weather-image
24°

Pfiat di, Mudi

2.7
2.7
Bildtext einblenden
Bürgermeister Franz Rasp (l.) und sein Marktbaumeister Helmut Graßl. Auf die aktuelle Stellenausschreibung haben sich schon viele Bewerber gemeldet, wie Rasp versichert. Anzeiger-Foto

Berchtesgaden - Helmut Graßl war schon der Marktbaumeister der Gemeinde, da war Bürgermeister Franz Rasp noch nicht mal volljährig. 24 Jahre lang hielt Graßl das Zepter in der Hand, richtete über Dachschrägen, Abwasserkanäle und Neubauten. »Ich war für alles unter und über der Erde zuständig«, sagt er im Gespräch mit der Heimatzeitung. Er sei der »Herr der Infrastruktur« gewesen, sagt sein Chef, Bürgermeister Franz Rasp, über ihn. Im September verabschiedet sich Graßl in die Pension.


Seit 1989 ist der Marktbaumeister im Amt. Und weiß, dass die Bezeichnung gar keine offizielle ist, sondern schon vor der Gebietsreform verwendet wurde. Was macht so ein Marktbaumeister eigentlich? Offiziell hat er die »Leitungs- und Überwachungsfunktion« inne, weiß Rasp. Graßl ist der Vorgesetzte von etwa 50 Beschäftigten, die beim Markt Berchtesgaden angestellt sind. Der Bauhof, aber auch der Friedhofsverband stehen unter ihm. Ob Hochbau, Tiefbau, Kläranlage oder Wasserwerk. Graßl ist der Chef und sagt, er habe den schönsten Beruf, »den es in Berchtesgaden gibt«.

Anzeige

Derweil hatte er schon davor einen guten Job. Im Landratsamt. Dort wachte er über Pläne, Genehmigungen - über sämtliche Bauten innerhalb des Landkreises. »Ich wurde damals oft gefragt und sogar angegangen, warum ich meinen sicheren Job an den Nagel hänge und hier im Ort Marktbaumeister werden will.« Der Grund war einfach: Graßl wollte sich mehr engagieren, etwas bewegen, sagt er. Mit der Heimat, die ihm nach eigener Aussage sehr am Herzen liegt, müsse man sorgfältig umgehen. »Ein nicht gebautes Haus ist mir lieber als ein zu viel gebautes.«

Früher, da war vieles anders. Da gab es sogar Zeiten, in denen die Baugestaltung in Händen des Marktes lag. »Das war alles klar geregelt«, weiß Helmut Graßl. Da wurde über Dachneigungen, Fensterwahl und Eindeckung entschieden. Heute habe der Markt in diesem Bereich keine Gestaltungsmöglichkeiten mehr. Eher beratende Funktion, die aber nicht bindend ist.

Der gesamte Gemeindebereich ist Graßls Baustelle. Vom Kanaldeckel bis hoch zum Rathausdach, von der Langlaufloipe bis hin zur Trinkwasserversorgung, von der Parkbank bis hin zur Kläranlage. Im Laufe der Jahre hat sich viel geändert. Nicht unbedingt die Zuständigkeiten, dafür aber die Umstände. So waren die vergangenen zehn Jahre von einem deutlichen Personalabbau im Bauhof gekennzeichnet. Ein Viertel der Beschäftigten ist weg. Der Markt muss sparen, einige Arbeiten sind weggefallen, durch die zunehmende Technisierung überflüssig geworden.

Helmut Graßl sagt, dass jeder einzelne Tag in seiner Marktbaumeister-Karriere ein besonderer war. Eine fast schon romantische Vorstellung - doch folgt man dem Baumeister und seinen Ausführungen, wird schnell klar, dass es wohl auch die Leidenschaft ist, die ihn immer wieder anspornt. Denn besondere Momente gab es zuhauf, positive und solche, die er nicht gerne ein zweites Mal erlebt. Etwa das Unwetter von 1998 in Maria Gern. Als der Katastrophenfall ausgerufen wurde, weil Wassermassen einen ganzen Ortsteil überschwemmten. Ein Millionenschaden. »Das war übrigens auch der Zeitpunkt, als die ersten Diensthandys aktuell wurden.« Denn die Katastrophe wurde vom damaligen Wassermeister mit dessen Privathandy gemanagt, wie Graßl zu berichten weiß. Mittlerweile rufe dieser aus der Karibik den Wasserstand des Hochbehälters via Handy ab. »So ändern sich die Zeiten.«

Apropos Änderungen: »Ja, da gibt es schon einiges«, sagt Graßl. Die Dokumentationspflichten haben zugenommen. Auch habe sich der qualitative Anspruch des gemeinen Bürgers weiterentwickelt, pflichtet Bürgermeister Rasp bei. Gleich geblieben sei hingegen Folgendes: »Wenn es schneit, müssen wir Schnee räumen.« So, so.

Unglaublich spannend sei die Tätigkeit des Marktbaumeisters: Er habe Baugebiete ausgewiesen, den Kanalbau begleitet, das »Haus der Berge« von der ersten Nennung im Jahr 2003 bis heute verfolgt, trat beim Gymnasium Berchtesgaden als Vertreter des Bauherrn auf und war ständiger Begleiter beim Thema Hotel »Post«. Nicht nur Schlaglöcher fallen in sein Zuständigkeitsgebiet, sondern eben auch, dass garantiert sein müsse, dass zu jedem Zeitpunkt Wasser bester Qualität zur Verfügung steht, sobald man als Bürger den Wasserhahn betätigt.

»Ich weiß abends noch nicht, was mich am nächsten Tag erwartet«, so Graßl. Einen Großteil seiner Arbeitszeit nehme jedoch die Vorbereitung auf die Gemeindesitzungen ein. »Bei uns sitzt der Marktbaumeister in jeder Versammlung mit drin«, weiß Rasp. Transparenz sei das A und O, eine gute Zusammenarbeit zwischen Bürgermeister und dem »Herrn der Infrastruktur« maßgeblich, um erfolgreich zu sein. Da kann es schon mal sein, dass es untereinander lauter wird. Weil der Marktbaumeister eine andere Meinung vertritt als der Gemeindechef. Und wer hat das letzte Wort? »Ich«, sagt Franz Rasp und lacht. Einer muss der Chef sein.

Helmut Graßl wird im September in die Pension gehen. Dass es ihm, dann ganz ohne offiziellen Aufgabenbereich, langweilig werden könnte, da hat er keine Bedenken. »Ich habe mein Leben generalstabsmäßig geplant - auch im Ruhestand.« Graßl habe da so ein Buch zuhause. 450 Sehenswürdigkeiten sind dort drin aufgelistet. Einige davon hat er bereits besucht. Graßl ist sich sicher, dass noch ein paar dazukommen werden. kp