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»Ois is Blues«

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Eine lebende Legende: Isarindianer Willy Michl. (Foto: Tessnow)

Schönau am Königssee – Es gibt Konzerte der eigenen Art und es gibt Künstler der eigenen Art. Treffen beide Konstellationen zusammen, darf sich das Publikum auf eine außergewöhnliche Veranstaltung freuen.


So geschehen am Donnerstagabend im Gasthaus »Unterstein« in Schönau am Königssee. Denn da stand Willy Michl, der Isarindianer, vor »seinen lieben Freunden«. Wie gewohnt in markanter Tracht und mit Adlerfedern geschmückt.

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Würde es ihn nicht geben, müsste man ihn erst erfinden. Das tat Michl bereits vor Jahrzehnten und ist seither eine lebende Legende und schrille bayerische Ikone gleichzeitig. Da Michls Beziehung zum Berchtesgadener Talkessel auch schon ewig eine intime ist, wollte der indianische Blues-Bayer an diesem Abend wieder aus seinem reichen Fundus an persönlichen Erlebnissen schöpfen.

Und außerdem ist ja sowieso »ois Blues«. Und so slidete der freundliche Exot auf dem Griffbrett seiner Ovation-Gitarre über die Saiten. An ein konkretes Timing hält er sich dabei selten und auch seine Soli wirken manchmal etwas unsortiert. Aber das ist halt sein Stil. Seinen Songs verleiht Michl somit einen ganz eigenen Schwung, wie eine Adlerfeder, die sich in der Freiheit der Lüfte noch den richtigen Weg sucht. Konsequenterweise begann Michl mit dem Opener »Blues goes to mountain«.

Aber Willy Michl verpackte am Abend nicht nur alte Anekdoten in Blues-Akkorde, sondern ließ auch ab und zu gesellschaftskritische Spitzen von der Bühne. Manchem Politiker ging es dabei unbequem an den »Skalp« und auch seine besonderen Freunde, die Gebirgler, sollen sich nicht von den Demagogen auf falschen Fährten hinreißen lassen.

Ein stimmungsmäßiges Highlight des Abends war wie erwartet auch das »Bobfahrerlied«. Michl schrubbte über die Saiten und das Publikum wedelte mit den Armen die Links- und Rechtskurven durch. Wer Michl nur auf sein »Isarflimmern reduziert, musste sich bis zum Konzertende gedulden. Denn für ihn ist ein Konzert nicht einfach nur ein Konzert, sondern eine Herzensangelegenheit. Es ist ein Treffen mit Freunden und gleichzeitig Zelebration sowie Appell zur gesellschaftlichen Harmonie. Jörg Tessnow