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Obersalzberger Geschichten

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Dr. Axel Drecoll (l.) und Albert Feiber möchten den Obersalzberg in den Mittelpunkt der künftigen Dauerausstellung rücken.
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Die Dokumentation Obersalzberg wird für 17 Millionen Euro erweitert. Ein vierköpfiges Team beschäftigt sich mit dem Ausstellungskonzept. (Fotos: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Die Bedeutung des Obersalzbergs wird in den Mittelpunkt der neuen Dauerausstellung der Dokumentation Obersalzberg rücken. Das erfuhr der »Berchtesgadener Anzeiger« bei einem Exklusivgespräch mit dem Fachlichen Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Dr. Axel Drecoll, und dessen Stellvertreter, Albert Feiber. Nach aktuellem Planungsstand soll der Neubau im Herbst 2018 vollendet werden.


Wenn Dr. Axel Drecoll und Albert Feiber über die neue Ausstellung sprechen, liegt der Eifer, mit dem sie bei der Sache sind, spürbar in der Luft. Bereits 2006 sei klar gewesen, dass man die Ausstellung in der Dokumentation Obersalzberg aktualisieren müsse. Seit 2013 dann, als bekannt geworden war, dass die Dokumentation – aufgrund steigender Besucherzahlen und extrem beengter Verhältnisse – erweitert werden soll, befassten sich die Wissenschaftler mit der Konzeption einer neuen Dauerausstellung. Diese wird künftig im neuen Gebäude im Berghang umgesetzt werden und liegt der aktuellen Einrichtung direkt gegenüber. 17 Millionen Euro sollen dort investiert werden. Ob diese Bausumme eingehalten werden kann, darüber streiten Experten bisweilen. Fakt ist zum jetzigen Zeitpunkt, dass es im nächsten Jahr mit dem Spatenstich losgehen wird.

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Abseits der Bauplanungen beschäftigt sich ein kleines, vierköpfiges Team mit der künftigen Dauerausstellung, die allein des Platzes wegen die aktuelle Ausstellung flächenmäßig deutlich übertrumpfen wird. Auf 800 Quadratmetern soll das Konzept des Teams, das sich aus Mitarbeitern des »Instituts für Zeitgeschichte« (IfZ) zusammensetzt, verwirklicht werden. Die aktuelle Dauerausstellung findet auf 300 Quadratmetern statt.

Derzeit verbringt das vierköpfige Team viel Zeit damit, über das neue Konzept zu sprechen, Vermittlungsziele aufzustellen, Feingliederungen vorzunehmen und Akten zu sichten. Vor allem Letzteres erfordert viel Zeit und Aufwand. So fliegt Axel Drecoll demnächst nach Washington, um in den »National Archives« nach Unterlagen Ausschau zu halten, die sich mit dem Obersalzberg beschäftigen. Dokumente, Fotos, Filmaufnahmen: Laut Drecoll gibt es zahlreiche Materialien, die von wesentlichem Interesse für die Obersalzberg-Wissenschaftler sind. In Moskau ist das Team bereits auf Material gestoßen, darüber hinaus in Berlin, in mehreren Archiven wurde gesucht. »Die nächsten Jahre sind wir gut beschäftigt«, sagt Kurator Albert Feiber.

Der Obersalzberg als zweiter Regierungssitz Adolf Hitlers rückt in der neuen Dauerausstellung in den Mittelpunkt. Der Anspruch der Wissenschaftler: Die NS-Geschichte ausgehend vom Obersalzberg aus erfahr- und erklärbar zu machen und die Bedeutung des Ortes für das Regime darzustellen. Auf dem Obersalzberg sind historische Entscheidungen gefallen, Befehle erlassen worden. Vor schöner Kulisse wurde hier über die Ermordung unzähliger Menschen verhandelt. Entscheidungen mit globaler Dimension wurden getroffen. »Vom Bergdorf zum Führersperrbezirk«, fasst Feiber griffig zusammen.

»Den Ortsbezug wollen wir den Besuchern in der neuen Ausstellung deutlich machen«, sagt Dr. Axel Drecoll. Mit Hilfe von Texten und Bildern möchten die Ausstellungskuratoren arbeiten, geeignete Dokumente verwenden und auch auf Originalobjekte zurückgreifen. Wenn denn diese zur Verfügung gestellt werden. Denn so einfach ist es nicht. Das Team des »Instituts für Zeitgeschichte« befindet sich aktuell in Verhandlungen über Objekt-Leihstellungen, denen später in der Ausstellung besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden könnte.

Auch wenn alles ausgehend vom Obersalzberg angeordnet ist, wird es mehrere Hauptthemenbereiche geben, die abgehandelt werden sollen. Die Volksgemeinschaft wird ein wesentlicher Themenkomplex sein, dem sich die Ausstellung inhaltlich widmet. Außenpolitik, Krieg und Holocaust, Nachkriegsgeschichte und Propaganda sind weitere Bereiche, die konzeptionell eingearbeitet werden und schließlich das große Ganze ergeben sollen.

Der »schöne Schein« samt der propagandistischen Inszenierung stehen in krassem Gegensatz zu den tatsächlichen Entscheidungen, die am Berg gefällt wurden. Dies erfahrbar in eine Ausstellung zu verfrachten, ist eine der ambitionierten Aufgaben des Konzeptteams. So galt etwa die Buchenhöhe als potenzielle NS-Mustersiedlung. Charakteristika dieses »Mikrokosmos Obersalzberg« global zu betrachten – auch das sei eines der Ziele. »Normalität und Verbrechen lagen auf dem Obersalzberg sehr nah beieinander«, weiß Axel Drecoll.

Musealer möchte man zukünftig arbeiten, Schlüsselobjekte präsentieren, über welche man in vielfältiger Hinsicht Geschichten aus verschiedenen Perspektiven erzählen kann. »Früher hieß es, objektbezogene Ausstellungen stellten eine Gefahr der Verherrlichung dar«, sagt Albert Feiber. Heute sieht man dies deutlich lockerer.

Apropos Schlüsselobjekt: Auch Hitlers Bartbürste wäre ein interessantes Ausstellungsstück gewesen, für das sich die Verantwortlichen interessiert hatten. »Wir wollten sie ersteigern«, berichtet Drecoll. Allerdings wurde aus dem Wunschgedanken nichts. Einem Mitbieter war Hitlers Bürstchen mehr wert. Schließlich wechselte das »Schönheitsutensil« für rund 1 600 Euro den Eigentümer. Zu teuer für die IfZ-Leute. Kilian Pfeiffer