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Nicht mehr auf Kante genäht

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»Sang Sangai Nepal«-Präsidentin Khadka und Gründungsmitglied Sumit Kharel besuchen eine der Familien, die durch die Weihnachtsaktion 2015 eine Nähmaschine erhalten hat. (Foto: Sang Sangai Nepal)

Bischofswiesen – Seit fast eineinhalb Jahren gibt es den Verein »Sang Sangai – Gemeinsam für Nepal« mit Sitz in Bischofswiesen. Neben Patenschaften für nepalesische Kinder und Nothilfeprojekten nach dem verheerenden Erdbeben im Frühjahr 2015 unterstützte der Verein im vergangenen Jahr durch eine wirksame Weihnachtsaktion den Kampf nepalesischer Familien gegen die Armut. Auch in der diesjährigen Adventszeit wird gesammelt.


Der Klingelton ist die Titelmelodie des neuesten Bollywood-Films. Durga Khadka, 26 Jahre jung, schwarze, glatte Haare, sitzt in ihrem gelben Sari auf dem Boden des kleinen Büroraums und blickt auf das Display. »Unbekannte Nummer« steht dort auf Deutsch. Das Handy kommt aus Deutschland und wurde beim letzten Aufruf gespendet. Irgendwie funktioniert es nicht, das Sprachmenü auf Englisch umzustellen. Das interessiert Khadka wenig. Hauptsache, sie kann das Gerät zum Telefonieren für ihre Arbeit nutzen. Die junge Frau ist Präsidentin von »Sang Sangai Nepal«, eine bei den nepalesischen Behörden registrierte gemeinnützige Organisation. »Sang Sangai Nepal« ist die Schwester des in Deutschland eingetragenen Vereins »Sang Sangai«. Seit fast einem Jahr leitet Khadka ein Team aus sieben freiwilligen nepalesischen Helfern, das gemeinsam mit den aktiven Mitgliedern aus Europa Projekte auf die Beine stellt und Patenschaften betreut.

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»Hier spricht Nirmala. Eine der Nähmaschinen-Frauen.« Khadka weiß gleich Bescheid. Im November 2015 hat der Vorstand von »Sang Sangai« einen Spendenaufruf zu Weihnachten in Deutschland, Österreich und der Schweiz gestartet. »Mit 150 Euro können Sie das Leben einer nepalesischen Familie verändern«, hieß es damals. Die Idee war, mit dem Geld Nähmaschinen zu kaufen und sie an Frauen aus armen Verhältnissen zu verteilen. Mit dem Nähen sollten sich die Frauen etwas dazu verdienen und damit ihre Haushaltskassen aufbessern können. Die Hoffnung war, dass dadurch manchmal wertvolles Fleisch auf den Tisch der Familien kommt, ein kleines Sparschwein für die nächste medizinische Behandlung angeschafft wird oder sogar das Schulgeld für ein Kind herausspringt. Die Weihnachtsaktion war für den jungen Verein ein voller Erfolg: 20 Nähmaschinen konnten bei einem Händler in Kathmandu gekauft und im Frühjahr an ausgewählte Frauen verteilt werden.

»Ich bin schwanger, mein zweites Kind«, erzählt Nirmala am Telefon. Während der Schwangerschaft und den ersten Monaten nach der Geburt werde sie die Nähmaschine kaum nutzen können. »Ich will nicht, dass sie nutzlos herumsteht. Holt die Maschine doch ab und gebt sie einer anderen Frau«, schlägt Nirmala vor. Ajit Laxman Dhakal, Vereinsvorsitzender von »Sang Sangai«, gebürtiger Nepalese mit Wahlheimat Bischofswiesen, freut sich sehr, als er davon erfährt: »Ich finde es beeindruckend, wie sehr die Frauen diese Nähmaschinen wertschätzen. Wir haben mit unserer Aktion den richtigen Riecher gehabt.«

