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»Ohne Publikum kein Mobbing«

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Der Referent des informativen Abends zum Thema »Medieneignung 10- bis 14-Jähriger mit Schwerpunkt Cybermobbing«, Oliver Arnold (2.v.r.), mit (v.l.) Peter Neugebauer, IT-Systembetreuer der Mittelschule Berchtesgaden, Diplompädagogin und Schulsozialarbeiterin Jennifer Busch, Beratungslehrer Richard Hartmann und Uwe Käppel, Vertrauenslehrer und Koordinator des Konzepts der Sozialwirksamen Schule. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Um das Thema »Medieneignung 10- bis 14-Jähriger mit dem Schwerpunkt Cybermobbing« ging es kürzlich im Mehrzwecksaal der Mittelschule Berchtesgaden. Auf dem Programm stand ein von Schulsozialarbeiterin Jennifer Busch initiierter Informationsabend mit Oliver Arnold von der Stiftung Medienpädagogik, selbst Vater von zwei acht- und zehnjährigen Kindern.


Neben der eigentlichen Zielgruppe, den Eltern, waren auch Schulleiterin Annette Ritter und Konrektor Johannes Kumeth mit etlichen Lehrern erschienen. Der Berufsschullehrer und IT-Systembetreuer Arnold begann seinen Vortrag mit Fakten über die Mediennutzung: Nahezu alle Kinder ab zwölf Jahren besäßen ein Smartphone und kommunizierten auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder WhatsApp. Die vielfältigen Funktionen von Smartphones seien von Eltern kaum zu kontrollieren. Überdies seien die Medieninhalte auf vielfältigen Geräten verfügbar (»Crossmedia«) und die Nutzung deswegen schwer zu verhindern.

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Als negative Begleiterscheinung moderner Medien komme es leider auch vermehrt zu Cybermobbing. Dies sei das absichtliche Beleidigen, Belästigen, Schikanieren, Bloßstellen, Ausgrenzen, Bedrohen oder Betrügen von »Opfern« über einen längeren Zeitraum. Besonders warnte der Referent davor, sexuell freizügige Fotos zu schießen oder schießen zu lassen, die ins Netz gelangen könnten. Was einmal dorthin gelangt, sei durch die Möglichkeiten der Speicherung und Vervielfältigung auf Dauer präsent und nicht mehr wirklich zu beseitigen. Arnold wies in diesem Zusammenhang auf den bekannten Fall der jungen Amanda Todd hin, die in bewegenden Bildern auf Youtube ihr Schicksal geschildert hatte und sich kurz darauf das Leben nahm.

Rund ein Viertel der Jugendlichen kenne Mobbingfälle, etwa jeder Zehnte wurde schon selbst einmal zum Mobbingopfer. Heutiges Cybermobbing sei ortsunabhängig, es geschehe zu allen Zeiten, auch mitten in der Nacht und erreiche ein riesiges Publikum. Bei durchschnittlich 250 Kontakten in den sozialen Netzwerken pro Jugendlichem rechne man bei Weiterleitung mit etwa 25 000 Freundesfreunden. Erleichtert würden das Mobbing durch eventuelle Anonymität und die Distanz zum Opfer. Das Kräfteverhältnis zwischen Täter und Opfer, das im wirklichen Leben regulierend wirke, spiele hier keine Rolle mehr. Auch fehle den Tätern oft das Bewusstsein für ihr straffälliges Verhalten. Durch Mobbing werden oft Straftaten wie Beleidigung, Verleumdung, Stalking, Nötigung, Bedrohung oder Verletzung des Rechts am eigenen Bild begangen. Jugendliche unter 14 seien strafunmündig, jedoch ab sieben Jahren schadenersatzpflichtig, was für Eltern heißt, dass sie für eventuelle Auswirkungen des Mobbings aufkommen müssten. Deswegen sei es sinnvoll, im Internet abrufbare schriftliche Nutzungsvereinbarungen mit den Kindern gemeinsam zu fixieren, was wichtig sein könne in Bezug auf die Elternhaftung bei Verstoß der Kinder gegen Gesetze.

Ansetzen könne man beim Kampf gegen Cybermobbing am besten bei der großen Anzahl von Mitwissern, den sogenannten Verstärkern und Bystandern. Mobbingfälle werden meist von Eltern der Bystander ans Tageslicht gebracht, denn die Opfer selbst schweigen oft und ziehen sich zurück. Es gibt kein Mobbing ohne Publikum: Wenn die Mitwisser von Elternhaus und Schule für die Problematik sensibilisiert werden und die Empathie für die Opfer gefördert wird, wenn sie ermutigt werden, Position zu beziehen und Geschehnisse abzulehnen und in der Schule oder zu Hause anzusprechen, könnte das Cybermobbing mit seinen erheblichen Folgen für die Opfer – wie Schwächung des Selbstwertgefühls, Stress, Ohnmacht, Lustlosigkeit, Leistungsabfall, psychosomatische Erkrankungen, Depressionen mit Suizidgedanken bis hin zum durchgeführten Suizid – erheblich eingedämmt werden.

Im konkreten Fall sei es für die Opfer wichtig, Beweise wie Screenshots und Ausdrucke zu sichern, Kontaktdaten zu ändern und den Täter anzusprechen und ihm die Konsequenzen klarzumachen. Eltern eines Opfers sollten mit Sensibilität und Verständnis gegenüber ihrem Kind vorgehen, einen gemeinsamen Maßnahmenplan absprechen und nur mit seiner Zustimmung agieren. Sinnvoll sei oft die Information von Lehrern oder Schulsozialarbeitern. Die Kontaktaufnahme mit der Polizei solle nicht der erste Schritt sein, da diese bei Straftatbeständen gezwungen sei, in diese Richtung zu ermitteln und Anzeige zu erstatten. fb