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Obersalzberger Schätze werden dokumentiert

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Kissen mit Hakenkreuz, handgestickt. Dr. Sylvia Necker begutachtet es.
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Zahlreiche Fotos aus den Kriegsjahren hat der Berchtesgadener Franz Stangassinger.
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Ein Kindergasbett sollte bei Giftgasanschlägen Schutz für die Kleinsten bieten. Mehrere gut erhaltene Exemplare hat Georg Renoth auf seinem Dachboden gefunden. (Fotos: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Ein Kindergasbett, Fotoalben vom Obersalzberg und ein gesticktes NS-Kissen mit einem »Gruss aus Berchtesgaden« sind nur einige private Erinnerungsstücke von Leihgebern im Institut für Zeitgeschichte, die am Donnerstag in der Dokumentation Obersalzberg vorgestellt wurden.


Derzeit laufen die Planungen für den Erweiterungsbau samt einer neuen Dauerausstellung auf Hochtouren. Und noch immer ist man auf der Suche nach Fundstücken aus der Zeit des Nationalsozialismus, wie Kurator Albert Feiber bestätigt.

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Wenn Franz Stangassinger über seine Fotoalben spricht, kommt er aus dem Reden gar nicht mehr heraus. Die Familie Stangassinger hatte einen Hof auf dem Obersalzberg, der zwangsverkauft werden musste. Seine Großeltern wohnten »direkt gegenüber vom Hitler-Haus«, sagt er. Drei Tage Zeit hatte die Familie damals, um auszuziehen und alle Kühe zu verkaufen. Geblieben sind Franz Stangassinger, Jahrgang 1943, noch einige Fotoalben aus dieser Zeit, die etwa seine Mutter Johanna zeigen, die Großeltern, das Haus von innen.

Dominik Baumüller ist zwar kein Zeitzeuge, dennoch hat er für das Institut für Zeitgeschichte Wertvolles zu Hause entdeckt: ein Schulheft mit zeitgeschichtlich relevantem Inhalt. Baumüllers Großvater, Dr. Richard Seitz, war der Besitzer des Kindersanatoriums am Obersalzberg. Fünf Jahre lang, von 1931 bis 1936, wurden die Seitz-Kinder, darunter auch Baumüllers Mutter Eleonore, im Kindersanatorium von einer Hauslehrerin unterrichtet. »Sie bekamen die Aufgabe, ein Schulheft über den Bau von Görings Haus zu führen«, sagt Baumüller. Das kleine Heft ist in sensationellem Zustand, außen bunt beschriftet, innen finden sich mit Kinderhand dokumentierte Erlebnisse der Mutter in jungen Jahren, die eine Art Tagebuch über die Baugeschichte des Göring-Hauses am Obersalzberg führte.

Kindergasbettchen aus den 30er-Jahren

Ein ganz besonderes Fundstück kommt von Georg Renoth aus Berchtesgaden. »Als ich unseren Dachboden durchstöbert habe, bin ich auf eine große Kiste gestoßen.« Darin: drei originalverpackte, hervorragend erhaltene Kindergasbettchen, gedacht für Renoths Vater und dessen drei Geschwister, die im Fall eines Giftgasangriffs in die Bettchen gelegt werden sollten. Diese sind jeweils mit Filtern und einem Blasebalg ausgestattet, um den darin liegenden Kindern Frischluft zuführen zu können. »Ich hatte anfangs nicht gewusst, was das war«, erzählt Renoth. Erst nach einer Recherche und dem Zusammenbau war klar, dass es sich um Kindergasbetten aus den 1930er-Jahren handelt.

Viele weitere Objekte haben die Kuratoren der Dokumentation Obersalzberg bislang zusammengetragen. So erhielten sie von Zeitzeugen Fotoalben von einem Mitglied der SS-Standarte oder ein liebevoll gepflegtes, im Leineneinband befindliches Album mit Todesanzeigen gefallener Berchtesgadener Soldaten. »Für uns sind das sehr wichtige Stücke im Hinblick auf unsere Ausstellungserweiterung«, sagt Albert Feiber. Besondere Kunstdrucke wurden den Historikern überlassen, vom Obersalzberg aus gekauft bei der Deutschen Kunstausstellung, oder aber Postkarten mit »vielen Grüßen« von »unseres Führers Landhaus Wachenfeld«.

Hitler-Bezug mit Hakenkreuz

Der bestickte Hitler-Bezug mit Hakenkreuz und »Gruss aus Berchtesgaden« ist ein ebenfalls gut erhaltenes Erinnerungsstück, das zu damaliger Zeit keine Seltenheit war. Allerdings sind nur wenige Exemplare überliefert. Ein Entlassungsschein aus dem Konzentrationslager Mauthausen gilt als Zeitdokument, das aber noch ein paar Fragen offen lässt. Bekannt ist, dass der Berchtesgadener Michael Hallinger mehrere Monate im KZ war und dieses wieder verlassen durfte. »Die Gründe dafür kennen wir aber nicht«, sagt Dr. Sylvia Necker vom Institut für Zeitgeschichte.

Den Platterhof am Obersalzberg ließ man damals abreißen, heute sammelt man wieder Erinnerungsstücke, die an dessen Anfangszeit erinnern: Die IfZ-Leute kamen etwa in den Besitz eines Bierkruges, der eigens für das Richtfest des Platterhofes gestaltet worden war und ein grünes Ross zeigt. Ein in Leder gebundenes Fotoalbum mit dem Aufdruck »Aus meiner Dienstzeit« bildet das Leben eines Berchtesgadener Soldaten ab, in ebenfalls bestechender Qualität erhalten.

Weitere Ausstellungsstücke gesucht

Beim Institut für Zeitgeschichte zeigt man sich zwar mit der »Ausbeute« schon recht zufrieden, für die neue Ausstellung, die spätestens 2021 eröffnen soll, benötigt man aber noch deutlich mehr Erinnerungsstücke. Denn im Erweiterungsbau und der grundlegend neu gestalteten Dauerausstellung soll die bisherige Erfolgsgeschichte der Dokumentation Obersalzberg fortgesetzt werden. Die Ausstellungsmacher interessieren sich für Fotos, private Dokumente und Gegenstände, die eine Geschichte erzählen und die nationalsozialistische Herrschaft veranschaulichen. Also nicht nur Fundstücke vom Obersalzberg, sondern auch über die Region hinaus, sagt Kurator Albert Feiber.

Dabei müsse es sich nicht um Außergewöhnliches handeln. Gern gesehen sind auch »triviale Alltagsgegenstände, die die Erfahrungswelt des Einzelnen darstellen. IfZ-Mitarbeiter und Dokumentationskurator Dr. Sven Keller sagt, dass das Institut auch auf der Suche nach »Erinnerungsstücken und Geschichten aus der Zeit vor 1933« sei, als Hitler den Obersalzberg als Feriendomizil entdeckte. Wichtig ist aber auch die Zeit nach 1945, in die etwa die Kontakte zwischen Einheimischen und US-Soldaten fallen. »Auf unseren Dachböden schlummert so viel, von dem wir bislang noch gar nichts ahnen«, sagt Feiber.

Wer Fundstücke besitzt und zur Ausstellung als Leihgaben beisteuern möchte, kann Kontakt mit dem Institut für Zeitgeschichte unter Telefon 089/12688253 oder per E-Mail sammlungobersalzberg@ifz-muenchen.de aufnehmen. Kilian Pfeiffer