Maschinen täglich im Einsatz

Tatsächlich befinden sich alle 20 Nähmaschinen nach wie vor im Besitz der Familien und werden täglich benutzt. Da ist Parbati, deren Mann arbeitslos geworden ist. Die 17-jährige Reeta, deren Mutter gestorben ist und deren Vater wegen schweren Alkoholproblemen nicht für ihre jüngeren Geschwister sorgen kann. Samjhana, die neben vier Kindern auch noch ihre kranken Eltern versorgt. Oder Chandra Kumari, die von ihrer Familie auf dem Dorf verstoßen wurde und nun versuchen muss, in der Stadt alleine klar zu kommen. Wenn sie sich anstrengen, können sie mit Reparatur- und Änderungsarbeiten und der Produktion von einfachen Kleidungsstücken ungefähr 3 500 nepalesische Rupees im Monat verdienen – umgerechnet etwas mehr als 30 Euro. Wer wirklich hart arbeitet und vielleicht Unterstützung einer Tochter oder Tante hat, kommt auf ungefähr das Doppelte. Das sind Beträge, die das Leben in Nepal durchaus leichter machen können.

Uma Devi, 31 Jahre alt, mit schwerem, schwarzem Zopf auf dem Rücken, tut sich aus den 20 Erfolgsgeschichten besonders hervor. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrer achtjährigen Tochter und ihrem vierjährigem Sohn in einer winzigen Mietswohnung in Mandikhatar, am nördlichen Stadtrand von Kathmandu. Umas Mann Pradeep arbeitet als Taxifahrer und hat nur ein kleines und unregelmäßiges Einkommen. Umas Eltern leben in ihrem Heimatdorf im Distrikt Kavre, der direkt an das Kathmandu-Tal angrenzt. Beide sind krank und die Familie muss alles Geld zusammenlegen und ins Dorf schicken, um die beiden Alten zu versorgen. Jeden Monat war es aufs Neue auf Kante genäht, ob die Familie das Schulgeld für Tochter Sansya zusammenkratzen konnte. Ein lecker Kochtopf oder ein kaputter Schuh brachte die Familie schon in große Schwierigkeiten.

Seit einigen Monaten hat sich vieles verändert. Uma Devi hat ihren beiden Schwägerinnen Sangeeta und Sabina so lange gut zugeredet, bis sie überzeugt waren: Die drei Frauen haben fast Tag und Nacht gearbeitet und mit ihrem Nähen so viel Geld verdient, dass ihnen die Bank einen Kredit gewährte. Damit konnten sie eine zweite Nähmaschine kaufen und ein kleines Geschäft aufmachen. Sangeeta macht gerade eine Ausbildung, um schwierige und ausgefeilte Designs zeichnen und nähen zu können.

Finanzierung von Fortbildungen

Vereinsvorsitzender Dhakal hat bereits eine Idee für die »Sang Sangai«-Weihnachtsaktion: »Um dieses Projekt nachhaltig weiterführen zu können, müssen wir die Frauen fortbilden.« Alle Frauen können einfache Kleidungsstücke reparieren, ändern und neu anfertigen. Aber schwierigere Sachen, wie Kleidung selbst zu entwerfen oder Herrenanzüge zu schneidern – das wollen sie lernen. Nun sollen Chandra Kumari, Parbati, Reeta und die anderen an einem 30-tägigen Kurs für fortgeschrittenes Nähen und Schneidern am Council for Technical Education and Vocational Training, der staatlichen Einrichtung für Berufsausbildung in Kathmandu, teilnehmen. Damit sich die Frauen den Bus zum Institut leisten können und auch ein bisschen Taschengeld für das Mittagessen außer Haus haben, möchte »Sang Sangai« etwas drauf legen.

»Vielleicht kann ich das Baby mit zur Ausbildung nehmen. Wenn ich das alles lerne, kann ich das Doppelte verdienen«, überlegt Nirmala am Telefon. Präsidentin Khadka nickt. Sie freut sich darauf, diese engagierten Frauen mit ihrem Team und der Unterstützung aus Europa weiter zu unterstützen. Claudia Schülein