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Outdoor-Veranstalter soll Schüler getreten haben - 1 800 Euro Geldstrafe

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Berchtesgaden/Laufen – War es ein absichtlicher Stoß in den Genitalbereich, wie der 14-jährige Schüler behauptet, oder war es ein dummes Versehen, wie der 39-jährige Outdoor-Veranstalter beteuerte? Im Juli vergangenen Jahres soll der in einem Berchtesgadener Klettergarten einen Heidelberger Schüler mit dem Knie schmerzhaft verletzt haben. Am Laufener Amtsgericht belasteten die Mitschüler den Berchtesgadener, sodass dessen Verteidiger den Einspruch schließlich auf die Höhe des Strafbefehls beschränkte. 1 800 Euro zuzüglich der Prozesskosten hat der 39-Jährige für die »vorsätzliche Körperverletzung« zu zahlen.


»Was Sie erlebt haben, kann Ihnen keiner mehr nehmen.« So wirbt das Outdoor-Unternehmen für seine Angebote. Etwas erleben wollten auch Lehrer und Schüler der 8. Klasse des Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums aus Heidelberg - und verbrachten im Juli 2012 etliche Tage in einem Landschulheim im Berchtesgadener Land.

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Zunächst war die Truppe beim Rafting auf der Saalach unterwegs gewesen. »Rauer Ton, aber cool«, sollen die Schüler über den 39-jährigen Veranstalter damals geurteilt haben, berichtete der 53-jährige Lehrer der Klasse. Klare Ansagen und, wenn nötig, ein Klaps mit dem Paddel auf den Helm sollten den Schülern zeigen, wer hier der Chef ist.

Am Folgetag ging es in einen Berchtesgadener Klettergarten. Zweireihig standen die Burschen, um sich von dem Angeklagten und einem zweiten »Guide« die Gurte anlegen und prüfen zu lassen.

Dabei passierte dem 14-jährigen H. ein Missgeschick: Als er das Bein anhob, um in den Gurt zu steigen, traf er den vor ihm knienden Firmenchef mit dem Knie am Kopf. Ein Attest bestätigte dem später ein »Netzhaut-Ödem«, ein »blaues Auge«, wie Richter Christian Liegl es für jedermann verständlich ausdrückte. Das soll den Angeklagten so in Rage versetzt haben, dass er aufsprang, den Schüler an den Schultern packte und sein Knie in dessen Hoden rammte.

Zumindest behauptete das der Geschädigte und zwei seiner Mitschüler als Augenzeugen bestätigten diese Version. Ein weiterer Zeuge hatte das Geschehen nur teilweise mitbekommen. Der Angeklagte selbst sagte dazu gar nichts, er verweigerte als Beschuldigter die Aussage. Lediglich sein Verteidiger, Rechtsanwalt Jürgen Tegtmeyer, erklärte für ihn, dass dies nicht absichtlich geschehen sei, sondern beim Aufstehen wohl ein »Missgeschick« war. »Natürlich war das absichtlich, mit solcher Wucht zuzutreten, geschieht nicht unabsichtlich«, versicherte der ebenfalls 14-jährige Schüler E., der in der Reihe daneben gestanden war. »Ich war geschockt«, erinnerte der sich.

Geschockt sei auch der Verletzte gewesen. Aufgeschrien habe der, berichtete der Lehrer. »Fick dich, du Hurensohn«, habe der Schüler den Chef angeschrien und ihm dann ins Gesicht geschlagen. Eine Lehrerin und der Angeklagte selbst hatten H. daraufhin ins Krankenhaus nach Reichenhall gefahren, wo ein »Hodentrauma« festgestellt worden war, insgesamt aber Entwarnung gegeben werden konnte.

Verteidiger Tegtmeyer versuchte die Glaubwürdigkeit der Darstellungen zu erschüttern, indem er Abweichungen zur polizeilichen Vernehmung erkennen wollte. Vor allem aber sah der Rechtsanwalt die Mutter des Geschädigten, die noch am Tag des Geschehens nach Berchtesgaden gereist war und ebenfalls ins Laufener Gericht gekommen war, als treibende Kraft hinter den Anschuldigungen. Sie soll die Eltern der Mitschüler aufgefordert haben, deren Söhne mögen ein Gedächtnisprotokoll erstellen, um bei einem eventuellen Nachspiel keine Erinnerungslücken eingestehen zu müssen. »Wir wissen ja, wie solche Aussagen zustande kommen«, unterstellte Tegtmeyer, »und deren Entstehung ist das A und O im Strafprozess.« Im Übrigen habe sich sein Mandant entschuldigen wollen, was der Geschädigte aber nicht habe annehmen wollen.

Um die Zweifel an den jeweiligen Standorten und Blickwinkeln der Beteiligten zu beseitigen, ließ Liegl sie vor dem Richtertisch aufstellen. Zweimal bat der Verteidiger um Unterbrechung und um ein »Rechtsgespräch«, in dem sich Richter, Staatsanwältin und Verteidiger zurückzogen. Nach der zweiten Unterredung erklärte Tegtmeyer schließlich, dass man den Einspruch gegen den Strafbefehl von zunächst 4 600 Euro auf dessen Höhe beschränken wolle, auch wenn sein Mandant dabei bleibe, nicht bewusst oder mit Absicht zugetreten zu haben. »Vielleicht wollte er sich doch revanchieren«, mochte der Anwalt dann doch nicht zur Gänze ausschließen.

Staatsanwältin Susanne Schatt plädierte auf 60 Tagessätze zu je 30 Euro. Diese Höhe hielt ebenso Rechtsanwalt Florian Eder als Nebenklägervertreter für angemessen und auch Jürgen Tegtmeyer schloss sich dem an.

Richter Dr. Christian Liegl wertete die Rücknahme beziehungsweise die Beschränkung des Einspruchs »letztlich als Geständnis« und entschied auf eben jene 1 800 Euro. Hannes Höfer