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»Olympia 2022 ist die letzte große Chance«

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Christian Neureuther (l.) und »Anzeiger«-Reporter Christian Wechslinger kennen sich aus alten Zeiten. Der Sportjournalist unterhielt sich mit dem ehemaligen Skirennläufer unter anderem über die Chancen einer Olympiabewerbung. Anzeiger-Foto

Berchtesgaden – Beim Treffen ehemaliger Skirennläufer und Trainer des Deutschen Skiverbandes in Berchtesgaden war auch Christian Neureuther dabei. Als Partenkirchener ist der 64-Jährige natürlich auch in die Olympiabewerbung 2022 involviert und gab dem »Berchtesgadener Anzeiger« dazu gerne Auskunft. Neureuther stand in seiner Laufbahn als Slalomläufer 20-mal auf dem Siegerpodest und gewann sechs Weltcup-Slaloms. Bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid 1980 verpasste er knapp eine Medaille.


Herr Neureuther, wie ist in Garmisch-Partenkirchen die Stimmung im Hinblick auf die Olympiabewerbung 2022?

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Christian Neureuther: Das Wichtigste ist, dass die Bürgerinnen und Bürger am 10. November zur Wahl gehen und bekunden, was sie möchten. Berchtesgaden hat natürlich durch seine oftmaligen Bewerbungen eine andere Geschichte als Garmisch-Partenkirchen. Es wird jedoch zugleich auf sehr lange Zeit die letzte Chance für alle sein, die Olympischen Winterspiele zu bekommen. Es wurde nämlich eindeutig festgelegt, dass sich München mit Berchtesgaden, Ruhpolding und Garmisch-Partenkirchen nur noch einmal um die Austragung Olympischer Spiele bewerben. Dann werden sich die Sommersportverbände um Olympische Spiele in Berlin bewerben.

Warum brauchen wir Olympische Spiele?

Neureuther: Weil ganze Regionen stark davon profitieren. Aber Olympische Spiele sind auch emotional eine starke Kraft. Wir können uns als perfekte Veranstalter präsentieren und auch unser Herz bei den Paralympics den Behinderten geben. Es ist auch die einmalige Chance, von Berlin bis Berchtesgaden den Sport neu zu positionieren. In Zeiten, in denen der Sport immer wichtiger wird, sind Olympische Spiele etwas unglaublich Wichtiges. Gerade in Zeiten, da Kinder immer mehr in eine Bewegungsarmut abdriften, kann der Sport wieder einen Stellenwert erhalten, den wir noch gar nicht erahnen. Beim Sport werden Kinder nämlich von einem breiten Umfeld betreut. Dann sitzen sie nicht mehr daheim vor dem Computer und wissen gar nicht, wo die Reise hingeht.

Stehen denn die Garmischer hinter der Bewerbung?

Neureuther: Jedenfalls mehr als bei der letzten Bewerbung, nachdem die Nordischen und die Biathlonbewerbe nach Ruhpolding kommen sollen. Es formieren sich natürlich auch Olympiagegner, aber damit sollten wir keine Probleme bekommen. Gegner derartiger Vorhaben wird es immer geben.

Was sind die stärksten Argumente für Olympia?

Neureuther: Wir haben bereits alle Voraussetzungen für Olympia und benötigen hinzu nur zirka ein Prozent neue Flächen. Bei uns ist es nicht so wie in Sotschi oder Korea, wo die Natur zerstört wird. Das passiert bei uns nicht, da werden Umweltkonzepte entwickelt, die Beispiel geben. Dass temporäre Anlagen für die Spiele gebaut werden, die danach wieder rückgebaut werden, hat es in dieser Dimension noch nie gegeben. Ein Bewerbungskonzept wie bei uns gab es noch nicht.

Nach einem nationalen Votum für die Spiele würde die internationale Bewerbung folgen. Wo sehen Sie München 2022 im Vergleich zu den anderen Bewerberorten?

Neureuther: Es ist sicher ein Vorteil, dass sich München das zweite Mal in Folge bewirbt. Freilich ist Norwegen mit Oslo ein ernst zu nehmender Gegner. Norwegen ist ein sehr reiches Land und vor allem auch für seine Verdienste um den Skisport nordisch und alpin sehr anerkannt. Aber da leitet mit Dr. Thomas Bach ja ein Deutscher die Geschicke im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und das sollte für uns sicher kein Nachteil sein.

Sie haben ja als ehemaliger Weltklasse-Skirennläufer sicher auch zu Berchtesgaden und zum Jenner Verbindungen.

Neureuther: Wir haben am Jenner oft trainiert. Und ich bin einmal 1977 Achter am Krautkaser geworden. Weitaus eindrucksvoller sind jedoch meine Erinnerungen an die legendären Slaloms an der Eiskapelle unterhalb der Watzmann-Ostwand. So etwas vergisst man nie. Wir haben dort einmal mit der Mannschaft trainiert. Nach dem Training habe ich meine Ski in der Gletscherspalte abgestellt und sie am nächsten Tag zum Training wieder heraus geholt.

Wie konnten Sie denn Ihren Sohn Felix so betreuen, dass er dorthin gekommen ist, wo er heute steht?

Neureuther: Das ist ein sehr komplexes Thema, das mich extrem belastet hat. Meine größte Sorge war immer, dass dem Felix nichts passiert. Dass er auch nicht am Druck, den wir indirekt ausgeübt haben, zerbricht. Es ist ein absoluter Glücksfall, dass der Bursch das alles geschafft hat. Wir haben unserem Sohn vorgelebt und ihn unterstützt, wo es nötig war. Vor allem aber haben wir ihn nie gepusht. Wir haben natürlich versucht, unseren Sohn vor Gefahren zu schützen, aber das ist ja nichts anderes als bei anderen Eltern auch. Ich gebe dazu immer ein Beispiel: Felix hat noch mit 13 Jahren nur zwei Paar Ski gehabt und das neue Paar gab es immer erst an Weihnachten.

Hansi Hinterseer sagte bei einem Gespräch einmal, dass er immer früh am morgen am Hahnenkamm Ski fährt und heimgeht, wenn die Massen kommen. Wie ist es bei Rosi Mittermaier und Christian Neureuther?

Neureuther: Genauso. Wir fahren mit der ersten Gondel und nie am Wochenende. Darüber hinaus weichen wir oft zum nordischen Langlauf aus, da haben wir unsere Ruhe. Christian Wechslinger