spazierengehen.

Eine seiner besten Ideen war sicherlich die folgende Nummer mit einem kubanischen und einem bayerischen Sänger über einen Bauernbuam aus dem Oberland und einen Medizinstudenten aus Buenos Aires, die beide – der eine von vorn, der andere von hinten – feige erschossen wurden; es ist nicht schwer zu erraten, um wen es sich handelt: »Der Wildschütz Jennerwein« geht über in ein spanischsprachiges Lied über Revolutionsheld Che Guevara. Gerade bei den bayerischen Liedern ist einiges nicht selbst komponiert, sondern beim populären Repertoire geklaut, aber Kubanisches und Bayerisches fließen gekonnt ineinander.

Die Kubaner zeigen nun, dass auch sie den Einsatz von Löffeln als Rhythmusinstrument beherrschen, bevor es ein kubanisches Liebesduett nur mit Gitarrenbegleitung gibt. In »La vida es un carneval« wird das Leben gefeiert und in »Swing« geht es um Frauen mit »Schwung in den Hüften« – die beiden Kubanerinnen auf der Bühne geben Anschauungsunterricht. Bei »Guantanamera« klatschen fast alle mit, und Leo nutzt die angeheizte Stimmung, um das Publikum anschließend auch noch zum Singen zu animieren, bevor Meixner nach rund zwei Stunden Programm das Ende ankündigt – Begründung: Sie müssten ja alle zum Stallgehen aufstehen.

Davor gibt es aber noch einen schwungvollen Rausschmeißer, Förg brilliert noch einmal ausgiebig, bevor die Nummer in den bayerischen Defiliermarsch übergeht. Aber natürlich ist der Schluss nur ein scheinbarer, und bei der folgenden Zugabe gehen bayerisches und kubanisches Liedgut noch schneller ineinander über als zuvor. So wird aus einem kubanischen Anfang »Hans bleib do«, und auf einen weiteren kubanischen Teil folgt nahtlos »Heit gibt's a Rehragout«, während die Kubaner erst vor, dann auf der Bühne tanzen. Auf der Leinwand im Hintergrund geht schließlich – irgendwo an einem Strand auf Kuba – die Sonne unter, und eine ruhige »Feuerzeugnummer« rundet den bayerisch-kubanischen Abend ab. Markus Schüssler